Pipeline, Halbleiter, Jobs: So teuer kann der Putin-Xi-Gipfel für Deutschland werden

Erstellt:

Von: Nail Akkoyun

Uns auf Google folgen

Russland und China vertiefen ihre Zusammenarbeit – mit Folgen für europäische Lieferketten und Energiepreise. Experten warnen vor einer wachsenden Abhängigkeit Deutschlands.

Für zwei Tage weilt Wladimir Putin in China. Mit seinem „lieben Freund“ Xi Jinping will der russische Präsident nicht nur geopolitische Fragen klären, sondern auch über wirtschaftliche Vorhaben sprechen. Für Europa und Deutschland könnte die wachsende Achse zwischen Moskau und Peking teuer werden – bei Energiepreisen, Industriearbeitsplätzen und globalen Lieferketten.

Russlands Präsident Wladimir Putin reicht Xi Jinping während einer Unterzeichnungszeremonie in der Großen Halle des Volkes die Hand.
Russlands Präsident Wladimir Putin reicht Xi Jinping während einer Unterzeichnungszeremonie in der Großen Halle des Volkes die Hand. © Maxim Shemetov/dpa/Pool Reuters

Ein Beispiel: Putins neue Pipeline. Die „Kraft Sibiriens 2“ soll jährlich bis zu 50 Milliarden Kubikmeter Erdgas aus Westsibirien über die Mangolei nach China transportieren. Das entspricht etwa zwölf Prozent des geschätzten derzeitigen Gesamtgasverbrauchs Chinas. Das Gazprom-Projekt würde Putin ordentlich Geld in die Kassen spülen und einen Teil der weggebrochenen Europa-Exporte ersetzen. Die Pipeline-Verhandlungen stocken jedoch seit Jahren – Peking besteht auf niedrigen Preisen und verhandelt aus einer Position der Stärke.

Putins neue Pipeline hätte „Folgen für Energiepreise und geopolitische Stabilität“

Russland ist bereits heute führender Energieexporteur für China. Im Jahr 2025 lieferte Moskau 101 Millionen Tonnen Erdöl und 49 Milliarden Kubikmeter Erdgas nach China. „Die Lokomotive in der russisch-chinesischen Zusammenarbeit ist die Kooperation im Energiebereich“, sagte Putin beim Treffen. Xi sagte laut der Nachrichtenagentur Xinhua, China und Russland sei es gelungen, die strategische Zusammenarbeit „immer weiter zu vertiefen, mit unerschütterlicher Beharrlichkeit, die tausend Prüfungen standgehalten hat“. Der Handel beider Länder sei im vergangenen Vierteljahrhundert um das 30‑Fache gewachsen und liege seit Jahren solide über 200 Milliarden US-Dollar, so Putin.

Johann Fuhrmann, Leiter des Auslandsbüros China der Konrad-Adenauer-Stiftung, sieht den Ausgang der Pipeline-Verhandlungen als Gradmesser für den Gipfel. „Ob es nun belastbare Fortschritte gibt, wird am Ende maßgeblich darüber entscheiden, ob der Kreml den Besuch als Erfolg verkaufen kann“, sagte Fuhrmann der dpa. Der russische Vize-Regierungschef Alexander Nowak, zuständig für Energiefragen, reiste eigens nach Peking. Auch Gazprom-Chef Alexej Miller gehört der Delegation an.

Für Deutschland wäre ein Abschluss der Pipeline-Verhandlungen folgenreich. Der China- und Russland-Experte Adrian Geiges sieht zwar keine unmittelbare Gefahr für die Versorgungssicherheit. „Die Folgen für Energiepreise und geopolitische Stabilität wären aber gewaltig“, warnte Geiger im Gespräch mit der Bild-Zeitung. Günstiges russisches Pipelinegas würde dann endgültig aus dem europäischen Markt verschwinden. Als Ersatz bliebe nur Flüssiggas (LNG) – ein deutlich kostspieligerer Energieträger. „Russland wäre vom westlichen Markt unabhängig und könnte nicht mehr so leicht durch Sanktionen getroffen werden“, so Geiges.

Präsident der Europäischen Handelskammer warnt vor horrenden Jobverlusten

Steigende Energiepreise treffen die deutsche Wirtschaft an mehreren Stellen gleichzeitig: Produktion, Heizkosten und Strompreise würden langfristig teurer. Die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie leidet. Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING für Deutschland und Österreich, sieht darin jedoch auch einen Impuls: „Jedes Umleiten von chinesischen Rohstoffen bedeutet eine Verteuerung unserer Produktion. Gleichzeitig könnte es ein zusätzlicher Anreiz sein, endlich die eigene Produktion resilienter und unabhängiger zu machen. Das hat allerdings seinen Preis.“

Hinzu kommt die wachsende Abhängigkeit Deutschlands von China – etwa bei Batterien, Maschinenbau und Elektronik. Jens Eskelund, Präsident der Europäischen Handelskammer in Peking, hält das für besorgniserregend. „Deutschland verliert derzeit etwa 10.000 bis 15.000 Arbeitsplätze pro Monat. Irgendwann könnte das über ein wirtschaftliches Problem hinausgehen und zu einem Sicherheitsproblem für Deutschland werden“, sagte Eskelund dem Guardian.

ING-Chefvolkswirt Brzeski blickt auch auf die geopolitische Dimension. Sollten die Risiken durch die Zusammenarbeit von Russland und China weiter zunehmen und sich „ein neuer Gegenpol zur westlichen Weltordnung“ bilden, könne das „langfristig zu weiteren geopolitischen Spannungen und damit auch zu höheren Weltmarktpreisen führen“.

Xi blickt nach Taiwan: Ein Angriff hätte schwere wirtschaftliche Folgen

Neben der Energiefrage birgt der Gipfel ein weiteres Risiko für Deutschland: die Taiwan-Frage. Eine militärische Eskalation durch China würde globale Lieferketten erschüttern – besonders bei Halbleitern, die für die deutsche Auto- und Technologieindustrie unverzichtbar sind.

„China könnte Deutschland komplett lahmlegen oder aber mit horrenden Preisen ruinieren. Aus Taiwan stammen 64 Prozent der Halbleiter auf dieser Erde. Ohne sie kann kein Industriebetrieb arbeiten“, warnte Experte Geiges. Er sieht eine strukturelle Parallele zur deutschen Energiepolitik der Vergangenheit: „Mit der Energiewende begeben wir uns in totale Abhängigkeit vom Systemrivalen China, genauso wie früher mit dem Gas von Russland.“ (Quellen: AFP, Bild, dpa, Guardian) (nak)

Kommentare

$Teilen