Abgehängt in Amerika: „Ocean State“ – Gesellschaftskritischer Roman von Stewart O‘Nan

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Von: Sven Trautwein

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Die Geschichte von jungen Frauen in heruntergekommenen Kleinstädten Amerikas sind sein Metier. Stewart O‘Nan ist mit einer Gesellschaftskritik zurück.

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Der erste Satz des Buches macht es deutlich, worum es hier geht: ein Verbrechen. Stewart O‘Nan legt mit „Ocean State“ einen Roman vor, der eine charakterstarke Studie Amerikas ist. Es ist kein klassischer Krimi im Sinne eines „Whodunit“, sondern bezieht die Vorgeschichte der Tat mit hinein. Literarisch auf hohem Niveau gibt der Text einen Einblick in die abgehängten Schichten der USA.

Stewart O‘Nan: „Ocean State“ – Das Buch

Cover zum Roman von Stewart O‘Nan „Ocean State“
Stewart O‘Nan „Ocean State“ © Rowohlt

Über Schwestern, Mütter und Töchter – und die schrecklichen Dinge, zu denen uns die Liebe treiben kann. Eine ergreifende Kriminalgeschichte, angesiedelt am Rand der amerikanischen Gesellschaft. Westerly, eine Arbeiterstadt in Rhode Island, dem kleinsten Bundesstaat der USA. Die Highschool-Schülerin Birdy wird umgebracht – sie hatte sich in den Falschen verliebt. Die Täterin: ihre Mitschülerin Angel. Beide verband die Liebe zu Myles, Sohn wohlhabender Mittelschichtseltern mit einem traumhaften Sommerhaus am Meer, und die Hoffnung, der Perspektivlosigkeit der eigenen Herkunft auf diesem Wege zu entkommen.

Rowohlt

Die Vorstädte der USA sind der Schauplatz des neuen Romans von Stewart O‘Nan. In Pittsburgh aufgewachsen, kennt O‘Nan den Niedergang der einstigen Vorzeigestädte. In „Ocean State“ schreiben wir das Jahr 2009. Die Immobilienkrise hat das Land voll erwischt. Kredite konnten vielerorts nicht mehr bedient werden, viele Vorstädte stehen leer. Kaum jemand, der sich dort noch finanziell engagieren möchte.

Carol ist alleinerziehende Mutter zweier Mädchen, mitten in der Pubertät. Die dreizehnjährige Marie und ihre fünf Jahre ältere Schwester Angel wachsen in schwierigen Verhältnissen in einem heruntergekommenen Haus auf. Sie kämpfen mit Alltagsproblemen, der Schule, finanzieller Not, unerfüllter Liebe und den Alkoholproblemen der Mutter. Als sich Angel in Myles verliebt, dessen Eltern etwas bessergestellt sind, scheint es aufwärtszugehen. Wäre dort jedoch nicht auch noch Birdy, die sich ebenso in Myles verguckt hat.

Stewart O‘Nan hat, wie auch Stephen King, mit dem er befreundet ist, die Kleinstädte Amerikas im Blick. Die abgehängte Generation, die auf der Suche nach sich selbst und finanzieller Unabhängigkeit ist, bildet den Dreh- und Angelpunkt des Romans. Myles dient als Projektionsfläche unerfüllter Liebe. Das selten genutzte Strandhaus seiner Eltern ist der Zufluchtspunkt, wo er sich mit Angel, aber auch mit Birdy trifft. Die Kluft zwischen Arm und Reich, reißt immer tiefer auf und führt am Ende zu einer Tat, die für Marie und ihre Schwester Angel unausweichlich zu sein scheint.

Stewart O‘Nan „Ocean State“: Mein Fazit

Stewart O‘Nans Roman hat mich tief beeindruckt. Die Schilderungen einer Generation am Ende der Gesellschaft sind eindrücklich und prägend. Die Entwicklungen der Charaktere und die vorurteilsfreie Erzählung haben mich vom ersten Kapitel an in ihren Bann gezogen. Gelungen finde ich den Wechsel der Erzählperspektive, der das Geschehene nicht relativiert, sondern einzuordnen versucht.

Stewart O‘Nan „Ocean State“

Aus dem Amerikanischen von Thomas Gunkel

2022, Rowohlt ISBN-13 978-3-498-00268-8

Preis: Gebunden 24 €, E-Book 19,99 €, 256 Seiten (Abweichend vom Format) Jetzt bestellen (werblicher Link)

Stewart O‘Nan

Stewart O′Nan wurde 1961 in Pittsburgh geboren und wuchs in Boston auf. Bevor er Autor wurde, arbeitete er als Flugzeugingenieur und studierte Literaturwissenschaft. Für seinen Debütroman „Engel im Schnee“ erhielt er 1993 den William-Faulkner-Preis.

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