Brief an die russischen Kunden

„Scheinheilig“: Ukrainische Medien kritisieren Software-Konzern SAP wegen Russland-Geschäft

Das Logo des Software-Konzerns SAP neben einer Flagge der russischen Föderation.
+
Der Software-Konzern SAP aus Baden-Württemberg geriet aufgrund eines Briefes an die russischen Kunden in die Kritik.
  • Julian Baumann
    VonJulian Baumann
    schließen

Im Zuge des Ukraine-Kriegs kündigte der Software-Konzern SAP an, alle Verbindungen zu Russland kappen zu wollen. Ein Schreiben sorgt nun allerdings für Unmut.

Walldorf - Nachdem die russische Armee am 24. Februar gegen das Völkerrecht eine Invasion in die Ukraine begonnen hatte, leiteten die westlichen Länder strenge Sanktionen gegen Russland ein, die auch von den großen Unternehmen umgesetzt wurden. Während Autobauer Mercedes-Benz die Lieferungen nach Russland stoppte, liefert Schokoladenhersteller Ritter Sport weiterhin in das Land und erntete deshalb deutliche Kritik.

Der Software-Konzern SAP mit Hauptsitz im baden-württembergischen Walldorf (Rhein-Neckar-Kreis) hatte am 24. März, genau einen Monat nach dem Beginn des russischen Angriffskrieges, ebenfalls Folgen für Russland angekündigt. „Wir stehen zu unserer Verpflichtung gegenüber der Ukraine, indem wir alle Verkäufe stoppen und den Cloud-Betrieb in Russland einstellen“, hieß es in einer Pressemitteilung des Unternehmens. Ein Brief, den der SAP-Vorstand einen Tag früher an die russischen Kunden verschickt hatte, führt jedoch zu Zweifeln an dieser Absicht.

SAP: Rückzug aus Russland wird von ukrainischem Online-Portal angezweifelt

Als erstes Medium veröffentlichte das ukrainische Online-Portal The Kyiv Independent den Brief des SAP-Vorstands an die Kunden in Russland. In dem in englischer Sprache verfassten Schreiben bietet der SAP-Vorstand den russischen Kunden einen kostenlosen Umzug der Daten auf Rechenzentren außerhalb Russlands an. Auf dieser Grundlage bezweifelt das Portal die Absichten des Unternehmens. „Der deutsche Software-Gigant SAP scheint in Bezug auf das Versprechen, die Bereitstellung der Cloud-Dienste für russische Kunden zu stoppen, scheinheilig agiert zu haben“, heißt es in dem Artikel vom 5. April.

„Das Schreiben erwähnt den Krieg Russlands gegen die Ukraine mit keinem Wort“, heißt es weiter. „Dabei war das angeblich der Grund für die Massenflucht der internationalen Konzerne aus Russland.“ Das ukrainische Online-Portal hatte nach eigener Aussage keine Antwort von SAP auf eine entsprechende Anfrage erhalten. Durch die Veröffentlichung des Schreibens gerät nun aber der größte europäische Software-Konzern zwischen die Fronten des Ukraine-Krieges. Auch der Autozulieferer Bosch geriet im Zuge des Krieges in die Kritik. Der ukrainische Außenminister warf Bosch vor, Komponenten für russische Militärfahrzeuge geliefert zu haben.

SAP bestätigt Echtheit des Briefes, weißt Vorwürfe aber zurück - „stehen zu unserer Verpflichtung“

Auf Anfrage der Wirtschaftswoche bestätigte SAP die Echtheit des Schreibens. Dem Software-Unternehmen sei es aber nicht darum gegangen, den Kunden in Russland bei der Umgehung der Sanktionen zu helfen, indem man diesen ermögliche, Daten und Clouddienste von außerhalb Russlands zu nutzen. Russischen Unternehmens sei es schließlich nicht erlaubt, auf Daten außerhalb des Landes zuzugreifen. „Wir stehen zu unserer Verpflichtung gegenüber der Ukraine, indem wir alle internationalen Sanktionen vollständig umsetzen, Verkäufe stoppen und den Cloud-Betrieb in Russland und Belarus einstellen“, so SAP in einer Stellungnahme.

„Allerdings gehören die Daten in den Rechenzentren nicht uns, sondern den Kunden. Aus rechtlichen Gründen haben wir daher Optionen erarbeitet, wie wir diese Daten übergeben können.“ Das gelte auch für internationale Kunden, die bislang auch auf dem russischen Markt aktiv waren. Dass der Ukraine-Krieg in dem Schreiben an die Kunden nicht erwähnt wurde, habe den Grund, dass man die Situation nicht weiter habe eskalieren lassen wollen, so SAP gegenüber der Wirtschaftswoche. Insgesamt hat der Ukraine-Krieg die Frage nach Ethik und Moral in der deutschen Wirtschaft neu entfacht. Deutsche Unternehmen stehen wegen einem neuen Gesetz vor einer Zäsur.

Kommentare