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Was würde passieren, wenn sich die Erde nur ein bisschen schneller dreht?

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Von: Franziska Vystrcil

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Die Erde hat ein Problem: Menschen, die ihr zu viel abverlangen / Planet
Würde sich die Erde schneller drehen, hätte dies fatale Auswirkungen auf unser Leben. © Nasa Goddard Space Flight Center/dpa

In einem Tag dreht sich die Erde einmal um die eigene Achse. Doch was würde passieren, wenn sich die Erde plötzlich schneller dreht? Dazu gibt es Theorien.

Stuttgart - Sie dreht und dreht sich, ohne dass wir es groß bemerken. Die Erde dreht sich in 23 Stunden und gut 56 Minuten einmal um die eigene Achse. Doch was, wenn das ganze plötzlich schneller vonstattengehen würde? Was würde das für unseren Planeten und letzten Endes auch für uns Menschen bedeuten?

Satellitenfernsehen ade: Dreht sich die Erde schneller, werden Satelliten aus ihrer Bahn geworfen

Vorab: Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass solch ein Szenario in nächster Zeit eintreten wird. Und falls doch, gibt es die Menschheit bis dahin wohl schon nicht mehr. Um sich in das Ganze hineinversetzen zu können, muss man zuerst wissen, wie schnell sich die Erde überhaupt bewegt. Das hängt davon ab, wo auf der Erde man sich befindet, denn der blaue Planet dreht sich am schnellsten um seine Taille. Da sich die Erde um ihre Achse dreht, ist ihr Umfang am Äquator am größten. 

An einem Beispiel wird es deutlicher: Ein Punkt auf dem Äquator muss in 24 Stunden viel weiter reisen, um zu seiner Ausgangsposition zurückzukehren, als zum Beispiel die Stadt Chicago. Um die zusätzliche Entfernung auszugleichen, dreht sich der Äquator mit einer Geschwindigkeit von etwa 1.668 Kilometern pro Stunde, während Chicago mit etwa 1207 Kilometern pro Stunde ein gemächlicheres Tempo vorlegt.

Was passiert also, wenn wir das Ganze beschleunigen? Die Wissenschaftsseite popsci.com hat hierzu Wissenschaftler befragt. Das Ergebnis: Würde man die Erdrotation um nur eine Meile pro Stunde (1,6 Kilometer pro Stunde) beschleunigen, würde der Meeresspiegel am Äquator um einige Zentimeter steigen, da das Wasser von den Polen dorthin wandert. „Es könnte ein paar Jahre dauern, bis wir das merken“, sagt Witold Fraczek, Analyst bei ESRI, einem Unternehmen, das Software für geografische Informationssysteme (GIS) herstellt, gegenüber der Seite.

Leichter erkennbar wäre die Beschleunigung anhand der Satelliten im Weltraum. Satelliten, die auf einer geosynchronen Umlaufbahn positioniert sind, umkreisen unseren Planeten mit einer Geschwindigkeit, die der Erdrotation entspricht, so dass sie immer über demselben Punkt positioniert bleiben können. Dreht sich die Erde eine Meile in der Stunde schneller, befinden sich die Satelliten nicht mehr in der korrekten Position. Die möglichen Folgen: Satellitenkommunikation, Fernsehübertragungen sowie militärische und geheimdienstliche Operationen könnten vorübergehend unterbrochen sein. Das könnte dann auch ein Problem für Mercedes-Benz darstellen: Der Stuttgarter Autobauer will autonome Autos mithilfe von Satelliten steuern.

Einige Satelliten haben Treibstoff an Bord und könnten ihre Position und Geschwindigkeit entsprechend anpassen, jedoch ist das nicht bei allen der Fall. Alle anderen Satelliten wären somit nutzlos.

Eine schnellere Erdrotation lässt unsere Tage kürzer werden

Außer Gefecht gesetzte Satelliten könnte man ja noch verkraften. Allerdings würde die Situation weitaus katastrophaler werden, je schneller sich die Erde dreht. Denn die Zentrifugalkraft der Erddrehung versucht ständig, alles und jeden vom Planeten zu schleudern. Jedoch ist die Schwerkraft im Moment stärker und wir bleiben auf dem Boden. Würde sich die Erde schneller drehen als jetzt, würde auch die Zentrifugalkraft zunehmen. Mit verheerenden Folgen: Bei einer Beschleunigung des Äquators auf 17.641 Meilen pro Stunde (etwa 28.390 Kilometer pro Stunde) wäre die Zentrifugalkraft schließlich so groß, dass man im Wesentlichen schwerelos wäre. Eine andere Gefahr ist da viel realistischer: Weltraumtrümmer einer chinesischen Rakete drohen auf die Erde zu stürzen.

Auch auf unsere Zeit hätte eine schnellere Erdrotation Auswirkungen. Denn je schneller sich die Erde dreht, desto kürzer würden unsere Tage werden. Bei einer Erhöhung der Geschwindigkeit um eine Meile pro Stunde (1,6 Kilometer pro Stunde) würde der Tag nur etwa anderthalb Minuten kürzer werden. Bei einer Erhöhung um 100 Meilen pro Stunde (etwa 161 Kilometer pro Stunde) würde das schon anders aussehen: Ein Tag hätte dann nur noch 22 Stunden. Die veränderte Tageslänge würde wahrscheinlich nicht nur unseren Zeitrhythmus, sondern auch den von Pflanzen und Tieren ordentlich durcheinander bringen.

Nur wenn diese Beschleunigung plötzlich und innerhalb kürzester Zeit eintreten würde, könnten wir diese spüren. Fände dieser Prozess über Millionen von Jahren statt, könnte sich der Mensch sowie Pflanzen und Tiere an die neuen Bedingungen anpassen. Wenn sich die Erdrotation langsam beschleunigen würde, würde sie die Atmosphäre mitreißen. Dadurch würden wir nicht unbedingt einen großen Unterschied bei den täglichen Winden und Wettermustern bemerken. Allerdings könnte das Wetter in Sachen Unwetter extremer werden. „Wirbelstürme werden sich schneller drehen und sie werden mehr Energie enthalten“, sagt Sten Odenwald, Astronom bei der NASA.

Umgekehrter Regen: eine schnellere Erdrotation würde unsere Welt auf den Kopf stellen

Die zusätzliche Geschwindigkeit am Äquator hätte auch einen Effekt auf unsere Meere. Das Wasser in den Ozeanen würde sich am Äquator stauen. Bei einer Geschwindigkeit von 100 Meilen pro Stunde (etwa 161 Kilometer pro Stunde) würde der Äquator zu ertrinken beginnen. „Ich denke, das Amazonasbecken, Nordaustralien und nicht zu vergessen die Inseln in der Äquatorregion würden alle unter Wasser gehen“, sagt Witold Fraczek. „Wie tief unter Wasser, weiß ich nicht genau, aber ich schätze, etwa 30 bis 65 Fuß (9 bis 20 Meter).“

Wenn wir die Geschwindigkeit am Äquator verdoppeln, sodass die Erde sich 1.000 Meilen (etwa. 1.609 Kilometer pro Stunde) schneller dreht, „wäre das eindeutig eine Katastrophe“, sagt Fraczek. Die Zentrifugalkraft würde Hunderte von Metern Wasser in Richtung der Erdtaille ziehen. „Abgesehen von den höchsten Bergen, wie dem Kilimandscharo oder den höchsten Gipfeln der Anden, wäre alles in der Äquatorregion mit Wasser bedeckt. Dieses zusätzliche Wasser würde aus den Polarregionen abgezogen, wo die Zentrifugalkraft geringer ist, sodass der Arktische Ozean viel flacher wäre.“

Bei etwa 17.000 Meilen pro Stunde (circa 27.359 Kilometer pro Stunde) würde die Zentrifugalkraft am Äquator der Schwerkraft entsprechen. Danach könnte es zu einem umgekehrten Regen kommen, spekuliert Fraczek. „Wassertröpfchen könnten sich in der Atmosphäre nach oben bewegen.“ Zu diesem Zeitpunkt würde sich die Erde mehr als 17 Mal schneller drehen als jetzt, und es gäbe wahrscheinlich nicht mehr viele Menschen in der Äquatorregion, die das Phänomen bestaunen könnten. Stephen Hawking stellte vor seinem Tod die Theorie auf, dass das Universum einen Endpunkt hat.

„Um sich schneller zu drehen, müsste sie genau von dem richtigen Objekt getroffen werden“

Bei etwa 24.000 Meilen pro Stunde (38.624 Kilometer pro Stunde) - und über Tausende von Jahre hinweg - würde sich schließlich auch die Erdkruste verschieben, sich an den Polen abflachen und am Äquator ausbeulen. Mit verheerenden Folgen: „Wir würden enorme Erdbeben erleben", sagt der Wissenschaftler.

Doch nach all diesen Szenarien kann Witold Fraczek beruhigen. Seit der Entstehung des Mondes hat sich die Erddrehung alle 10 Millionen Jahre um etwa 3,8 Meilen pro Stunde (circa 6 Kilometer pro Stunde) verlangsamt, was hauptsächlich auf die Anziehungskraft des Mondes auf unseren Planeten zurückzuführen ist. Es ist also sehr viel wahrscheinlicher, dass sich die Erdrotation in Zukunft weiter verlangsamt anstatt beschleunigt. „Es ist nicht vorstellbar, dass sich die Erde so dramatisch drehen könnte“, sagt auch Odenwald. „Um sich schneller zu drehen, müsste sie genau von dem richtigen Objekt getroffen werden, und das würde die Kruste verflüssigen, sodass wir sowieso tot wären.“ Laut einem anderen Szenario lässt sich sogar sagen, wann kein Leben mehr auf der Erde möglich sein wird: Forscher haben berechnet, wann uns die Luft ausgeht.

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