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Körperliche Bestrafung zerstört die Psyche von Kindern, sagen Psychologen

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Von: Sina Alonso Garcia

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Vater hält Sohn am Arm fest und droht mit erhobener Hand. (Symbolbild)
Kinder, die Gewalt als Bestrafung erfahren, tragen die Folgen davon bis ins Erwachsenenalter (Symbolbild). © Ute Grabowsky/photothek.net/Imago

Eltern, die ihre Kinder körperlich bestrafen, lösen damit langfristige psychische Schäden aus. Was viele nicht wissen: Körperliche Misshandlung beginnt bereits im Kleinen.

Stuttgart - Wie weit dürfen Eltern in der Erziehung gehen, wenn es um Bestrafungen geht? Umfragen offenbaren ein erschreckendes Meinungsbild zu dieser Frage. Demnach ist jeder Zweite in Deutschland der Meinung, dass ein Klaps auf den Hintern noch keinem Kind geschadet habe. Jeder Sechste hält es sogar für angebracht, ein Kind zu ohrfeigen. Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Studie der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Ulm, Unicef Deutschland und dem Deutschen Kinderschutzbund (2020). Erschreckend ist das Stimmungsbild vor allem dann, wenn man auf die Warnungen von Kinderärzten und Psychologen hört. Die sagen: Bereits körperliche Bestrafung „milderer“ Form kann der Psyche von Kindern stark schaden.

Laut Studien, die dem Portal Bright Side vorliegen, kann körperliche Misshandlung in der Kindheit zu schweren Folgen für die Betroffenen im Erwachsenenalter führen. So führt sie zu Angstzuständen, Depressionen, geringem Selbstwertgefühl, emotionaler Instabilität und verschiedenen Verhaltensstörungen. Wie aus dem Bericht hervorgeht, kann körperliche Misshandlung viele Formen annehmen. Neben der offensichtlichen Form der Bestrafung - etwa durch Schlagen der Kinder mit einem Gegenstand, zum Beispiel Stock oder Gürtel - gibt es noch eine andere, oft verharmloste Form. Dazu gehört etwa das Schütteln von Kindern, das Ziehen an den Haaren, das Boxen der Ohren oder das Erzwingen einer unbequemen Haltung.

Formen der körperlichen Misshandlung - auch das ungewollte Füttern der Kinder gehört dazu

Zu den erzwungenen Handlungen gehören auch das Auswaschen des Mundes durch die Eltern, das Waschen der Hände oder das zwangsweise Füttern mit etwas, das das Kind nicht essen will. Zwar denken viele Erwachsene bei diesen Handlungen vermutlich nicht direkt an körperliche Misshandlung - doch fällt diese Form der Bestrafung laut Experten bereits in diese Kategorie. Auch verbale Gewalt kann Kindern langfristig schaden. Dazu gehören Drohungen, Demütigungen, Herabwürdigungen und Verängstigungen des Kindes sowie Anschreien. Auch, wenn sie äußerlich keine Spuren hinterlässt, ist verbale Gewalt für Kinder nicht weniger schädlich. So leiden auch Kinder, die verbale Misshandlung erfahren, oft im Erwachsenenalter unter Depressionen.

Wenn Eltern sich im Ärger nicht beherrschen können, kann das für das Kind schlimme seelische Folgen haben - selbst wenn die Eltern nur „leichte“ Formen der körperlichen Gewalt anwenden. In einer Studie wurde festgestellt, dass misshandelte Kinder später im Leben zu mehr Aggressivität neigen und bei allgemeinen Bewertungen der psychischen Gesundheit schlechter abschneiden.

Gewalt in der Erziehung: Psychologen zeigen Alternativen auf

Während Psychologen von den oben genannten Methoden der Disziplinierung abraten, gibt es solche, die sie für angemessen halten. Experten-Tipp: Trennen Sie das Kind für ein paar Minuten von der Situation und lassen Sie es zur Ruhe kommen, damit es darüber nachdenken kann. Dann können Sie geduldig über die Situation sprechen und erklären, was schlecht war. Statt Gewalt anzuwenden, entziehen Sie dem Kind ein Privileg. Lassen Sie es beispielsweise einen Tag lang keine Zeichentrickfilme sehen oder keine Süßigkeiten essen. Diese Methoden sind wirksam, weil sie eine langfristige Wirkung auf das Verhalten des Kindes haben. Eine sehr kurze Bestrafung reicht aus, um eine Wirkung zu erzielen, so die Experten.

Wie Unicef Deutschland erklärt, ist der Anteil der Menschen, die Gewalt anwenden oder als angebracht ansehen, insgesamt gesunken. Gaben in einer Befragung aus dem Jahr 2005 noch rund drei Viertel der Befragten an, einen „Klaps auf den Hintern“ als Erziehungsmethode verwendet zu haben, hielten im Jahr 2016 nur noch 44,7 Prozent und im Jahr 2020 nur noch 42,7 Prozent diese Strafe für angebracht.

Körperliche Bestrafung: Bei einem Teil der deutschen Bevölkerung leider noch verbreitet

Ähnlich rückläufig wie die Zustimmung zum „Klaps auf den Hintern“ ist auch die Zahl der Menschen, die eine Ohrfeige für angebracht halten. Gaben im Jahr 2005 noch 53,7 Prozent der Befragten an, schon einmal eine „leichte Ohrfeige“ als Erziehungsmethode eingesetzt zu haben, hielten dies im Jahr 2016 nur noch 17 Prozent und im Jahr 2020 17,6 Prozent für angebracht. In den Jahren von 2016 bis 2020 stagnierten die Zahlen somit. Die Akzeptanz von körperlicher Bestrafung hat damit ein Plateau erreicht. Insbesondere leichtere Körperstrafen bleiben bei einem erschreckenden Teil der deutschen Bevölkerung damit leider weiter verbreitet.

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