„Lolita“-Bild, TV-Auftritte und „verstörte“ Ermittler – Familie Reusch verwundert Kriminal-Experten

Aktualisiert:

Von: Maximilian Kettenbach

Uns auf Google folgen

Die einen bewundern den Zusammenhalt der Familie Reusch im Fall ihrer vermissten Rebecca, bei den anderen ruft das Verhalten „Verstörung“ hervor. Es ist mindestens aufsehenerregend.

Berlin – Das Verhältnis zwischen Familie Reusch und Ermittlern gilt als zerrüttet. Und das fast seit Beginn des Falls. Man könnte annehmen, es beruht auf gegenseitigem Misstrauen. Die einen (die Familie) haben kein Verständnis dafür, dass die Ermittlungen nur in eine Richtung gehen – sie zielen auf den Schwager, Florian R. ab. Die anderen (Polizei und Staatsanwaltschaft) reagieren ernüchtert, weil die Familie ihnen nicht genug kooperiert.

Und Rebecca Reusch bleibt wie vom Erdboden verschluckt. Am 18. Februar 2024 jährt sich der Tag ihres Verschwindens bereits zum fünften Mal. Die damals 15-Jährige hatte im Haus ihrer Schwester Jessica und ihres Schwagers übernachtet. Die Polizei geht davon aus, dass sie das Haus nicht mehr lebend verlassen hat. Florian saß kurz nach dem Verschwinden zweimal in U-Haft, wurde jedoch beide Male wieder aufgrund mangelnder Beweise entlassen.

Polizei, Familie, Schwager – die Verhältnisse im Fall Rebecca Reusch sind belastet

Der Berliner Oberstaatsanwalt Ralph Knispel, dessen Namensvetter Martin die Ermittlungen weiterhin leitet, hält sich bedeckt: „Oftmals gestaltet sich auch das persönliche wie familiäre Verhältnisse zur Familie als nicht ganz einfach. Das kann im Einzelfall dazu führen, dass Angehörige von Beschuldigten an deren Schuld nicht glauben wollen.“

Die Vorwürfe gegen den verdächtigen Schwager wiegen weiter schwer. Die Ermittler lassen nicht ab von der Theorie, wie sie auch unseren Teilen 1-3 zum Verschwinden Rebeccas entnehmen können. Für Florian R. gilt trotz alledem die Unschuldsvermutung.

IPPEN.MEDIA-Serie Teil 4

Seit dem 18. Februar 2019 wird die damals 15-jährige Rebecca Reusch aus Berlin vermisst. Zum fünften Jahrestag ihres Verschwindens wollen wir den Fall noch einmal aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten. Dazu veröffentlichen wir an den fünf Freitagen vor dem Jahrestag eine Mini-Serie mit den neuesten Erkenntnissen, den Theorien von Experten und Einschätzungen aus dem Kreis der Ermittler.

Teil 1 der Serie: Überblick: Chronik, Ermittlungsstand und Schlüsselmomente

Teil 2 der Serie: Blick auf die Theorien: 5 mögliche Szenarien zum Verschwinden Rebeccas

Teil 3 der Serie: Blick auf den Schwager: Warum den Ermittlern sogar eine Blamage drohen könnte

Teil 5 der Serie: Blick auf die Ermittler: Die Fehler der Behörden und die Hoffnung auf das fehlende Puzzleteil

Vermisstenfall aus Berlin: Viele seltsame Einzelheiten rund um Rebeccas Verschwinden

Der Vermisstenfall Rebecca ist gerade mit Blick auf die Familie Reusch höchst ungewöhnlich. Fragt man den ehemaligen Fallanalytiker Axel Petermann danach, kommt er ins Reden und hört gar nicht mehr auf: „Es verschwindet eine 15-Jährige spurlos. Sie ist eigentlich in einem geschützten Raum bei ihrer Schwester. Sie soll zur Schule gehen, doch dann ist sie alleine mit ihrem Schwager, da die Schwester die Wohnung verlässt. Rebecca ist jetzt mit ihrem Schwager alleine. Der erzählt später, dass er geschlafen habe, scheint unterdessen allerdings Strangulationspraktiken beim Geschlechtsverkehr gegoogelt zu haben. Dazu gibt es keine Spuren, die die Annahme begründet, Rebecca könne das Haus verlassen haben. Sie erschien nicht an der Bushaltestelle und auch nicht in ihrer Schule. Das sind so viele ungewöhnliche Fakten und Indizien“, sagt er im Gespräch mit IPPEN.MEDIA.

„Jeder kennt ein Mädchen wie Rebecca. Jeder kann sich identifizieren, weil sie in vergleichbaren Wohnverhältnissen wohnte, wie viele andere und ein Leben lebte, wie viele andere“, versucht uns Kriminalistik-Professor Christian Matzdorf den Vermisstenfall zu erklären. „Darum hat die Öffentlichkeit vom ersten Tag an daran sehr stark teilgenommen und tut das bis heute.“ Nach diesen Gegenständen sucht die Polizei noch immer im Fall Rebecca.

Vorwürfe gegen Familie Reusch werden laut: Suchen die Ermittler von Beginn an mit dem falschen Bild nach Rebecca?
Vorwürfe gegen Familie Reusch werden laut: Von Beginn an suchen die Ermittler mit diesem Bild nach Rebecca. © Credit: dpa/Imago (Montage)

Am Tag von Rebeccas Verschwinden fährt Schwager Richtung Polen – „Florian, rede einfach“

Wie ging es dann weiter? „Schnell fiel der Verdacht auf Rebeccas Schwager Florian, der auf einer Feier mit Kollegen wohl recht viel getrunken hat. Trotzdem unternimmt er dann eine Autofahrt nach Polen, von der er allerdings zunächst nicht berichtet. Welchen Sinn hatte diese Fahrt?“, fragt Petermann.

Rebeccas Vater deutete wenige Tage nach dem Verschwinden im Februar 2019 nur an: „Die ganze Nummer hängt mit einer anderen Sache zusammen, die ich aber nicht sagen darf“, so Bernd Reusch bei RTL. Er bat seinen Schwiegersohn: „Florian, rede einfach! Klär das, damit die ganze Suche in die andere Richtung geht. Und zwar in die richtige. Wir müssen Becci finden.“

Wie IPPEN.MEDIA aus gut unterrichteten Kreisen weiß, soll es dabei um ein Drogengeschäft in Polen gegangen sein. Oberstaatsanwalt Knispel bleibt auch hier vage: „In manchen Milieus erreicht man Personen, die etwas wissen könnten, äußerst schwer. Das gilt etwa für den Bereich der Betäubungsmittel-, Banden- oder Rockerkriminalität. Viele trauen sich nicht zu sprechen. So bleiben einfach viele Fragen offen.“

Ralph Knispel ist Oberstaatsanwalt
Ralph Knispel ist Oberstaatsanwalt und Leiter der Abteilung für Kapitalverbrechen in Berlin. Er ist außerdem Vorsitzender der Vereinigung Berliner Staatsanwälte. © IMAGO/Olaf Wagner

Familie sucht nach Rebecca über Instagram und TV-Interviews: „Wir geben die Hoffnung nicht auf“

Nicht nur Vater Bernd, auch Mutter Brigitte und Rebeccas Schwestern traten direkt in die Öffentlichkeit. Sie koordinierten Suchaktionen. Die älteste, Vivien, richtete einen Instagram-Account ein, um nach Rebecca zu suchen. Doch trotz der zahlreichen Hinweise bleibt Rebecca verschollen.

Als im April 2023 erneut Ermittler das Haus von Schwager und Schwester durchsuchten, meldete sich Mutter Brigitte zuletzt öffentlich zu Wort: „Wir geben die Hoffnung nicht auf“, erklärte sie bei Bild. Man spüre, ob das eigene Kind noch lebe. Innerhalb der Familie gebe es „keine Veränderung“, erfuhr ein RTL-Reporter von Rebeccas Mutter. Man feiere Feste zusammen, sofern man sie nach dem Verschwinden von Rebecca noch feiern könne. Für den verdächtigen Florian gelte die Unschuldsvermutung, betonte Brigitte Reusch. Die Familie hält also weiter zusammen.

Über das Verhältnis von Rebecca zu ihrem Schwager ist wenig bekannt. Sie sollen sich gut verstanden haben. „Es gibt keine neutralen Zeugenaussagen. Inwieweit eine besondere, ggf. auch einseitige Nähe zwischen Rebecca und ihrem Schwager bestand, bleibt daher der Spekulation überlassen“, sagt Kriminalwissenschaftler Matzdorf.

Kriminalistik-Professor kritisiert Familie Reusch für TV-Auftritte - „zu Verstörung geführt“

Für Matzdorf, der als Professor für Kriminalistik mit Schwerpunkt Kriminaltechnik an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR Berlin) lehrt, ist das Auftreten der Familie fragwürdig: „Die Familie tritt nach außen hin weiterhin sehr geschlossen auf. In der Außenwirkung hat das zu Verstörung geführt, auch bei den Ermittlungspersonen.“ Matzdorf wirft der Familie die „offensive Selbstvermarktung“ und die grobe Kritik an den Sicherheitsbehörden vor.

Christian Matzdorf ist Professor für Kriminalistik mit Schwerpunkt Kriminaltechnik.
Christian Matzdorf ist Professor für Kriminalistik mit Schwerpunkt Kriminaltechnik an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR Berlin). Dort leitet er das Kriminaltechnikzentrum sowie den Krisenstab der Hochschule. Zudem ist er Vorstandsmitglied und Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Kriminalistik (DGfK). Er war über 30 Jahre in der Landespolizei Berlin. © privat

„Gerade in Sachen Medienpräsenz gibt es Szenen im TV, da konnte ein unvoreingenommener Beobachter Momente feststellen, in denen Mimik und Gestik mit den inhaltlichen Aussagen nicht kongruent erschienen“, so Matzdorf, der selbst 30 Jahre bei der Berliner Landespolizei tätig war und noch immer in Kontakt mit „Ermittlungsbeteiligten“ steht. „Die Familie hält zu ihm. Das ist ihr Recht und es gilt die Unschuldsvermutung bis das Gegenteil bewiesen ist.“

Innerhalb der Behörden hört man auch ein wenig Verständnis. „Sie wollen nicht daran glauben, dass er es gewesen sein könnte. Das ist menschlich, das kann man verstehen“, heißt es etwa. Zumal: Hätten die Eltern Reusch Florian damals verstoßen, hätten sie wohl oder übel auch ihre andere Tochter, Jessica, in ein neues, weiteres Unglück gestürzt.

Suche nach Rebecca: „Mit einem Lolita-Bild nach einem Mädchen gesucht, das es gar nicht gibt”

Kritik an der Familie übt Matzdorf auch beim Foto, das für die Suche nach dem Mädchen ausgewählt wurde. Also das Bild, mit dem die Ermittler nach Rebecca suchten und noch immer sucht. „Die Polizei konnte nur mit dem arbeiten, was ihr die Familie zur Verfügung stellte. Und auch nur mit den Informationen. Die Rolle der Familie ist zentral und in diesem Fall aus verschiedenen Perspektiven nicht immer optimal gewesen.“

Auch Petermann, dem ehemaligen Mordermittler und mittlerweile pensionierten Profiler, will nicht einleuchten, wieso die Familie den Ermittlungsbehörden dieses Foto gab. Die Familie habe sehr schnell eine Öffentlichkeitsfahndung nach ihr initiiert, die Vermisstenstelle der Berliner Polizei wurde schnell eingeschaltet. So weit lief alles, wie es sollte.

Axel Petermann war Mordermittler, ehe er zur Jahrtausendwende zum Profiler wurde.
Axel Petermann war Mordermittler, ehe er zur Jahrtausendwende zum Profiler wurde. Der polizeilich bestätigte Fallanalyst beriet seither die Ermittler. Bis 2014. Dann ging er in Pension. Kriminalfälle lassen ihn allerdings weiter nicht los. Seine auf wahren Fällen basierenden Bücher brachten ihn auf die Spiegel-Bestsellerliste. © Ralf Gemmecke

Doch dass man mit diesem Foto „nach einem Mädchen sucht, dass es mit einem solchen Aussehen gar nicht gibt“, verwundert den Experten. „Wie kam das zustande? Rebecca entspricht auf dem Foto dem sogenannten Lolita-Typ, die mit ihrem Aussehen Aufmerksamkeit erzeugt. Wieso sollten die Ermittler dann ein anderes Bild nehmen, wenn sie dieses für Fahndungszwecke erhalten; sie können ja nicht wissen, dass Rebecca tatsächlich so nicht wirklich aussieht.“

Erklärbar scheint: Es musste schnell gehen. Und: Die Familie lieferte rasch weitere Bilder, auf der Suche nach „Becci“.

„Mit einem Bild nach einem Mädchen gesucht, das es so gar nicht gibt.“

Profiler Axel Petermann

Mordermittler: Die Erfahrung zeigt, dass „in einer Familie noch mehr Gewalt herrscht als bei der Mafia“

„Wir wissen“, sagt Petermann, „dass die Familie als vermeintlicher Ort der Geborgenheit, ihren Mitgliedern Schutz und Geborgenheit bietet. Aber wenn ich es bildhaft darstelle, so scheint dort noch mehr an Gewalt zu herrschen als bei der Mafia. Salopp gesagt, auch die Familie könnte eine kriminelle Vereinigung sein. Das klingt hart, aber die tägliche Erfahrung beweist diesen Ansatz.“

Ist die geäußerte Hoffnung der Familie auf ein Wiedersehen mit Rebecca begründet? Petermann glaubt eher an die Theorie der Staatsanwaltschaft. Doch mit der ganzen Erfahrung aus jahrzehntelanger Ermittlungsarbeit, sagt er: „Es kann noch zu einer Lösung des Falls kommen. Am Ende sind immer Menschen involviert. Und wir wissen nicht, ob sie sich nicht in ein paar Jahren in ihren Aussagen korrigieren.“

Familie Reusch stand für eine Stellungnahme nicht zur Verfügung.

Hinweise nimmt die 3. Mordkommission des Landeskriminalamts unter der Rufnummer (030) 4664-911333 oder per E-Mail an lka113-hinweis@polizei.berlin.de entgegen.

Kommentare

$Teilen