Bruttoinlandsprodukt

Trübe Aussichten nach Wachstumssommer - Corona-Welle bremst

Konsum
+
Die deutsche Wirtschaft geht mit trüben Aussichten in den Corona-Herbst. Im Sommer kurbelte das Ende vieler coronabedingter Einschränkungen die Konsumlust der Verbraucher an.

Der deutschen Wirtschaft droht im Winterhalbjahr die Puste auszugehen. Die vierte Corona-Welle und Lieferengpässe belasten. Schon im Sommer hinterließ der Materialmangel in der Industrie Spuren.

Wiesbaden - Die deutsche Wirtschaft geht mit weniger Rückenwind als erwartet in den Corona-Herbst. Im Zeitraum Juli bis Ende September 2021 wuchs Europas größte Volkswirtschaft nach Angaben des Statistischen Bundesamtes um 1,7 Prozent gegenüber über dem Vorquartal.

In einer ersten Schätzung war die Wiesbadener Behörde noch von einem Plus von 1,8 Prozent ausgegangen. Angesichts der verschärften Corona-Infektionslage und anhaltender Lieferengpässe steht die Wirtschaft nun vor einem schwierigen Herbst und Winter.

„Die Folgen der Pandemie führen zu einem Stop-and-Go-Wachstum“, sagte Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank am Donnerstag. „Die vierte Corona-Welle wirkt ähnlich einer Handbremse.“

Privatkonsum kurbelte Konjunktur an

Im Sommer kurbelte das Ende vieler coronabedingter Einschränkungen die Konsumlust der Verbraucher kräftig an. Nach einem Anstieg um 6,2 Prozent im dritten Quartal dürfte der Privatkonsum Volkswirten zufolge in den kommenden Monaten wegen der dramatisch gestiegenen Infektionszahlen als Konjunkturmotor nun weitgehend ausfallen. Es wird befürchtet, dass Verbraucher aus Angst vor Ansteckung auf den Besuch von Gaststätten oder Veranstaltungen verzichten. Zudem haben zahlreiche Bundesländer damit begonnen, wieder schärfere Corona-Beschränkungen einzuführen.

Die Stimmung der Verbraucher hat sich angesichts der vierten Corona-Welle und der gestiegenen Inflation bereits deutlich eingetrübt. Die Forscher des Nürnberger Konsumforschungsunternehmens GfK dämpften die Aussichten für das Weihnachtsgeschäft. „Das Konsumklima wird gegenwärtig von zwei Seiten in die Zange genommen“, sagte GfK-Experte Rolf Bürkl. Die Anschaffungsneigung sei auf ein Neun-Monats-Tief gesunken - ein niedrigeres Niveau sei zuletzt im Februar 2021 festgestellt worden.

Lieferengpässe belasten Wirtschaftswachstum

Hinzu kommen Lieferengpässe, die das Wirtschaftswachstum bereits im Sommer belasteten. Der Export von Waren und Dienstleistungen schrumpfte im dritten Vierteljahr um 1,0 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Die Investitionen der Unternehmen in Ausrüstungen wie Maschinen und Fahrzeuge sanken um 3,7 Prozent, die Bauinvestitionen verringerten sich um 2,3 Prozent.

Rohstoffe und Vorprodukte wie Halbleiter sind knapp und teuer aufgrund der weltweit starken Nachfrage nach der Corona-Krise 2020. Manche Unternehmen müssen die Produktion drosseln, Aufträge können nicht mehr so schnell abgearbeitet werden. Wird weniger produziert, kann auch weniger exportiert werden.

Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hatte sich im November daher weiter verschlechtert. Der Ifo-Geschäftsklimaindex sank den fünften Monat in Folge. „Lieferengpässe und die vierte Coronawelle machen den Unternehmen zu schaffen“, erläuterte Ifo-Präsident Clemens Fuest.

Nach Einschätzung der Deutschen Bundesbank dürfte die wirtschaftliche Erholung „zunächst eine Verschnaufpause einlegen“. Das Bruttoinlandsprodukt könnte im vierten Quartal auf der Stelle treten. Das Institut für Weltwirtschaft (IfW) schließt leichte Rückgänge der Wirtschaftsleistung in Deutschland und im Euroraum zum Jahresende sowie im ersten Quartal 2022 nicht aus.

Der über das Sommerhalbjahr kräftige Aufholprozess dürfte erst ab dem Frühjahr wieder Tritt fassen, erläuterten die Ökonomen. Der Schaden dürfte aber geringer ausfallen als in den Infektionswellen davor. „Die ökonomischen Schmerzen der Pandemie werden von Welle zu Welle kleiner“, sagte IfW-Konjunkturchef Stefan Kooths.

Entwicklung der Arbeitslosenzahlen

Der Rückgang der Arbeitslosigkeit wird in den kommenden Monaten nach Einschätzung der Arbeitsagenturen weniger rasant verlaufen als im Sommer. „Das liegt auch daran, dass der Vorkrisenwert nicht mehr so weit weg ist und der Abbau der im Zuge der Krise gestiegenen Langzeitarbeitslosigkeit stockt“, sagte Enzo Weber vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Die Arbeitsmarktexperten erwarteten in der vierten Corona-Welle aber derzeit keinen größeren Rückschlag. Der Beschäftigungsausblick bleibe sehr positiv und erreiche ähnlich hohe Werte wie in guten Zeiten vor der Krise.

Schon vor der Zuspitzung der Corona-Lage hatten Ökonomen ihre Konjunkturprognosen für das laufende Jahr wegen der Lieferengpässe herabgesetzt. So erwarten beispielsweise die „Wirtschaftsweisen“ in diesem Jahr inzwischen ein Wachstum des Bruttoinlandsproduktes um 2,7 Prozent - im März war noch mit einem Plus um 3,1 Prozent gerechnet worden. Für 2022 ist das Beratergremium der Bundesregierung dagegen zuversichtlicher und erwartet einen kräftigen Wirtschaftsaufschwung nach dem coronabedingten Konjunktureinbruch im Krisenjahr 2020.

Das Vorkrisenniveau hat Europas größte Volkswirtschaft trotz des Wachstums im Sommer bislang noch nicht erreicht. Gegenüber dem vierten Quartal 2019 fiel die Wirtschaftsleistung im dritten Vierteljahr des laufenden Jahres um 1,1 Prozent geringer aus. dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare