NATO-Zukunftsforscherin über Kriegsangst wegen Putin: „Wichtigste ist Abschreckung“

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Von: Pia Seitler

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Viele Deutschen können Ungewissheit nicht aushalten. Die Militärstrategin Florence Gaub von der NATO erklärt, warum wir zuversichtlich sein dürfen.

Rom – Mehr als die Hälfte der Deutschen erwarten, dass sich die Sicherheitslage in Deutschland in den kommenden fünf Jahren verschlechtert. Viele fürchten, dass es zu einem Dritten Weltkrieg kommen könnte. Das zeigen aktuelle Umfrageergebnisse des gemeinnützigen Centers für Monitoring, Analyse und Strategie (Cemas). Die Politikwissenschaftlerin, Zukunftsforscherin und Militärstrategin Florence Gaub beschäftigt sich hauptberuflich mit Zukunftsszenarien für die NATO. Im Interview mit BuzzFeed News Deutschland von Ippen.Media erklärt sie, ob es wirklich gerade schlimmer denn je ist.

Florence Gaub
In ihrem neuen Buch „Szenario“ lädt Florence Gaub dazu ein, selbst außenpolitische Entscheidungen zu treffen. © Debora Mittelstaedt

41 Prozent der Deutschen haben Angst vor einem Dritten Weltkrieg. Teilen Sie diese Sorge, Frau Gaub?

Ich teile die Besorgnis, dass die Lage nicht mehr so ruhig ist wie vorher. Russland kann und möchte uns eventuell schaden. Das sollte man ernst nehmen. Aber selbst wenn es zu einem Krieg käme, wäre es ein europäischer Krieg und kein Dritter Weltkrieg. Wir hatten in der Geschichte immer wieder Peaks von Kriegsangst, zum Beispiel während der Kuba-Krise. Man sollte die Angst nicht mit der Realität verwechseln.

Cemas hat die Kriegsangst seit 2022 erhoben, im Mai 2025 war der Höhepunkt. Viele sorgen sich, dass Russland die NATO angreift. Ist es wirklich schlimmer und gefährlicher denn je?

Das Gefühl ist eher eine Aussage über uns selbst als über die objektive Wahrscheinlichkeit eines Krieges. Strategische Stabilität entsteht, wenn man die Fähigkeit hat, die Gegenseite abzuschrecken, aber sie auch versteht – nicht im Sinne von Verständnis, sondern dass man ihre Handlungen akkurat interpretiert. Wenn wir bei beidem besser aufgestellt wären, dann wäre die Kriegswahrscheinlichkeit genauso hoch, aber wir würden uns besser damit fühlen. Russland könnte uns heute schon angreifen, tut es aber nicht und wird es auch nicht einfach so tun.

Was will Russland?

Nicht nur die Ukraine. Russland will die Weltordnung verändern. Es gefällt ihnen nicht, seit 1990 an Bedeutung verloren zu haben, während die USA und Europa das internationale System dominierten. Das NATO-Ende wäre Symbol dafür, dass der Westen nicht mehr so geschlossen ist. Spätestens seit der Besetzung der Krim sind wir in einem Konflikt, wie das internationale System aufgebaut sein soll. Bisher schlagen wir uns gut – Russland hat seine Ziele nicht erreicht.

In welchen Punkten schlagen wir uns gut?

Vieles, was die NATO in der Abschreckung macht, funktioniert. Vor 2022 waren russische Sabotageakte noch häufiger als jetzt. Wir fühlen uns kleiner, als wir sind. Unsere Militärs haben viel mehr Ressourcen als Russland, wir haben viel mehr Technologie. Und wenn wir in den Krieg ziehen sollten, würden wir es als Demokratien machen. Das empfinde ich als Stärke. Es bedeutet größeres Commitment, größeres Durchhaltevermögen der Bevölkerung. Das sieht man gerade in der Ukraine.

Viele sehen die USA als einen nicht mehr so verlässlichen NATO-Partner an, besonders wegen Donald Trump.

Das ist absurd, weil es von innen ganz anders aussieht. Schon während seiner ersten Amtszeit hat Trump die NATO stärker mit Truppen und Geld unterstützt als Biden. Seine Rhetorik stand und steht im totalen Missverhältnis zur Realität. Die NATO ist ein Versprechen. Wie sehr Sie sich auf dieses Versprechen verlassen, hängt davon ab, wie abhängig Sie davon sind. Diese Angst um die USA ist eher ein Ausdruck dessen, dass wir uns der eigenen Schwächen bewusst geworden sind.

54 Prozent erwarten, dass sich die Sicherheitslage in Deutschland verschlechtert. Was können wir tun, dass diese Angst nicht wahr wird?

Das Wichtigste ist Abschreckung. Das bedeutet militärische Fähigkeiten aufbauen und glaubhaft vermitteln, dass man sie einsetzt. Bei beidem schwächeln wir. Das erste ist einfacher zu verbessern, weil man weiß, was man kaufen muss, wie viele Leute man einstellen muss. Das zweite ist eine Geisteshaltung. Wir müssen dafür lernen, mit der Angst umzugehen und im Schatten der Kriegsmöglichkeit zu leben. Wir haben das schon mal gemacht – im Kalten Krieg über 40 Jahre lang. Dafür brauchen wir eine positive Zukunftsvision, ein Best-Case-Szenario unter diesen Umständen.

Finnland hat die größte europäische Außengrenze zu Russland. Die Finnen müssten also noch mehr Angst haben, sind aber die glücklichsten Menschen der Welt. Wie passt das zusammen?

Zukunftsbeauftragte in jedem Ministerium, ein Zukunftsbericht vor der Wahl, ein Zukunftsausschuss im Parlament: Finnland hat eine starke Zukunftskultur. Die Finnen fühlen sich nicht als Opfer ihres Schicksals. Das wichtigste Glückselement ist die Freiheit zu entscheiden. Die Finnen haben damit Ende der 1980er-Jahre angefangen und es ist auch für uns nicht zu spät. Und Finnland hatte nie die Illusion, die es bei uns gab, mit Russland befreundet zu sein. Deswegen war der Fall nicht so tief.

Wie kann ich dieses Gefühl der Selbstwirksamkeit stärken?

Ich empfehle, sich einmal im Jahr zu überlegen: Was will ich? Was sind Risiken, die auf mich zukommen? Ich mache das für ein Jahr, für fünf und zehn Jahre. Januar ist ein guter Zeitpunkt, da gibt es einen Gemeinschaftseffekt. Wichtig ist, dass man sich das regelmäßig anschaut, zum Beispiel einmal im Monat. Das hilft, weil man es nicht vergisst und eher umsetzt. Zukunftsfähigkeit hat mit Machen zu tun. Schon kleine Handlungen verbessern die Stimmung. Ich finde es sinnvoller, sich auszumalen, was man sein will, als was man haben will. Ich will eine bessere Surferin sein oder mehr Zeit mit der Familie verbringen – das ist sinnstiftender und motivierender als ein bestimmtes Gehalt.

Bei den Anhängern der AfD sind die Kriegsängste besonders hoch. Haben Sie dafür eine Erklärung? 

Aus der Neurologie wissen wir, manche Gehirne sind weniger gut darin, Unsicherheit auszuhalten als andere. Demokratie kreiert viel Unsicherheit und verspricht nur: Es gibt wieder Wahlen. Hinzukommt gerade aufgrund der Geopolitik, Klimakrise und KI viel Ungewissheit auf einmal. Wenn jemand eine Intoleranz gegenüber Ungewissheit hat – was viele Deutsche haben – kann es passieren, dass das Gehirn sagt: Ich will nur noch einfache Lösungen. Die AfD ist für mich ein perfektes Beispiel eines Symptoms dafür, dass in unserer Gesellschaft Antworten auf diese Ungewissheit fehlen.

Machen Sie sich wegen des Erfolgs der AfD Sorgen um die Demokratie?

Ich mache mir Sorgen, dass die etablierten Parteien etwas verpennt haben. Es ist Aufgabe politischer Parteien, Sorgen der Wähler ernst zu nehmen und eine Lösung anzubieten. Wenn wir die Ausländerfeindlichkeit der AfD als großes Unwohlsein mit allen Veränderungen lesen, dann finde ich es schwach, den Leuten nur zu sagen, dass sie rechtsradikale Idioten sind.

Steckt in der Demokratie trotzdem eine Stärke?

Hundert Prozent. Aber dafür müssten wir uns wieder mehr auf das fokussieren, was an der Zukunft positiv ist. Auf politischer Ebene ist das positive Narrativ: kein Krieg. Da muss etwas Besseres her. Während des Kalten Krieges hatten die Menschen Angst vor einem Atomkrieg, waren aber gleichzeitig in der Lage, sich ein Deutschland vorzustellen, für das sie arbeiten wollten. Wenn man die Freiheit, die Demokratie bietet, stärker nutzt, wird man auch AfD-Wähler abholen.

Sie haben mal gesagt, der Mensch sei wahrscheinlich das einzige Wesen, das sich eine Zeit vorstellen kann, die es nie gegeben hat. Bei all den Horrorszenarien, die sich viele tagtäglich ausmalen: Ist es trotzdem etwas Gutes?

Alles, was heute toll an der Welt ist, dass wir in einer Demokratie leben, als Frauen viel mehr Rechte haben als vor 200 Jahren, gesund sind, haben wir, weil sich irgendjemand vor langer Zeit das vorgestellt hat. Zukunftsfähigkeit kann ein sehr positiver Raum sein, aber man muss sich trauen, hineinzugehen. Viele tun das nicht gern, weil sie Angst haben, enttäuscht zu werden oder es unseriös finden. Aber das halte ich für Verschwendung einer sehr wertvollen Eigenschaft.

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