Debatte um Lieferstopp aus Russland

„Nicht auf Gaslieferungen verzichten“: Bosch-Chef warnt vor drastischen Folgen für Deutschland

Rohrsysteme und Absperrvorrichtungen in der Gasempfangsstation der Ostseepipeline Nord Stream 1. Oben links: Das Logo von Bosch.
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Bosch-Chef Stefan Hartung spricht sich dafür aus, vorerst nicht auf Gaslieferungen aus Russland zu verzichten.
  • Julian Baumann
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Im Zuge des Ukraine-Krieges wird darüber debattiert, Gaslieferungen aus Russland zu stoppen. Bosch-Chef Stefan Hartung warnt jedoch vor den Folgen für die Wirtschaft.

Stuttgart - Russland ist für den europäischen Kontinent der mit Abstand wichtigste Lieferant von Erdgas. Im Jahr 2020 lieferte das Land rund 168 Milliarden Kubikmeter Gas per Pipelines nach Europa. Seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine wird jedoch über einen Lieferstopp debattiert. Die IG Metall im Südwesten warnte bereits, dass ohne Gaslieferungen ein Produktionstopp für die Firmen droht. Dieser Meinung ist auch Stefan Hartung, der Chef des Technologiekonzerns Bosch aus Stuttgart. Er warnte im Interview mit dem Handelsblatt davor, Gaslieferungen aus Russland frühzeitig einzustellen.

Nach der Invasion Russlands in die Ukraine geriet Bosch bereits in die Kritik. Der ukrainische Außenminister warf Bosch vor, Komponenten für russische Panzer geliefert zu haben. Der Konzern widersprach den Vorwürfen. Obwohl Bosch, wie auch die anderen großen Unternehmen der Wirtschaft in Baden-Württemberg, das Russland-Geschäft nahezu vollständig zum Erliegen gebracht hat, spricht sich Stefan Hartung dafür aus, vorerst nicht auf Gaslieferungen zu verzichten.

Bosch-Chef warnt vor Stopp der Gaslieferungen aus Russland

Die Folgen des Ukraine-Krieges sind auch in der deutschen Automobilbranche deutlich zu spüren. Mercedes-Benz musste bereits die Produktion in Sindelfingen drosseln und bei Porsche war die Produktion des elektrischen Taycan betroffen. Das liegt vor allem an der unterbrochenen Lieferkette aus der Ukraine. Das stark umkämpfte Land ist einer der Hauptlieferanten für Rohstoffe wie Kobalt, die bei der Produktion von E-Auto-Batterien zum Einsatz kommen. Ein Stopp der Gaslieferung aus Russland hätte aber womöglich noch weitreichendere Folgen. „Wir brauchen Gas für die Produktion“, erklärte Bosch-Chef Stefan Hartung dem Handelsblatt. „Bosch selbst deckt 20 Prozent seines Energiebedarfs mit Gas. Wir benötigen also nicht sehr große Mengen, aber manche unserer Lieferanten schon.“

Bosch ist neben vielen weiteren Tätigkeiten auch der weltgrößte Zulieferer von Komponenten für die Autoindustrie. Sollte die Gaslieferung aus Russland gestoppt werden, wäre aber nicht nur der Konzern aus Stuttgart betroffen. „Wenn Deutschland einseitig auf russische Gaslieferungen verzichtet, brechen nicht nur bei Bosch hochrelevante Elemente der Lieferkette weg“, so Stefan Hartung. „Ich bin daher entschieden dafür, vorerst nicht auf Gaslieferungen zu verzichten.“ Obwohl sich ein Gaslieferstopp derzeit immer mehr abzeichnet, sieht der Bosch-Chef noch keinen Anlass schwarzzusehen. „Wir müssen mit Zuversicht nach vorn schauen und uns gleichzeitig auch auf kritische Szenarien vorbereiten.“

Bosch rechnet bei Lieferstopp mit Auswirkung, die weit über Folgen der Corona-Pandemie hinausgeht

Temporäre Unterbrechungen der Produktionsabläufe sind für die großen Unternehmen der baden-württembergischen Wirtschaft inzwischen vertraute Probleme. Durch die Corona-Pandemie standen bei Mercedes-Benz in mehreren Werken immer wieder temporär die Bänder still und auch Bosch musste die Produktion mehrfach unterbrechen. Stefan Hartung erwartet durch einen Stopp der Gaslieferungen aber noch drastischere Folgen. „Bei einem Gaslieferstopp rechnen wir mit einem zügigen Stillstand der gesamten industriellen Produktion“, erklärte er dem Handelsblatt. „Die Wirkung würde weit über die Unterbrechung durch Corona hinausgehen.“

Zudem sei ein solcher Stopp auch deutlich schwieriger zu koordinieren. In der Pandemie „haben [wir] die Produktionen kontrolliert abgestellt und dann vergleichsweise rasch wieder angefahren“, sagte der Bosch-Chef. Das wäre bei einem temporären Gasstopp nicht so einfach möglich, da die industrielle Grundlage des gesamten Wirtschaftsstandortes weg wäre, und das nicht nur für wenige Monate. „Das hieße dann Kurzarbeit für alle, solange der Staat das bezahlen kann“, machte Stefan Hartung deutlich. „Wer für einen Gaslieferstopp aus Russland plädiert, sollte all dies der Bevölkerung auch ehrlich sagen.“

Die Sanktionen gegen Russland, in deren Zuge auch ein Lieferstopp für russisches Erdgas diskutiert wird, sollen zum einen die russische Wirtschaft schwächen und zum anderen auch Wladimir Putin die Finanzierung seines Angriffskrieges entziehen. Durch weitere Lieferungen würde demnach auch der Krieg weiter finanziert werden. „Ich weiß, das ist schwierig“, sagte Bosch-Chef Stefan Hartung. „Aber ein vollständig geschwächtes Deutschland hilft Europa nicht. Auch nicht gegenüber Russland.“

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