Pädagogin: Was Väter im ersten Babyjahr tun, beeinflusst die Erziehung jahrelang
Uns auf Google folgenEine Erziehungsexpertin erklärt, warum das erste Babyjahr für Mütter und Väter so entscheidend ist – und wo viele Eltern aufpassen müssen.
Das Baby weint. Die Mutter nimmt es hoch, weil es sich so am schnellsten beruhigt. Was sich für viele Eltern im Alltag pragmatisch und wie die beste Lösung anfühlt, kann sich laut Susanne Mierau zu einem Problem entwickeln, das sich die ganze Erziehung hindurch bemerkbar macht. Die Diplompädagogin hat 16 Bücher über Erziehung geschrieben. Ihr neustes Werk, das am 18. März bei Kösel erscheint, heißt „Wurzelstark und flügelleicht – Was Babys wirklich brauchen und wie Bindung heute gelingt“.

Darin widmet sie sich stärker als je zuvor der Frage, wie Väter im ersten Babyjahr besser eingebunden werden können. Seitdem Mierau vor zehn Jahren ihr erstes Buch „Geborgen wachsen“ geschrieben hat, habe sich die Elternseite stark verändert, sagt sie im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Themen wie Equal Care und das Wohlbefinden von Müttern stünden heute noch mal mehr im Fokus. Sie und der Verlag haben sich deshalb gegen eine Überarbeitung – und für ein komplett neues Buch über das erste Babyjahr entschieden.
Die Falle: Wenn Mütter immer mehr übernehmen
Dass Mütter im Alltag mehr Zeit mit dem Kind verbringen und es öfter beruhigen, passiere selten absichtlich. „Es schleicht sich meist unbemerkt ein“, sagte Mierau der Frankfurter Rundschau. Oft falle hier das Argument, dass Väter ja nicht stillen könnten und deshalb weniger gefragt seien. Die Pädagogin lässt dieses Argument nicht gelten und verweist auf ein Zitat ihrer Kollegin Patricia Cammarata: „Väter können nicht stillen, aber sie können einfach alles andere übernehmen.“ Wickeln, wiegen, kuscheln, füttern mit der abgepumpten Milch in der Flasche – es gebe viele Wege, dem Kind nahe zu sein.
Das Problem sei: Wenn das Kind weniger Zeit mit dem Vater verbringt, gewöhnt es sich daran – und fordert bei Unwohlsein eher die Mutter ein. Der Vater zieht sich zurück, weil er das Gefühl hat, das Kind wolle ihn nicht. „Es kann eine Art Abwärtsspirale entstehen“, sagt Mierau. „Es ist enorm wichtig, diesen Kreislauf früh zu durchbrechen“, sagt sie. Väter sollten „im ersten Babyjahr nicht in diese Falle tappen und denken, dass das Baby einen jetzt blöd findet, und man das einfach so lassen sollte“. Stattdessen müssten Väter immer wieder versuchen, mit den Tränen umzugehen und das Kind zu beruhigen. „Das ist natürlich manchmal frustrierend, aber diese eigene Frustration auszuhalten und zu überwinden, lohnt sich.“
Väter müssen Kompetenz aufbauen – von Anfang an
„Das erste Babyjahr ist voller Momente, in denen Eltern den Grundstein für das Kind, für die Partnerschaft und für sich selbst legen“, sagt Mierau der Frankfurter Rundschau. Es sei entscheidend dafür, dass beide Elternteile vom Kind als Bezugspersonen wahrgenommen würden. Ihr konkreter Rat: Väter sollten möglichst viel Zeit mit dem Neugeborenen verbringen – keine Randzeiten, sondern volle Präsenz im Alltag und in der Babypflege. Viele Väter würden erst rund um den ersten Geburtstag einige Monate Elternzeit nehmen. „Dabei wäre eine gemeinsame Elternzeit möglichst früh sehr sinnvoll“, sagt Mierau.
Das sei auch deswegen hilfreich, weil sich die Beziehungsdynamik eines Paares verändere: „Auf einmal ist da dieses Kind, das beide erst mal kennenlernen müssen“, sagt sie. Manchmal sei es schwer für Eltern, mit dem Baby umzugehen, das man sich vielleicht ganz anders vorgestellt hatte, das einen anderen Charakter hat als gedacht. Mierau spricht hier vom „imaginären Kind“ aus der Schwangerschaft – und davon, wie wichtig es ist, dieses irgendwann loszulassen.
Außerdem habe die eine Person gerade eine Geburt hinter sich und müsse ihr Wohlbefinden erst wieder langsam aufbauen. Nicht umsonst sei von „Mutterät“ die Rede, also einer Phase tiefgreifender körperlicher und neurologischer Veränderungen, ähnlich der Pubertät. „Das Gehirn verändert sich, die Gehirnstrukturen bauen sich um. Wir fühlen auf einmal anders.“ Vielen Müttern gehe es nicht gut in den ersten Wochen mit Baby. „Deswegen müssen wir sicherstellen, dass – wenn wir schon in Kleinfamilien leben – zumindest beide Elternteile einbringen, aber bestenfalls noch mehr Leute mit unterstützen“, sagt sie. (Quellen: eigene Recherche)