Türkischer Mafioso in den Niederlanden ermordet – Erdogans Regierung im Fokus
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Der Tod des Finanzchefs eines türkisch-zypriotischen Mafiapaten in den Niederlanden wirft Fragen auf, die bis zu Erdogan in die Türkei reichen.
Den Haag – Obwohl Cemil Önal unter Schutz stand, wurde der Finanzchef des 2022 ermordeten türkisch-zypriotischen Mafiapaten Halil Falyali am 1. Mai vor seinem Hotel in der Nähe von Den Haag getötet. 16 Monate war er zuvor in den Niederlanden inhaftiert. Nach seiner Entlassung und vor seiner Ermordung sprach Önal mit Journalisten der türkisch-zypriotischen Zeitung Bugün Kibris. „Während dreitägiger Interviews, die in den Niederlanden unter hohen Sicherheitsvorkehrungen geführt wurden, enthüllte Cemil Önal nicht nur die Geheimnisse der Familie Falyalı, sondern auch die der Barone, der Politiker und einiger Strukturen innerhalb des Staates, die mit ihnen zusammenarbeiten“, schrieb das Blatt am 14. April. Önal hatte laut des Berichts den Status eines Kronzeugen und Angst davor, an die Türkei ausgeliefert zu werden.
Ermordung in den Niederlanden – Opfer beschuldigte Erdogan
Önal erzählte der Zeitung von 45 Tonbandaufnahmen, die die Machenschaften von Regierungsmitgliedern und ihrer Zusammenarbeit mit der Mafia dokumentieren würden. Laut Önal hätten die Tonbänder und ihr Inhalt sogar das Interesse des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan geweckt. Die Dokumente sollen sich im Besitz von Mafiaboss Falyali befunden haben.
Der neue türkische Botschafter in der international nicht anerkannten Türkischen Republik Nordzypern, Ekrem Serim, sei von der türkischen Regierung unter Edogan beauftragt worden, diese Bänder zu finden und sie nach Ankara zu holen. „Ekrem Serim lieferte jedoch nur 40 von ihnen nach Ankara. Die anderen 5 Bänder blieben bei ihm“, behauptet Önal gegenüber der Zeitung. Ob er eine Kopie der Bänder hatte, beantwortete er nicht.
AKP-Funktionäre in der Türkei sollen Millionen
Vor allem aber sprach Önal in dem Interview kurz vor seinem Tod über das Online-Wettimperium, das Falyali gegründet hatte. Das Geschäft soll viel Geld eingebracht haben – nicht nur für Falyali selbst. „Jeden Monat“ seien 80 Millionen Dollar eingegangen, etwa 15 Millionen Dollar seien als „Sponsoring“-Zahlungen an Beamte in der Türkei und Nordzypern gegangen.
Das erzählte Önal gegenüber dem Journalisten-Netzwerk Organized Crime and Corruption Reporting Project (OCCPR) ebenfalls vor seiner Ermordung. Als damaliger Finanzchef habe er selbst rund 15 Millionen Dollar monatlich vor allem an Funktionäre der Regierungspartei AKP abgedrückt, erzählt Önal.
Schwere Vorwürfe gegen Erdogans Innenminister
„Ein großer Teil davon sei in bar überwiesen worden, während einige Transfers über Goldhandel und Devisengeschäfte abgewickelt worden seien, was die Rückverfolgung erschwert habe“, schreibt das OCCPR auf seiner Internetseite. Die Bugün Kibris behauptet in ihrem Bericht vom Februar 2024 wiederum, dass auch Erdogans Innenminister Süleyman Soylu 20 Millionen Dollar von Halil Falyalı bekommen habe. Der ehemalige Vize-Präsident der Türkei, Fuat Oktay, habe nach einem Bericht der Zeitung von 2023 sogar 50 Millionen Dollar bekommen.
Nordzypern ist längst ein Magnet für kriminelle Organisationen weltweit geworden. Auch die Mafia in der Türkei konnte hier ihre Geschäfte abwickeln – und das hat gute Gründe. „Der Norden, dessen Staatlichkeit nur von der Türkei anerkannt wird, hält sich nicht in vollem Umfang an das internationale Recht und die globalen Bankstandards. Das Gebiet ist zu einem Zufluchtsort für Flüchtige und schmutziges Geld aus aller Welt geworden. Es hat sich auch zu einem Hotspot des Glücksspiels entwickelt, insbesondere nachdem Kasinos in der Türkei Ende der 1990er Jahre verboten wurden“, schreibt das OCCPR.
Türkei an Informationen in Önals Smartphone interessiert
Einer der Journalisten, die an den Recherchen über das Wettimperium von Falyali beteiligt waren, ist der im deutschen Exil lebende türkische Journalist Cevheri Güven. Er hatte mit Önal immer wieder in den vergangenen Monaten telefoniert, erzählt Gücen im Gespräch mit Fr.de von Ippen.Media.
„Die Türkei forderte von den niederländischen Behörden die Auslieferung von Önal. Doch eigentlich war Ankara hinter dem Smartphone des Ex-Finanzchefs von Falyali hinterher“, so Güven. „Sie haben mehr Interesse an meiner Cloud als an mir“, habe der dem Exiljournalisten erzählt. Dort vermuten Erdogans Behörden wohl Aufzeichnungen, die Schmiergeldzahlungen an Bürokraten und Regierungsleute dokumentierten.
Nicht nur Erdogan an Falyalis Finanzchef interessiert
Doch es sind nicht nur Erdogan und sein Geheimdienst MIT, denen ein Interesse an Önal unterstellt wird. Auch das türkische Finanzministerium ist in der Angelegenheit aktiv. Önal soll demnach möglicherweise Informationen über Falyalis versteckte Konten und sogenannte Krypto-Wallets des Mafia-Bosses zurückgehalten haben. „Ich glaube, dass noch drei bis vier Milliarden Dollar von Falyalis Vermögen versteckt sind“, sagt Güven. Das zeige laut dem OCCPR-Bericht auch eine Meldung des türkischen Finanzministeriums aus dem Jahr 2022. Die Behörde listete damals in einem Bericht rund 100 Kryptowährungs-Wallets auf, die von der Falyali-Gruppe genutzt, und mit deren Hilfe kriminelles Geld gewaschen worden sei. Die Summe des transferierten Geldes soll bei über 1,4 Milliarden Dollar liegen, so Güven. Daneben soll das Mafia-Netzwerk weltweit tausende Bankkonten nutzen.
Opposition in der Türkei macht Erdogans Regierung Vorwürfe
Laut Bugün Kibris habe der ermordete Önal sowohl mit Ermittlern aus den Niederlanden und den USA kooperiert. Als Kronzeuge habe er deshalb unter Polizeischutz gestanden. Dennoch wurde er am hellichten Tag ermordet. Die Hintergründe der Tat sind bislang nicht aufgeklärt. Auch von den Tätern fehlt bislang noch jede Spur.
Fest steht nur, dass die türkische Mafia ein großes Interesse daran gehabt haben dürfte, Önal ruhig zu stellen. Was dieser noch vor seinem Tod mit Ermittlern aus den Niederlanden und der Türkei besprochen hatte, ist nicht bekannt. Die Opposition in der Türkei aber glaubt an brisante Informationen, die auch die Regierung Erdogans betreffen sollen. CHP-Vorsitzender Özgür Özel sprach von einem „großen Rettich“. Damit umschreibt der CHP-Politiker eine große Katastrophe, die der Regierung Erdogans in Ankara drohe.
Denn laut Özel gehe es auch um angebliche Schmiergeldzahlungen an Erdogans Außenminister, Hakan Fidan, und den ehemaligen Ministerpräsidenten der Türkei, Binali Yildirim. „Hakan Fidan ist darin verwickelt, Binali Yıldırım ist darin verwickelt, ihre Kinder sind darin verwickelt. Es fließen große Summen auf ein Konto in England“, sagte Özel in einer Fraktionssitzung der CHP am 15. April. (erpe)