Islamische Mini-NATO: Warum das „Bündnis gegen unbekannt“ neue Unsicherheit bringen könnte

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Von: Alexander Görlach

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Atomare Schlagkraft, eine der größten NATO-Armeen und fast unbegrenzte Finanzmittel stecken in einem neuen Bündnis. Das wird es trotzdem schwer haben, analysiert Alexander Görlach.

Dieses Bündnis wirft schon durch seine Zusammensetzung Fragen auf. Pakistan besitzt Atomwaffen. Die Türkei verfügt über eine der größten Armeen der NATO und eine zunehmend eigenständige Rüstungsindustrie. Saudi-Arabien wiederum besitzt nahezu unbegrenzte finanzielle Möglichkeiten. Zusammen ergeben die drei Staaten eine bemerkenswerte Kombination aus nuklearer Abschreckung, militärischer Schlagkraft und Kapital.

Unterzeichnung vom „Mekka-Verteidigungspakt“ (v.l.): Recep Tayyip Erdoğan, Mohammed bin Salman und Shehbaz Sharif (Aufnahme vom 7. August 2026)
Unterzeichnung des „Mekka-Verteidigungspakt“: Recep Tayyip Erdoğan, Mohammed bin Salman und Shehbaz Sharif (v.li.) © Handout/Pakistan Prime Minister‘s Office/AFP

Am Freitag haben Saudi-Arabien, Pakistan und die Türkei in Mekka ein gemeinsames Verteidigungsabkommen unterzeichnet. Der zentrale Satz des Abkommens klingt wie eine regionale Variante des NATO-Artikels 5: Ein bewaffneter Angriff auf einen der drei Staaten soll als Angriff auf alle drei gelten. Eine „islamische NATO“, wie eine russische Zeitung es nannte, ist das neue Bündnis deshalb noch lange nicht. Aber die Bezeichnung ist auch nicht völlig aus der Luft gegriffen.

Dreier-„NATO“: Erdogans Ministerium beschwichtigt – in Israel zweifelt man

Denn erstmals werden die militärischen Fähigkeiten dieser drei Staaten in einem gemeinsamen Sicherheitsrahmen miteinander verbunden. Und genau das verändert die strategische Landschaft von Südasien über den Persischen Golf bis zum östlichen Mittelmeer.

Gegen wen richtet sich dieses Bündnis? Die Antwort darauf lautet: Gegen Unbekannt. Die „Proto-NATO“ richtete sich gegen die Bedrohung durch die Sowjetunion. Das transatlantische Bündnis hatte dann auch folgerichtig eine Sinnkrise nach dem Zerfall der UdSSR. Der französische Präsident Macron attestierte dem Bündnis im November 2019 schließlich den „Hirntod“. Seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine am 24. Februar 2022 hat die NATO im Russland Wladimir Putins jedoch ihren alten Gegner wieder. Das türkische Außenministerium flankierte die Unterzeichnung des Abkommens nun mit dem Zusatz, dass sich das Bündnis gegen kein Land im Speziellen richte.

In Israel schenkt man dieser Ankündigung keinen Glauben. Präsident Erdogan gilt in dem Land schon seit 2009 als ein Gegner Israels, seit er nach einer erhitzten Diskussion mit Israels Präsident Shimon Peres in Davos vorzeitig das Panel verließ. Teheran und Saudi-Arabien haben in den vergangenen Monaten an einem eigenen Nichtangriffspakt gearbeitet. In Teheran gab man sich daher auch demonstrativ gelassen.

Die drei Staaten haben völlig verschiedene Sicherheitsinteressen: Pakistan mit seinem Erzfeind Indien und dem Taliban-Regime nebenan in Afghanistan. Saudi-Arabien ist im Konflikt mit den mit dem Iran verbündeten Houthis im Jemen, die Türkei wiederum befürchtet erneute Instabilität und Aufstände im benachbarten Syrien. Soll die saudische Armee künftig gemeinsam mit der türkischen auf syrischem Territorium für Sicherheit sorgen? Oder will Pakistans Armee mit Riad gegen die Houthis kämpfen?

Türkei, Pakistan, Saudi-Arabien: „Mini-NATO“ könnte mehr Unsicherheit in die Region bringen

In einer positiven Lesart des Vorgangs kann man den Fortgang eines Trends sehen: Angesichts des Rückzugs der USA von der internationalen Bühne suchen die Verbündeten, ihre Sicherheit durch neue Abkommen zu erhalten. Es ist das Zeitalter des „Minilateralismus“, der vielen kleinen Bündnisse, bei denen ein Akteur sich nach mehreren Seiten absichert. So hat Saudi-Arabien zuerst im September 2025 ein Abkommen mit Pakistan und dann im November 2025 ein weiteres Sicherheitsabkommen mit Washington geschlossen. Für Riad ist das kein Widerspruch. Die militärische Vertragsvielfalt scheint sich auf die ökonomische zu beziehen – die verschiedenen Freihandelsabkommen, die Nationen miteinander schließen. Doch in Sachen Handel sind die Interessen anders, deutlich klarer gelagert, als in Sachen militärischer Sicherheit. Zudem gibt es mit der Welthandelsorganisation eine etablierte Institution, die Handelskonflikte schlichtet.

Wo die Grenzen von Sicherheitsbündnissen liegen können, zeigt der aktuelle Krieg zwischen dem Iran einerseits und den USA und Israel andererseits. Obschon die Regierungen in Washington und Jerusalem enge Verbündete sind, streiten sie doch darüber, wie der Krieg gegen die Proxys des Iran im Libanon ausgetragen werden soll. Zudem liegen US-Präsident Trump und Israels Regierungschef Netanjahu im Hinblick auf einen Friedensplan für Gaza über Kreuz.

Diese Gemengelage zwischen alten Verbündeten bedeutet für neue Partner wie Saudi-Arabien, Pakistan und die Türkei, dass sie ihre gemeinsamen und verschiedenen Interessen ausloten müssen, bevor einer von ihnen den Bündnisfall ausruft. Doch das ist bis dato nicht geschehen. Diese neue „Mini-NATO“, die im Übrigen nicht die Interessen der anderen, kleineren Länder in der Region zu berücksichtigen beabsichtigt, könnte daher sogar mehr Unsicherheit in die Region bringen als das intendierte Gegenteil. Wer sich nach allen Seiten absichert, ist am Ende nicht unbedingt sicherer als zuvor. (Alexander Görlach)

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