Trumps Totalversagen – und ein Ablenkungsmanöver: Was der Dieseldeal mit Putin wirklich bedeutet
Uns auf Google folgenVor den Midterms verkündet Trump den Dieseldeal mit Russland. Doch die Folgen werden wohl nicht die gewünschten sein. Eine Analyse.
Nun fordert Donald Trump Neuwahlen in der Ukraine, um mit einer weiteren Volte von seinem geopolitischen Totalversagen abzulenken. Ein neuer Präsident, so Trump, wäre in der Lage, Frieden mit dem angreifenden Russland zu schließen. Dabei vergisst der New Yorker Immobilien-Entwickler, dass er seinerzeit vollmundig getönt hatte, den Krieg Russlands gegen die Ukraine in nur einem Tag zu beenden. Das ist nicht geschehen, und selbst das Ausrollen des Roten Teppichs für Putin im US-amerikanischen Alaska am 15. August 2025 brachte keinen Durchbruch. Trump war zunehmend frustriert von der Haltung des Kreml, doch nun braucht er Wladimir Putin, und deshalb wendet sich das Blatt wieder zu Ungunsten der Ukraine.

Donald Trumps Krieg gegen den Iran hat die weltweiten Sprit- und Dieselpreise in astronomische Höhen katapultiert. In den USA, in denen am 3. November bei den Midterm-Wahlen das gesamte Repräsentantenhaus und rund ein Drittel des Senats neu gewählt werden, könnte sich das fatal für die Republikaner auswirken. Nach Prognose-Modellen verliert die Partei Trumps das Repräsentantenhaus, mit hoher Wahrscheinlichkeit auch den Senat. Die Ankündigung des US-Präsidenten, russischen Diesel auf den amerikanischen und den Weltmarkt zu bringen, kann als Signal an seine Wähler vor den Zwischenwahlen gelesen werden: Der Präsident tut etwas gegen die Rekordpreise.
Trump gibt Selenskyj die Schuld – Putins Dieselversprechen ist erstmal nur ein symbolisches Zeichen
Eine Gallone Diesel kostete Anfang Oktober im Schnitt rund 6,20 Dollar, vor einem Jahr waren es rund 3,70 Dollar, ein Plus von etwa zwei Dritteln. Ende September hatte der Preis mit rund 6,50 Dollar sogar einen Rekord verzeichnet. Mehr als ein symbolisches Zeichen dürften die ersten 300.000 Tonnen jedoch kaum sein, sie decken rechnerisch nur etwa 14 bis 15 Stunden des amerikanischen Dieselverbrauchs.
Donald Trump hat als Schuldigen für diesen Zustand nicht sich selbst, sondern eben Ukraines Präsident Selenskyj ausgemacht. Dessen Bombardement russischer Öl- und Dieselraffinerien habe aufzuhören, so seine Forderung. Präsident Selenskyj bot am 11. Oktober an, die Angriffe auf russische Raffinerien einzustellen, wenn Russland im Gegenzug die ukrainische Energieversorgung verschont. Eine Antwort Moskaus steht aus. Putin hatte im Telefonat mit Trump nach Angaben seines Beraters Juri Uschakow neue Friedensgespräche abgelehnt. Bisher ist es also wieder einmal Putin, der nicht einlenkt, und nicht etwa die angegriffene Ukraine, die Donald Trump und seine Administration als störrisch darstellen. Auf Trumps Forderung nach Neuwahlen übrigens sagte Selenskyj, dass er diesen zustimmen werde, wenn Russland für den Wahlkampf und Urnengang eine Waffenruhe von 60 Tagen zusagt und einhält.
Mit der Freigabe russischen Diesels lockern die USA ihr eigenes Sanktions-Regime gegen Russland, das sie in den vergangenen Jahren immer wieder selbst verschärft haben. Unter anderem wurde im Oktober 2025 allen, die mit den russischen Firmen Rosneft und Lukoil Geschäfte machen, Sekundärsanktionen angedroht. Als Reaktion auf den Ankauf russischen Öls durch indische Konzerne belegte das Weiße Haus Waren aus Indien vorübergehend mit einem zusätzlichen Strafzoll von 25 Prozent.
Mit den Einnahmen aus dem Diesel-Geschäft wird der Kreml, so sehen es Energieexperten, Spielraum gewinnen, seinen Krieg gegen die Ukraine fortzuführen, die die Vereinigten Staaten offiziell unterstützen. Am Ende finanzieren die USA den Kauf der Waffen, die auf dem Schlachtfeld gegen sie eingesetzt werden.
Trump bangt vor Midterms um den Dieselpreis – doch die ukrainischen Angriffe sind nur ein Faktor
Donald Trump bleibt beim Dieselkauf aus Russland vage: Insgesamt könnten bis zu 4,8 Millionen Tonnen Diesel aus Russland auf den amerikanischen und den Weltmarkt kommen, die ersten 300.000 Tonnen sofort, 500.000 im November, eine Million danach und drei weitere Millionen „innerhalb kurzer Zeit“, abhängig vom Zustand der russischen Raffinerien. Wären sie allein für die USA bestimmt, würden sie rechnerisch für etwa zehn Tage amerikanischen Dieselverbrauchs reichen. Die Ankündigung spricht aber vom „amerikanischen und globalen Markt“, und Russland muss dafür erst sein eigenes Exportverbot lockern, bisher sind nach Angaben von Vizepremier Alexander Nowak 500.000 Tonnen für das Ausland freigegeben. Wie viel Diesel am Ende in den USA ankommt und wer ihn bezahlt, ist bis dato ungeklärt.
Dass die Straße von Hormus faktisch weitgehend gesperrt ist und der Status der Meerenge Bab al-Mandab unsicher bleibt, setzt den Weltmarkt unter großen Druck. Zwar exportieren die USA selbst noch jede Menge Diesel, denn ihre Raffinerien erzeugen mehr, als das Land verbraucht. Weil Diesel aber weltweit gehandelt wird, richtet sich der Preis an der amerikanischen Zapfsäule nach dem Weltmarkt, und weil die Exporte im August Rekordhöhe erreichten, fielen die Vorräte im Land Ende August auf den niedrigsten Stand für diese Jahreszeit seit 1951.
Auf dem Weltmarkt fehlt der Treibstoff aus zwei Gründen: Die fast geschlossene Straße von Hormus hat die Dieselausfuhren der Golfstaaten auf etwa ein Viertel des Vorkriegsniveaus gedrückt. Und Russland, das normalerweise rund jedes neunte Barrel Diesel weltweit liefert, hat die Ausfuhr im Juli verboten, weil ukrainische Drohnen seit Jahresbeginn mehr als siebzig Mal russische Raffinerien getroffen haben. Die ukrainischen Angriffe sind also ein Faktor unter mehreren, aber nicht der einzige.
Anstelle ihrer Verantwortung im Gefüge der Weltpolitik und der Weltwirtschaft Rechnung zu tragen, schieben die USA, allen voran Donald Trump, die Schuld auf andere. Neuestes Opfer ist der Internationale Strafgerichtshof. Er wurde am 9. Oktober als Ganzes mit US-Sanktionen belegt, nachdem zuvor schon einzelne Richter und Ankläger sanktioniert worden waren. Außenminister Marco Rubio begründete den Schritt damit, Amerikaner vor Strafverfolgung schützen zu wollen. Die USA bestreiten seit mehr als zwanzig Jahren, dass der Gerichtshof Zuständigkeit über US-Bürger hat. Sie sind nicht Mitglied, doch das Gericht beruft sich darauf, Verbrechen auf dem Gebiet seiner Mitgliedstaaten verfolgen zu dürfen, auch wenn die Täter aus Nichtmitgliedstaaten kommen. Da dieser Streit nicht neu ist, liegt der Verdacht nahe, dass die gegenwärtige Aktion ein weiteres Ablenkungsmanöver ist, das die MAGA-Reihen vor den Midterms schließen soll. (Alexander Görlach)