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Kinderwunsch mit über 35? So etwas wie eine biologische Uhr gibt es nicht - laut Studie

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Von: Sina Alonso Garcia

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„Die biologische Uhr tickt“ - viele Frauen mit Mitte 30 kennen diesen Satz. Doch der gesellschaftliche Druck ist laut einer Studie völlig unberechtigt.

Stuttgart - Während einige Frauen bereits früh an der Familienplanung arbeiten, gibt es zunehmend mehr, die sich erstmal um ihre Karriere kümmern möchten. Vielleicht haben sie aber auch den richtigen Partner noch nicht gefunden oder möchten sich gerade einfach nicht einschränken. Die Gründe dafür, wieso jemand mit Mitte 30 „noch“ nicht schwanger geworden ist, sind vielfältig. In den Augen unserer Gesellschaft jedenfalls ein klarer Fall: Da tickt die biologische Uhr gewaltig - oder hat sie sogar schon aufgehört zu ticken?

Mythos Fruchtbarkeitsgrenze mit 35: Auch im höheren Alter noch sehr gute Chancen auf Schwangerschaft

Selbst, wer die vermeintliche Grenze des fruchtbaren Daseins noch nicht erreicht hat, beginnt, sich vor ihr zu fürchten. Was, wenn es irgendwann zu spät ist? Was, wenn ich jetzt schon unfruchtbar bin? Durch die akute Babypanik, die die Gesellschaft Frauen infiltriert, können solche Schreckensgedanken schlimme Ausmaße annehmen. Deshalb die gute Nachricht: Auch mit über 35 hat man noch sehr gute Chancen auf eine Schwangerschaft.

Wer sich mit Fruchtbarkeit in Zusammenhang mit dem Alter beschäftigt, stößt dabei häufig auf eine Statistik, die gerne zitiert wird: „Eine von drei Frauen im Alter von 35-40 Jahren ist nach einem Jahr Probieren immer noch nicht schwanger.“ Das Kuriose daran: Die Studie bezieht sich auf französische Geburtsregistereinträge aus den Jahren zwischen 1670 und 1830.

Das Leben vom 17. bis zum 19. Jahrhundert ist wohl kaum mit dem Leben von heute zu vergleichen. Es gab keine Antibiotika, eine hohe Kindersterblichkeit, Hungersnöte, Kriege, schwere Arbeiten. Heutzutage haben wir eine ganz andere medizinische Versorgung, Frauen in den Industrieländern können sich gesund ernähren und arbeiten selten körperlich hart.

Studie: Fruchtbarkeit der über 35-Jährigen weicht nur minimal von unter 35-Jährigen ab

Obwohl die oben genannte Studie häufig zitiert wird, gibt es deutlich seriösere Daten: David Dunson veröffentlichte 2004 in „Obestrics & Gynecology“ eine Untersuchung, deren Grundlage die aktuellen Daten von 770 Frauen aus Europa sind. Die Teilnehmerinnen der Studie hatten jeweils zweimal pro Woche Sex. Nach einem Jahr waren 78 Prozent der 35- bis 40-Jährigen schwanger. Bei den 20- bis 34-Jährigen waren es 84 Prozent. Zwischen den beiden Altersgruppen lag also lediglich ein Fruchtbarkeitsunterschied von sechs Prozent.

Auch eine Studie von Anne Steiner von der University of North Carolina bestätigt, dass die Fruchtbarkeit von Frauen Mitte bis Ende 30 durchaus noch hoch ist. Von den Studienteilnehmerinnen zwischen 38 und 39 Jahren, die schon Mutter waren und ein normales Gewicht hatten, wurden 80 Prozent innerhalb von sechs Monaten auf ganz natürliche Weise schwanger.

Schwangerschaften jenseits der 35 keine Seltenheit - „ungefähr jede vierte“

Schwangerschaften jenseits der 35 sind heutzutage absolut keine Seltenheit mehr. „Ungefähr jede vierte der von mir betreuten Schwangeren ist bereits über 35 Jahre alt“, erklärte die Gynäkologin Dr. Barbara Eberhardt aus Landshut gegenüber der Apotheken Umschau. Sie erlebe ältere Schwangere aufgrund ihrer Lebenserfahrung oft als entspannter und weniger überfordert. Auch verfügten die Frauen meist über ein stabiles finanzielles Fundament und seien gesellschaftlich etabliert. „Sie sind in der Regel gut informiert, stellen viele Fragen und haben einen hohen Gesprächsbedarf“, so die Ärztin.

Dass werdende Mütter ab 35 Jahren im Mutterpass als „risikoschwanger“ gelten, bedeutet lediglich, dass sie noch engmaschiger untersucht werden. So kann es sein, dass manche Erkrankungen während der Schwangerschaft ab einem gewissen Alter häufiger vorkommen - zum Beispiel Schwangerschaftsdiabetes und erhöhter Blutdruck oder Präeklampsie. „Und je älter die Frauen sind, desto eher können natürlich auch unabhängig von der Schwangerschaft bereits chronische Erkrankungen vorliegen, zum Beispiel eine unerkannte Zuckerkrankheit“, so Eberhardt. „Dennoch können die Frauen im Normalfall die Zeit ihrer Schwangerschaft unbeschwert genießen.“

Schwangerschaft mit über 35: Frauen sollten selbst über ihr Leben entscheiden

Ganz egal, ob jemand bereits früh Mutter wird, sich erst später dafür entscheidet oder ein kinderloses Leben bevorzugt: Frauen sollten gefälligst selbst über ihr Leben entscheiden, fordert eine BW24-Autorin in ihrem Kommentar. Während bei Männern völlig andere Maßstäbe angelegt werden, erwartet die Gesellschaft von Frauen häufig ein ganz bestimmtes Schema, nach dem ihr Leben zu verlaufen hat. Neben ihrer Rolle als Mutter genau im „richtigen“ Alter sollen sie Krisenmanagerinnen daheim, Geschäftsfrauen und mehr sein.

In Sachen Gleichstellung von Frau und Mann hat die Pandemie für eine „Rolle rückwärts“ gesorgt. So ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Frauen seither noch komplizierter geworden. Homeoffice, Homeschooling und Co. tun ihr Übriges. Umso wichtiger ist es, sich dieser Ungleichheit gegenüber Männern bewusst zu werden und Frauen nicht zusätzlich noch mit gesellschaftlichen Rollenbildern unter Druck zu setzen.

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