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Lindner-Chefberater mit düsterer Prognose für die Wirtschaft - „so richtig hart wird es erst jetzt“

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Von: Julian Baumann

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Lars Feld spricht im Bundesfinanzministerium zum Thema: Finanzpolitische Strategie.
Lars Feld, Chefberater von Finanzminister Lindner, sieht keine Entspannung für die deutsche Wirtschaft. © IMAGO/Thomas Koehler

Die deutsche Wirtschaft schlittert derzeit von einer Krise in die nächste. Laut dem Chefberater von Finanzminister Christian Lindner (FDP) steht das Schlimmste noch bevor.

Freiburg/Berlin - Corona-Pandemie, Chipkrise, Ukraine-Krieg: Für die Wirtschaft in Baden-Württemberg und ganz Deutschland scheint es einfach keine Erholung zu geben. Die Inflation macht sich bei den Verbrauchern immer deutlicher bemerkbar. Experten prognostizierten bereits, dass Lebensmittel noch teurer werden. Zudem steigen die Preise für Strom, Gas und Wasser immer weiter an. Der Autoindustrie droht angesichts der Energiekrise der Worst Case. Wie sehr sich die hohen Preise und die Unterbrechung der Lieferketten bereits auf das Wirtschaftswachstum ausgewirkt haben, zeigen die Quartalszahlen vieler großer Unternehmen. Laut dem Chefberater von Finanzminister Christian Lindner (FDP) steht das Schlimmste aber noch bevor.

Lars Feld ist nicht nur der Chefberater des Bundesfinanzministers, sondern hat seit 2010 auch den Lehrstuhl Wirtschaftspolitik und Ordnungsökonomik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg inne und ist Direktor des Walter Eucken Instituts. Im Gespräch mit dem Handelsblatt zeichnete der Experte ein düsteres Bild für die deutsche Wirtschaft. „Deutschland befindet sich in höchst unsicherem Fahrwasser“, erklärte er. Die derzeitige Energiekrise, ausgelöst durch den Ukraine-Krieg, könne sogar noch problematischer werden, als die Krise aufgrund des Coronavirus im Jahr 2020.

Lindner-Chefberater Feld sieht Energiekrise erst am Anfang - „wird im zweiten Halbjahr voll durchschlagen“

Durch den Krieg in der Ukraine sind die Lieferketten unterbrochen und es ist für die deutsche Industrie schwer geworden, an wichtige Rohstoffe zu gelangen. Zudem hat der Aggressor Russland die Gaslieferungen nach Deutschland erheblich gedrosselt und droht seit einiger Zeit mit einem vollständigen Lieferstopp. Auf das zweite Quartal 2022 hat sich das zwar bislang nur geringfügig ausgewirkt, Ökonom Lars Feld mahnt dennoch zur Vorsicht. „Deutschland befindet sich in höchst unsicherem Fahrwasser. Die konjunkturelle Lage bleibt angespannt“, sagte er dem Handelsblatt. „Allerdings sind die Zahlen nicht so schlecht, wie viele befürchtet hatten.“

Autohersteller wie Mercedes-Benz können die Krise zumindest durch den Verkauf hochpreisiger Modelle abfedern und auch Audi legte vor wenigen Tagen durchaus gute Quartalszahlen vor. Mercedes hatte allerdings angekündigt, den Gasverbrauch um 50 Prozent senken zu wollen. Eben die Energieproblematik ist auch der Grund, warum Lindner-Chefberater Feld aktuell keine Entspannung sieht. „Die Probleme haben sich nun erst richtig aufgebaut und weiten sich aus“, erklärte er. „Im zweiten Halbjahr wird die Energiekrise voll durchschlagen.“ Um dieses Szenario zumindest abfedern zu können, haben auch Gemeinden und Kommunen bereits erste Vorkehrungsmaßnahmen getroffen. Baden-Württemberg prüft etwa das Aus für mit Licht angestrahlte Gebäude bei Nacht.

Experte spricht sich dafür aus, Verbraucher mit höheren Preisen zum Sparen zu animieren

Angesichts der immer drastischeren Gasnotlage rät der Chefberater von Finanzminister Christian Lindner dazu, jegliche Energievarianten in Betracht zu ziehen. „Wir müssen alles an Energie nehmen, was wir bekommen können“, erklärte er dem Handelsblatt. „Dazu zählt auch Atomkraft. Die drei verbliebenen Kernkraftwerke müssen weiterlaufen, mindestens fünf Jahre.“ Auch ein Stuttgarter Forscher erklärte, die deutschen Atomkraftwerke könnten weiterlaufen. Lars Feld ist sogar der Meinung, man müsse die Verbraucher mit noch höheren Preisen zum Sparen animieren. „Preisanreize sind ein entscheidendes Mittel und müssen stärker eingesetzt werden“, sagte er. Die Bundesregierung hätte bislang auf Appelle gesetzt. „Das ist verständlich. Es zeigt sich jetzt aber, dass das allein nicht reicht.“

Einen Lichtblick sieht der Ökonom trotz der schlechten Nachrichten dennoch. „Der wirtschaftliche Schaden durch die Corona-Pandemie im zurückliegenden Winter war nicht so groß wie bislang befürchtet“, so Feld. Das gebe für das laufende Jahr zumindest einen gewissen Rückenwind. „Aber wir müssen uns auch klarmachen: So richtig hart wird es jetzt erst.“ Aktuell werde man sich möglicherweise über das verhältnismäßig gute Quartal freuen. Es sei wahrscheinlich, dass die deutsche Wirtschaft im aktuellen Jahr noch zwei Quartale mit einem deutlichen Minus erleben werde. „Das wäre dann eine technische Rezession.“

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