Ukraine-Krieg entfacht Diskussion in der Wirtschaft

Die Frage nach der Ethik: Deutsche Unternehmen stehen wegen neuem Gesetz vor einer Zäsur

Verbrannte, mit Einschusslöchern versehene Gebäude und ein zerstörtes Fahrzeug zeugen von einer brutalen Schlacht in Irpin, einem kleinen Dorf in der Oblast Kiew.
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Der Ukraine-Krieg hat auch die Frage nach der Ethik in der Wirtschaft neu entfacht. Ein Gesetz soll die deutschen Unternehmen ab 2023 in die Verantwortung nehmen.
  • Julian Baumann
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Ein neues Gesetz soll Unternehmen ethisch in die Verantwortung nehmen. Vergehen werden hart bestraft. Das werden vor allem die großen Unternehmen zu spüren bekommen.

Stuttgart - Der unrechtmäßige Einmarsch der russischen Armee in die Ukraine am 24. Februar hatte auch weitreichende Folgen für die gesamte deutsche Wirtschaft. Konzerne wie Mercedes-Benz oder VW kappten ihre Verbindungen zu Russland und stellten Lieferungen in das Land ein. Schokoladenhersteller Ritter Sport liefert dagegen weiterhin nach Russland und erntete deshalb harsche Kritik. Insgesamt hat der andauernde Ukraine-Krieg mitten in Europa auch die Frage nach dem ethischen Handeln in der Wirtschaft neu entfacht.

Ab dem 1. Januar 2023 soll das sogenannte Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) in Kraft treten. Hinter dem sperrigen Namen verbirgt sich eine drastische Zäsur und eine große Aufgabe für die deutschen Wirtschaftsunternehmen. Konzerne wie Mercedes-Benz, VW oder auch die Würth Gruppe müssen dann nicht nur ihre eigene Produktion strengstens kontrollieren, sondern die gesamte Lieferkette vom Abbau der Rohstoffe bis hin zur Auslieferung der fertigen Produkte an die Kunden. Gegen Verletzungen der Grundrechte, auch im Kriegsfall, müssen die Unternehmen dann systematisch vorgehen und jährlich berichten, schreibt das Manager Magazin.

Ethisches Handeln in der deutschen Wirtschaft: Gesetz zwingt Unternehmen zur ständigen Kontrolle

Das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz wurde vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit mit verhandelt. Die Gesetzeslage ist deutlich und bietet für die Unternehmen keinen Handlungsspielraum. „Die Unternehmen müssen die Risiken ihrer Tätigkeit für Mensch und Umwelt aktiv in ihr Wirtschaften einbeziehen“, macht Juristin Anosha Wahidi, die das Gesetz entscheidend geprägt hat, laut dem Manager Magazin deutlich. Beim Inkrafttreten des Gesetzes zu Beginn des kommenden Jahres sollen zunächst die großen Unternehmen mit einer Mitarbeiterzahl von mindestens 3.000 in die Verantwortung gezogen werden. Bei Verstößen gegen das Gesetz drohen den Unternehmen Geldbußen von zu 2 Prozent des Jahresumsatzes sowie der zeitweilige Ausschluss von öffentlichen Aufträgen.

Demnach müssen sich auch die großen Unternehmen der Wirtschaft in Baden-Württemberg ab dem 1. Januar auf eine Zäsur gefasst machen. Welche Risiken eine Liefer-und Produktionskette haben kann, bekam die Discounterkette Lidl bereits zu spüren. Vorwürfe der „Versklavung“ und der „Zwangsarbeit“ brachten Lidl in Bedrängnis, da der Lebensmittelhändler Beziehungen zu einem Unternehmen in China hatte, das nachweislich Zwangsarbeiter einsetzt. In Zukunft müssen eben solche Beziehungen strengstens kontrolliert und dokumentiert werden. „Für 2023 wird es eng“, warnt Anwalt Lothar Harings von der Hamburger Kanzlei Graf von Westphalen laut dem Manager Magazin. Die Unternehmen sollten das Gesetz dringend ernst nehmen. „Das ist ein scharfes Schwert.“

Mercedes, Würth und Co.: Die Frage der Ethik bei den großen Konzernen in Baden-Württemberg

Gerade in der Autoindustrie bergen die langen und verzweigten Lieferketten in Bezug auf eine umfassende Kontrolle gewisse Risiken. Renata Jungo Brüngger, Vorständin für Integrität und Recht bei Mercedes-Benz, hat den großen Autobauer bereits frühzeitig auf ethisches Wirtschaften sensibilisiert. „Unser Geschäft muss nachhaltig werden, oder wir haben irgendwann keines mehr“, sagte sie dem Manager Magazin. Gerade bei einem so großen, international agierenden Konzern wie Mercedes, ist eine Kontrolle der Lieferkette aber nicht so einfach. Bereits vor sechs Jahren begann der Autobauer Menschenrechtsrisiken in der Lieferkette mit rund 60.000 direkten und mittelbaren Zulieferern zu identifizieren.

Mercedes-Benz hat nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine die Lieferungen frühzeitig gestoppt, bei der Produktion der Autos stellt sich vor allem aufgrund des wachsenden Anteils an E-Autos aber ein anderes Problem. Für die Batterien wird eine große Menge an Rohstoffen wie Nickel und Kobalt benötigt. Kobalt wird zu einem Großteil in der Demokratischen Republik Kongo abgebaut, wo Kinderarbeit an der Tagesordnung ist. Nachzuprüfen, ob auch die Rohstoffe für die Batterien von Mercedes aus einem solchen Bergwerk stammen, sei „echte Detektivarbeit“, sagte Renata Jungo Brüngger.

Im Gegensatz zu vielen großen westlichen Unternehmen lässt der Schraubenkonzern Würth aus dem baden-württembergischen Künzelsau (Hohenlohekreis) das Russland-Geschäft zunächst weiterlaufen. Zugleich haben der Milliardär Reinhold Würth, der das Unternehmen zum internationalen Marktführer ausgebaut hatte, und seine Tochter Bettina Würth mit den Führungsgremien eine Million Euro an Familien in der Ukraine gespendet, berichtet das Manager Magazin. Reinhold Würth selbst kennt den Krieg aus erster Hand und hat die Bombardierung der Stadt Heilbronn am 4. Dezember 1944 als Junge nur knapp überlebt. „Es gibt nichts Schlimmeres als Krieg“, sagte er im Jahr 2020.

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