Jugend rückt nach rechts – was der Unterricht früher und heute damit zu tun hat
Uns auf Google folgenImmer mehr junge Menschen denken und wählen rechts. Ein Zeichen des Zeitgeists – oder wegfallender Betroffenheit? Ein Blick in Schulen und Lehrpläne gibt Aufschlüsse.
Berlin – Die Zahl rechts motivierter Straftaten an Schulen steigt rasant an. Die AfD wird bei jungen Menschen immer beliebter. Wieso? Der Geschichtsunterricht mit seinem Fokus auf die Aufarbeitung der NS-Zeit und den Schrecken des Holocausts warnt junge Menschen vor den Gefahren extrem rechter Ansichten. Doch für viele Jugendliche scheinen frühere Berührungsängste mit extrem rechten Ideen mittlerweile der Vergangenheit anzugehören. Kann das auch am Geschichtsunterricht liegen – werden junge Menschen in Deutschland nicht mehr ausreichend sensibilisiert?

Dazu lohnt sich ein Blick in die Geschichtslehrpläne. Wir haben aktuelle Geschichtslehrpläne der gymnasialen Oberstufe aller Bundesländer analysiert – und mit älteren Lehrplänen aus den Neunzigerjahren verglichen. Zwölf von 16 angefragten Kultusministerien haben die alten Lehrpläne dafür aus ihren Archiven geholt. An einigen Beispielen sollen Unterschiede verdeutlicht werden.
Aufklärung über NS-Verbrechen: Lehrpläne haben sich verändert
Im bayerischen Geschichtslehrplan der gymnasialen Oberstufe von 1990 wird die NS-Zeit in knappen Worten umschrieben. Die Untersuchung der Gründe des Zerfalls der Weimarer Republik und des NS-Aufstiegs „soll die Schüler von der Notwendigkeit stabiler parlamentarischer Verhältnisse und dem Wert demokratischen Bewusstseins überzeugen“, heißt es im Lehrplan von vor 35 Jahren.
Während der Holocaust im Grundkurs des alten bayerischen Lehrplans keine explizite Erwähnung findet, steht er im aktuellen an erster Stelle. Explizit erwähnt wird neben der „Demütigung und Entrechtung, Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung“ auch der „Umgang mit anderen Opfergruppen“. Gerade diese finden in älteren Lehrplänen länderübergreifend wenig Beachtung.

Dass heutzutage weniger Sensibilisierung für die Verbrechen eines rechtsextremen Regimes vermittelt wird, ist beim Blick auf die Lehrpläne keine haltbare Aussage. Auch wird nicht unbedingt weniger Zeit für das komplexe Thema eingeräumt. 1998 hatten etwa Oberstufenschüler in Rheinland-Pfalz 20 bis 22 Schulstunden Zeit dafür. Heute gibt der Zeitplan 18 bis 28 Stunden vor.
„Der Holocaust ist ein inhaltlicher Schwerpunkt, keine zweiwöchige Randnotiz“, sagt Niko Lamprecht, Bundesvorsitzender des Verbands der Geschichtslehrerinnen und -lehrer Deutschlands, im Gespräch mit unserer Redaktion. Das Thema Nationalsozialismus mit Anbahnung und Folgen werde in jeder gymnasialen Oberstufe in der Regel ein ganzes Halbjahr lang unterrichtet.
Der Unterricht hat sich verändert
Während ältere Lehrpläne meist nur das Ziel der Aufklärung vorgaben, werden heutige Lehrpläne konkreter. In Rheinland-Pfalz sollen Schüler untersuchen, „wie Sprache vom NS-Regime als Herrschaftsmittel genutzt wurde“. Auch die neue Mediennutzung junger Menschen schlägt sich in aktuellen Lehrplänen nieder, etwa in Sachsen. Dort wird der Einsatz unterschiedlicher Medienformen wie Bild- und Tonquellen und das Internet für den Unterricht vorgegeben. Lamprecht fordert dabei bessere Schulungen auch für Lehrer: „Aus einigen Regionen hört man, dass Lehrkräfte in Sachen NS-Zeit-Behandlung verzweifeln. In manchen Klassen prallen ihre Bemühungen auf eine Wand aus Fake News oder Schweigen.“

Besonders wertvoll seien für gute Aufklärungsarbeit persönliche Erzählungen, so der Geschichtslehrer. Zeitzeugen böten einen sehr guten Zugang zum Thema. Jedoch leben kaum noch Menschen, die die Zeit selbst miterlebt haben. Ein weiteres Problem: Viele Jugendliche würden in der Sekundarstufe I nur wenig Geschichtsunterricht erhalten beziehungsweise an Gesamtschulen Geschichte nur als Mischfach unterrichtet bekommen. „In diesem Rahmen werden Erdkunde, Politik oder Sozialkunde und Geschichte gemeinsam behandelt“, sagt Lamprecht. Lehrkräfte seien selten in all diesen Fächern gleichermaßen ausgebildet.
Zeitlicher Abstand zu NS-Verbrechen machen Geschehen schwerer greifbar
Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Stefan Düll, bekräftigt die Herausforderungen, viele Lehrerinnen und Lehrer hätten keinen familiären Bezug mehr: „Eine 30-jährige Lehrkraft hat keine Eltern, die das Dritte Reich erlebt haben. Für diese Generation ist die Nachkriegsgeschichte relevanter“, so Düll. Es wäre „wünschenswert, wieder mehr Zeit für Geschichte zu haben. Gleichzeitig soll auch die Geschichte Chinas, des Nahen Ostens, der USA, Russlands und der islamischen und afrikanischen Welt behandelt werden“.
„Man darf nicht erwarten, dass die Schule alles reparieren kann, was in der Gesellschaft oder einzelnen Teilen schief oder gar aus dem Rahmen läuft“, macht der Lehrerpräsident deutlich. Es ist also nicht „schlechter“ werdende Aufklärungsarbeit als wachsender zeitlicher Abstand zu den Verbrechen der NS-Zeit, die es Menschen heute im Vergleich zu früher schwerer machen, das Geschehen greifbar zu machen, so die Einschätzung der Lehrer.
Die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit im Geschichtsunterricht muss in der Mittelstufe beginnen.
„Der Geschichtsunterricht in Deutschland ist nach wie vor viel zu theoretisch. Jahreszahlen und Lehrbuchwissen schaffen keine Betroffenheit“, sagt dagegen Quentin Gärtner. Der 18-Jährige ist Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz. Er wünscht sich Unterricht, der „berührt, und aufrüttelt“. Der Schüler sagt deutlich: „Die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit im Geschichtsunterricht muss in der Mittelstufe beginnen.“ (Quellen: Eigene Recherche) (Sosi, MoMai)