Panne beim Wahlkampf – Robert Habeck improvisiert beim ersten Auftritt nach dem Rückzug
Uns auf Google folgenGrünen-Kandidatin Aymaz erkrankte kurz vor Stichwahl-Highlight. Habeck und Dröge „freestylten“ – einen Seitenhieb gab es für die AfD.
Köln – Als wenn nichts gewesen wäre. Robert Habeck steht auf der Bühne, die Hemdsärmel lässig aufgekrempelt, und spricht ins Mikro. Mit viel Gestik und sehr vielen Nebensatzkonstruktionen. Eigentlich hatte der Ex-Vizekanzler vor einigen Wochen seinen Rückzug aus der Politik verkündet. Am Mittwochabend war er zu einer Art Mini-Comeback nach Köln gereist, um Berivan Aymaz bei der NRW-Wahl zu unterstützen. Die tritt am Sonntag in Köln zur Oberbürgermeister-Stichwahl gegen SPD-Kandidat Torsten Burmester an.

Doch dann die Wahlkampf-Panne: Kurz vor dem Auftritt im „Base“ – schicke Eventhalle in abgerockter Backsteinoptik – wurde Berivan Aymaz krank. Sie habe sich wohl „was eingefangen“ hieß es. Also improvisierte Habeck, der eigentlich nur Gaststar sein sollte, den Abend mit der Grünen-Bundestagsfraktionschefin Katharina Dröge. „Früher war das einfacher, da haben die Leute immer was zu Lindner und Scholz gefragt. Heute müssen wir wohl freestylen“, scherzte Habeck.
Habeck bei Grünen-Wahlkampf in Köln: Seelenbalsam für den Ex-Vizekanzler
Für den ehemaligen grünen Bundeswirtschaftsminister gab es erstmal ein bisschen Seelenbalsam. „Die Verbindlichkeit, die Freundlichkeit im Gespräch, den Einzelnen in den Blick zu nehmen, das ist Berivans Ansatz, Politik zu machen“, startete Dröge, um dann den Bogen zu Habeck zu spannen. „Wenn ich auf den Mann neben mir schaue, dann ist das auch der Ansatz, mit dem Robert Habeck in den letzten Jahren dieses Land regiert hat. Vielen Dank dafür.“ Frenetischer Jubel im Saal – und ein gerührt lächelnder Habeck auf der Bühne.
Der wirkte entspannt und topfit, hatte gute Laune. Kaum eine Spur von Groll. Nach seinem Auftritt bei Markus Lanz und markigen Rundumschlägen gegen Söder, Klöckner und Co. hat Habeck sich wohl freigestrampelt. Die eigentlich wichtigste Frau des Abends, Berivan Aymaz, musste hinter der Bühne ausharren, während vorn die Habeck-Show lief. Der ehemalige Grünen-Spitzenpolitiker holte weit aus, wie man es von ihm kennt: „Wir leben ja in einer Zeit, in der Autoritarismus in Europa, in Deutschland, ja in der ganzen Welt auf dem Vormarsch ist. Viele Leute haben, das glaube ich, so was wie Hoffnung und Zuversicht beinahe verloren“, sagte Habeck – und setzte mit einem Hauch von Pathos zur Wahlempfehlung an: „Was für ein Zeichen wäre es in dieser Zeit, wenn Berivan in Köln Oberbürgermeisterin wird.“
Erster Habeck-Auftritt nach Lanz: „Wer der AfD eins auswischen will“
Es gehe um nicht weniger, als gesellschaftlichen Zusammenhalt. „Und wenn das alles noch nicht überzeugt, dann, bitte, hier noch eine Wahlempfehlung: Wer der AfD eins auswischen will, so richtig, der muss Berivan wählen.“ Die letzten Wörter gehen fast im Jubel unter. Gut 500 Menschen waren gekommen, die Halle war komplett voll. Das Publikum: recht gemischt, vorne eher die Ü-50-Fraktion, hinten auf der Holztribüne die Jüngeren. Viele dürften wegen Habeck gekommen sein, der nach wie vor Helden-Status unter Grünen-Anhängern hat.
Seine Empfehlung an Aymaz, falls sie denn Oberbürgermeisterin werden sollte, untermauerte Habeck mit weit ausholenden Armbewegungen: „Das Geheimnis besteht darin, dass die Leute in der Verwaltung das Vertrauen haben, dass sich die Chefin vor sie stellt. Man muss reingeben in die Verwaltung“ – der Arm schnellt nach vorn – „was man als gesellschaftliche Wirklichkeit gestalten will“ – die Hand wird zur Faust – „das Wissen nehmen und formen“.

Zum Schluss sprangen Dröge und Habeck noch einmal für Aymaz ein. Die hätte eigentlich noch eine Art Talkshow moderieren sollen. Die Gäste: eine Unternehmerin und Mutter, eine Ex-Fußball-Nationalspielerin und ein queerer Aktivist. Der würde gern in die Politik gehen und bittet Habeck um Rat, denn er habe „Angst, dass ich daran kaputtgehe“. Ein Thema, mit Habeck zumindest im Ansatz etwas anfangen können dürfte. Nach gescheiterter Ampel, zermürbendem Bundestagswahlkampf und permanenten Angriffen aus dem Söder-Lager hatte er noch vor einigen Monaten einen durchaus ausgelaugten Eindruck gemacht.
„Wen fragst du denn?“, setzte Habeck entsprechend selbstironisch an. Und dann: „Irgendwann bist du nicht mehr der, der vor dem Fernseher sitzt und sagt: ‚Was labern die alle für einen Quatsch?‘, sondern dann bist du selbst einer von denen, die den Quatsch labern.“ Dafür gab es Lacher im Saal. Doch am Ende könne man einen „realen Unterschied in seiner Zeit machen“. Und dann, ganz am Ende, kam Berivan Aymaz doch noch kurz unter Applaus auf die Bühne. Jetzt wird sie sich schonen wollen, für den entscheidenden Wahlsonntag.