Warum Erdogan die nächste islamische Gruppierung ins Visier nimmt

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Von: Erkan Pehlivan

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Erdogan nimmt offenbar die nächste islamische Gruppierung in der Türkei ins Visier. Dahinter steckt offenbar eine offene Rechnung wegen mangelnder Unterstützung.

Ankara – Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte in seiner Fraktionsrede am 14. Mai erneut seine Gegner angegriffen, die er als „dunkle Organisation“ und „Krake“ bezeichnet. „Diese dunkle Organisation beschränkt sich nicht nur auf Istanbul, sondern hat sich zu einer Krake entwickelt, der viele Gemeinden, Institutionen und Einzelpersonen im Land umfasst, mit Zweigstellen, die sich an viele verschiedene Orte erstrecken und sogar internationale Ableger haben“. Gemeint war nicht nur die Oppositionspartei CHP oder der inhaftierte Istanbuler Bürgermeister Ekrem Imamoglu, dem Erdogan Korruption vorwirft.

„Das Netzwerk verschachtelter Beziehungen, von dem man bisher dachte, es betreffe nur einige politische Parteien und Politiker, erstreckt sich nun offenbar von der Bürokratie bis in die Geschäftswelt und die Medien und von manchen religiösen Gruppen bis zu den Geheimdiensten“, so Erdogan. Im Visier der Rede waren neben Imamoglu vor allem die sogenannten „Süleymancılar“. Gemeint sind damit die Anhänger des 1959 verstorbenen Süleyman Hilmi Tunahan, der Gründer und die spirituelle Leitfigur der islamischen Strömung. So wie Imamoglu erklärt der türkische Präsident die Gruppe praktisch zum Feindbild.

Erdogan lässt Razzia gegen „Süleymancılar“ durchführen 

Was lange befürchtet war, folgte nur kurze Zeit später. Nach dieser Erklärung wurden vier Mitglieder der islamischen Gruppe in Ankara festgenommen. Die nationalistische Zeitung Aydinlik berichtet, dass unter den Festgenommenen auch ein „hochrangiger Justizbeamter“ sein soll. Die Zeitung, die der ebenfalls nationalistischen Vatan Partisi unter Führung von Dogu Perincek nahesteht, ist gleichzeitig ein Partner der Regierung von Präsident Erdogan. In der Vergangenheit hat Perincek die Regierung gerade im Hinblick auf die Massenverhaftungen und Säuberungen im Militär und Staatsapparat offen unterstützt.

Erdogan bezeichnet die sogenannten „Süleymancilar“ als Krake.
Der türkische Präsident lässt Jagd auf die nächste islamische Gruppierung in der Gruppierung machen. © dpa/Marton Monus

Geführt werden die Anhänger von Tunahan von Alihan Kuriş, einem Enkel von Süleyman Hilmi Tunahan. Der ehemalige Abgeordnete der Regierungspartei AKP, Fatih Süleyman Denizolgun, heizt die Stimmung gegen die Gruppierung mächtig an und wirft ihr Terrorismus vor. „Es handelt sich um die größte Terrororganisation der Weltgeschichte“, schreibt der ehemalige Parlamentarier auf X. Das System von Kuriş sei „ein Netzwerk des Verrats“. Denizolgun ist gleichzeitig der Cousin von Kuriş.

Erdogan rächt sich für Schlappe bei Kommunalwahl

Der türkische Journalist Rusen Cakir vermutet hinter der Razzia gegen die Süleymancılar eine offene Rechnung von Erdogan, dessen AKP bei den Kommunalwahlen 2024 in der Türkei eine herbe Niederlage erlitten hat. Imamoglu gewann in Istanbul, dem Finanz- und Wirtschaftszentrum der Türkei. „Die Süleymancılar haben die AK-Partei nicht unterstützt. Soweit ich weiß, haben sie sie nie unterstützt“. Laut Cakir drohen der Gruppe Razzien.

Lässt Erdogan nächste Gruppe zur „Terrororganisation“ erklären?

Islamische Gruppierungen, die Erdogan nicht offen unterstützen oder mit dem mächtigen Mann in Ankara brechen, haben es schwer. Nach dem Putschversuch 2016 etwa ließ Erdogan die Gülen-Bewegung zur Terrororganisation erklären. Fortan wurde sie „FETÖ“ (Fethullah´sche Terrororganisation) genannt. Hunderttausende Anhänger der Bewegung wurden seither verhaftet, Vermögenswerte dieser Menschen beschlagnahmt und sie sogar im Ausland vom türkischen Geheimdienst MIT in die Heimat entführt.

Ob Erdogan auch bei den Anhängern von Süleyman Hilmi Tunahan die gleiche Hexenjagd machen wird, bleibt offen. Davor warnt allerdings Cakir. „Selbst wenn den Süleymancılar ein Schlag verpasst wird, wird der Verlierer Erdogan sein“, so Cakir auf seiner eigenen Medienplattform Medyascope. Seit langem wird in der Türkei gegen die Gruppe gehetzt. „Seit einiger Zeit haben einige der Regierung nahestehende Personen, sagen wir Trolle, Journalisten, die Süleymancılar in einer sehr ernsten Weise ins Visier genommen.“

Steinmeier würdigt deutschen Ableger für Verdienste

In Deutschland ist die Gruppe unter der Dachorganisation „Verband der Islamischen Kulturzentren“ (VIKZ) bekannt, die mit rund 300 Gemeinden der drittgrößte und älteste große Islamverband ist. Zum 50-jährigen Bestehen hatte 2023 Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an den Festlichkeiten der VIKZ teilgenommen. Steinmeier würdigte in seiner Rede den Dachverband. „Schon seit den 1980er Jahren bildet der VIKZ seine Imame in Deutschland aus. Heute sind die männlichen wie weiblichen Hocas (Predigerinnen) meist hier geboren oder aufgewachsen und repräsentieren die Verwurzelung des Islam in unserem gemeinsamen Land“, sagte Steinmeier.

Gerüchten zufolge soll Kuriş, das Oberhaupt der Gruppe, sich in Deutschland befinden. Überprüfen lässt sich das aber nicht, denn Fragen zu den Hintergründen der Geschehnisse in der Türkei wollte uns die VIKZ nicht beantworten. (erpe)

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