Die Piusbrüder plagten schon Johannes Paul II. und Benedikt – aber Papst Leo kann im Konflikt nur gewinnen
Uns auf Google folgenDie traditionalistischen Piusbrüder machen wieder Schlagzeilen. Für Papst Leo ist der „Lackmustest“ ohne Risiko, analysiert Experte Alexander Görlach.
Die traditionalistische Priesterbruderschaft hat den offenen Bruch mit Rom erneuert – mit der unerlaubten Weihe von vier neuen Bischöfen im schweizerischen Écône. In kirchenpolitischen Kommentaren wird das nun zum ersten großen „Lackmustest“ für den neuen Papst Leo XIV. hochgeschrieben wird. Das Risiko für den Pontifex geht, nüchern betrachtet, aber gegen Null. Leo XIV. erbt den Konflikt mit einer marginalisierten Splittergruppe, deren Selbstausschluss theologisch wie kirchenrechtlich längst vollzogen ist:

Das katholische Kirchenrecht (Codex Iuris Canonici) kennt in diesem Fall keine diplomatischen Grauzonen: Wer ohne päpstliches Mandat eine Bischofsweihe spendet oder empfängt, zieht sich die Exkommunikation als Tatstrafe (latae sententiae) zu. Sie tritt im Moment der Handauflegung automatisch in Kraft, ohne dass es eines expliziten Dekrets aus Rom bedarf. Betroffen sind damit die vier Neugeweihten ebenso wie die konsekrierenden Bischöfe Alfonso de Galarreta und Bernard Fellay. Dass Rom diesen Schritt nicht verhindern konnte, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern dokumentiert lediglich die fundamentale Verweigerung der Piusbrüder, die Autorität des legitimen Nachfolgers Petri anzuerkennen.
Piusbrüder-Eklat schädigte Benedikts Pontifikat nachhaltig – Papst Leo hat nun eine strategische Gelegenheit
Wir haben es hier mit einem kirchenpolitischen Dauerthema zu tun. Schon Johannes Paul II. bereitete es im Jahr 1988 Kopfschmerzen, als der Gründer der Bruderschaft, Erzbischof Marcel Lefebvre, den ersten schismatischen Akt dieser Art setzte und eine illegale Bischofsweihe vornahm. Besonders schwer wog der Konflikt jedoch für Benedikt XVI.. Kraft kostete es ihn, als er 2009 in einem Akt der Großmut die Exkommunikationen der damaligen Bischöfe aufhob, um die Einheit der Kirche zu retten – nur um am selben Tag vom moralischen Offenbarungseid des britischen SSPX-Bischofs Richard Williamson eingeholt zu werden, der im schwedischen Fernsehen den Holocaust leugnete. Diese Episode beschädigte das Pontifikat Benedikts nachhaltig und zeigte, welch Geistes Kind in den radikalen Zirkeln der Bruderschaft nistet.
Doch genau diese Historie nimmt Leo XIV. heute die Last des Risikos. Das Handeln des aktuellen Papstes ist vollständig durch das Scheitern der Integrationsversuche seiner Vorgänger gedeckt. Niemand kann Leo XIV. vorwerfen, er habe nicht die Hand zur Versöhnung ausgestreckt; selbst Papst Franziskus hatte den Traditionalisten im Jahr der Barmherzigkeit weitreichende pastoraler Zugeständnisse bei Beichte und Ehebefragung gemacht, um die Bereitschaft Roms zum Kompromiss zu signalisieren. Da die Führung der Piusbrüder unter Davide Pagliarani nun dennoch sehenden Auges in die nächste Exkommunikation gesteuert ist, entlarvt sie sich endgültig als Sekte, die an einer echten Gemeinschaft mit Rom kein Interesse hat.
Die Piusbruderschaft argumentiert stereotyp mit einem abstrusen „Notstand“ der Kirche, um ihre Sakramentenpiraterie zu rechtfertigen. Man wolle lediglich das Überleben der alten lateinischen Messe sichern. Das ist eine bewusst gezündete Nebelkerze. Zwar gibt es in Teilen des regulären, konservativen Kirchenpublikums eine ästhetische und spirituelle Vorliebe für den Ritus des Usus Antiquior. Doch der Kern des Konflikts ist kein liturgischer, sondern ein dogmatischer. Die Piusbrüder fordern nichts Geringeres als die theologische Revision des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965). Sie lehnen die Religionsfreiheit, den Ökumenismus und den Dialog mit dem Judentum fundamental ab.
Hier verläuft die rote Linie, die kein Papst jemals überschreiten wird. Das Zweite Vatikanische Konzil ist kein kirchenpolitisches Reformprogramm, das man nach Belieben zurückdrehen kann; es repräsentiert das allgemeine und verbindliche Lehramt der katholischen Kirche. Wer hinter das Konzil zurückfällt, verlässt den Boden der katholischen Orthodoxie.
Für Papst Leo XIV. ist die Eskalation von Écône daher kein Schaden, sondern eine strategische Gelegenheit. Er muss das Schisma nicht mühsam begründen – die Bruderschaft liefert ihm die kirchenrechtlichen Fakten dafür frei Haus. Dieser Fall dient als unmissverständliches Signal an die verbliebenen Hardliner und traditionalistischen Strömungen innerhalb der Mauern Roms. Die Botschaft des ersten amerikanischen Papstes ist klar: Wer die Institution von innen heraus sabotieren und den Boden des Konzils verlassen will, wird denselben Preis zahlen wie die Abtrünnigen in der Schweiz. Der Ausschluss der Piusbrüder erfolgt mit Ansage – und er festigt die Autorität des Pontifex, anstatt sie zu schwächen. (Alexander Görlach ist Theologe und Politikwissenschaftler)