„Eine Demütigung“: Aktuelle Erziehungsmethode prägt Mädchen ein Leben lang

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Von: Andreas Apetz

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Kinder zur Selbstständigkeit zu erziehen, ist ein elementarer Teil der Aufgabe von Eltern. Doch wenn die Balance kippt, prägt das insbesondere Mädchen ein Leben lang, warnt eine Expertin.

Wie viel Selbstständigkeit können Eltern ihren Kindern zutrauen? Im Online-Forum Reddit rechnet eine Nutzerin mit den „gut gemeinten“ Erziehungsmethoden ihrer Kindheit ab. Ihre Eltern hätten sie zu „radikaler Selbstständigkeit“ erzogen. Dabei habe sie schon früh das Gefühl entwickelt, keine Hilfe verdient zu haben und sich auf niemanden verlassen zu können. Eine andere Userin beschreibt eine ähnliche Erziehung. Der Höhepunkt: Mit sieben wurde sie von einer Lehrerin gemobbt. Ihre Eltern griffen nicht ein, sie sollte das allein lösen. Inzwischen könne sie um Hilfe bitten, schreibt sie. „Aber es fühlt sich jedes Mal wie eine Demütigung an.“

Pädagogin: Selbständigkeit sollte Kinder „fordern, aber nicht überfordern“

„Die Balance zu halten zwischen dem Umsorgen eines Kindes und Raum für Selbstständigkeit und Selbstwirksamkeit, ist eine ganz typische Herausforderung der Elternschaft – und gerade heute besonders aktuell“, sagte Susanne Mierau der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Die Diplom-Pädagogin betont: „Anforderungen sollten im altersgerechten Raum mit ein wenig Herausforderung nach oben liegen: fordern, aber nicht überfordern.“

Ein junges Mädchen
Zu viel Selbständigkeit und Verantwortung können für Kinder langfristige Folgen bedeuten. (Symbolfoto) © Depositphotos/Imago Images

Wenn das Gegenteil passiert, also Kinder dauerhaft altersunangemessene Verantwortung übernehmen müssen, spreche man von „destruktiver Parentifizierung“. Das bedeutet konkret: Das Kind trägt Verantwortung im Haushalt, sorgt emotional für seine Eltern oder ist mit zu viel auf sich alleine gestellt. „Kinder lernen dann, dass sie in besonderer Weise verantwortlich sind für das Wohlbefinden der Erwachsenen und die Beziehungsgestaltung zu ihnen, und erfahren gleichzeitig, dass sie von den Erwachsenen nicht bedingungslos Zuwendung oder die eigentlich wichtige Sicherheit erhalten“, erklärt Mierau.

Sie fragten aus dieser Erfahrung heraus seltener um Hilfe. Grenzen setzen falle ihnen zudem schwerer. Langfristig könne sich daraus „People-Pleasing“ entwickeln, das Bedürfnis, andere immer zufriedenzustellen. Oft fehle den Betroffenen rückblickend auch die Zeit für das eigentlich kindliche Erleben und Spiel. „Das kann langfristig auf die Psyche, aber auch auf die körperliche Gesundheit wirken“, warnt Mierau.

Das belegt auch eine Review der University of Illinois und der Georgia State University aus dem Jahr 2023. Dort wurden insgesamt 95 Einzelfallstudien ausgewertet mit dem Ergebnis, dass parentifizierte Kinder im Erwachsenenalter ein erhöhtes Risiko für Depression, Angststörungen und beeinträchtigte körperliche Gesundheit haben.

Mädchen von zu verfrühter Selbstständigkeit besonders betroffen

Besonders Mädchen seien von diesem Muster betroffen, erklärt die Pädagogin. Von Mädchen und Frauen werde erwartet, dass sie sich schon früh um sich selbst und andere kümmern. „Diese Zuschreibung ist historisch gewachsen und liegt nicht etwa daran, dass sie das per se besser könnten“, sagt Mierau. Mädchen lernten schon früh, sich selbst zurückzunehmen, sich zu kümmern, für andere zu sorgen und auch Haushaltsaufgaben zu übernehmen. Die Selbstständigkeit, die von ihnen verlangt werde, bedeute oft: Verantwortung für andere übernehmen, während Jungen häufig länger entlastet würden.

Echte Selbstständigkeit entstehe anders, betont Mierau. Eltern sollten versuchen, solche verinnerlichten Rollenbilder zu überwinden. „Wenn das Kind Vertrauen in die Verlässlichkeit und Fürsorge der Bezugsperson hat, bricht es von dieser Basis aus auf, um die Welt zu erkunden und darin eigenständige Erfahrungen zu machen.“ Es gehe immer darum, Angebote zu schaffen, die im aktuellen Entwicklungsraum des Kindes liegen – „nicht dem Bedarf des Elternteils“. So erfahre das Kind aus der Sicherheit heraus, dass es die Welt erkunden darf und wie das geht, sowie dass es sich bei Bedarf auch hilfesuchend an eine Bezugsperson wenden kann, die es fürsorglich unterstützt. (Quelle: Reddit, eigene Recherche)

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