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Netflix will Zusatzgebühren für Account-Teiler einführen - den Schritt habt ihr zu lange verpennt!

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Von: Julian Baumann

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Netflix will ab 2023 Zusatzgebühren für das Teilen von Accounts einführen. Der Streaming-Riese erhofft sich mehr Nutzer und höhere Einnahmen, aufgrund der starken Konkurrenz kann das aber schnell in die Hose gehen. Ein Kommentar.

Stuttgart - Netflix ist so etwas wie das Mercedes-Benz der Streamingwelt. Der Ursprung, der Vorreiter, der Visionär, der lange Zeit den Takt vorgab, sich inzwischen aber mit einer immer größeren Konkurrenz messen lassen muss. Als Reaktion auf die steigende Anzahl an Mitwerbern setzt der Autokonzern aus Stuttgart überaus erfolgreich auf hochpreisige Modelle. Netflix will im Kampf gegen sinkende Einnahmen und zurückgehende Abozahlen auch diejenigen zu Kasse bitten, die den Streaming-Dienst bislang kostenlos verwendet haben. Konkret plant das US-Unternehmen, laut einem Bericht des Magazins T3N, eine Zusatzgebühr von 2,99 Euro pro Monat für jeden Nutzer, der seinen Account mit einem anderen Haushalt teilt.

Laut Netflix-Schätzungen soll das rund 100 Millionen Haushalte weltweit betreffen, allein 30 Millionen davon in den USA und Kanada. Als Netflix noch die Monopolstellung hatte und die einzige wirkliche Streaming-Alternative zu TV oder den Mediatheken der Sender war, hätten drei Euro mehr im Monat wohl nur wenige Nutzer gestört. Inzwischen ist die Konkurrenz auf dem Streaming-Markt aber so groß, dass Netflix sich damit selbst ins Bein schießt. Man hofft darauf, damit mehr Kunden und Einnahmen zu erzielen, treibt damit viele Kunden aber in die Arme der Konkurrenz!

Netflix hat „Schnorrer“ viel zu lang toleriert - will jetzt aber die zahlenden Kunden zu Kasse bitten

Das Teilen von Accounts außerhalb des eigenen Haushalts war bei Netflix rechtlich zwar noch nie erlaubt, wurde lange Zeit aber geduldet. Bislang hatte Netflix mehrfach damit gedroht, die sogenannten „Schnorrer“, also diejenigen, die den Account mitverwenden, aber nicht dafür zahlen, zur Rechenschaft zu ziehen. Dort liegt der Knackpunkt der aktuellen Lage. Rein technisch ist es aus wirtschaftlicher Sicht selbstverständlich nachzuvollziehen. Wer einen Dienst nutzt, muss auch dafür zahlen. Das ist zwar richtig, richtig ist aber auch, dass Netflix diesen Schritt zu lange verpennt hat.

Das Problem, dass ich bei dem nun bekannt gegebenen Vorgehen sehe, ist aber, dass eben diejenigen zur Kasse gebeten werden, die sowieso bereits für den Dienst zahlen. Ein Premium-Abo von Netflix für vier gleichzeitige Geräte kostet derzeit 17,99 Euro im Monat und würde durch die Maßnahme auf rund 21 Euro steigen. Ob beispielsweise eine WG mit drei Personen den Account mit einem weiteren Nutzer teilt, oder ein Netflix-Kunde sein Passwort an drei „Schnorrer“ weitergibt, ist offenbar unerheblich. Wer seinen Account teilt, zahlt, egal, mit wie vielen Personen er ihn teilt und egal, ob es sich dabei um Freunde oder Familienangehörige handelt.

Ein weiteres Problem bei dem Vorhaben liegt nicht nur bei Netflix selbst, sondern auch bei den Preisen der Konkurrenz. Nehmen wir an, dass ein zahlender Kunde seinen Standard-Account (Streaming auf zwei Geräten gleichzeitig) mit einer Person außerhalb seines Haushalts teilt. Aktuell zahlt er dafür 12,99 Euro im Monat, was durch das Vorhaben auf fast 16 Euro ansteigt. Um dem zu entgehen, müsste die andere Person, die bislang nicht gezahlt hatte, selbst ein Abo bei Netflix abschließen, was in der günstigsten Variante derzeit 7,99 Euro im Monat kostet. Andere Streaming-Dienste sind für weniger zu haben.

Netflix hat keine Monopolstellung mehr - auch Konkurrenten rüsten Angebot immer weiter auf

Durch den steigenden Konkurrenzdruck hat Netflix das Angebot an eigenen Serien und Filmen und auch an lizenzierten Fremdproduktionen in den vergangenen Jahren deutlich erhöht. Dadurch sind aber auch die Mitgliedergebühren immer wieder angehoben worden. Für das Unternehmen und die Nutzer ist das ein zweischneidiges Schwert. Dass man für mehr Content auch mehr Geld zahlen muss, sollte eigentlich niemanden verwundern. Wenn der große Konkurrent das ebenfalls immer weiter anwachsende Angebot aber deutlich günstiger anbietet, besteht dafür keine Notwendigkeit mehr.

Eine Frau liegt auf dem Boden vor einem Laptop, auf dem Netflix zu sehen ist.
Netflix will Zusatzgebühren für das Teilen von Accounts einführen, ist damit aber zu spät dran. Die Auswahl an Alternativen ist inzwischen zu groß. (Symbolfoto) © IMAGO / Panthermedia

Eine Prime-Mitgliedschaft, die neben der Nutzung von Amazon Prime Video noch andere Vorteile bei dem Online-Handelsriesen bringt, kostet derzeit ebenfalls 7,99 Euro im Monat, sinkt bei einer Einmalzahlung von 63 Euro im Jahr aber auf 5,99 Euro pro Monat. Netflix und Prime Video haben zwar nicht dasselbe Angebot, der Streaming-Dienst von Amazon rüstet aber ebenfalls immer weiter auf.

Zumal auch die Anzahl der Konkurrenten beständig wächst und Kunden nicht mehr nur zwischen regulärem TV und Netflix, sondern zwischen immer mehr Streaming-Anbietern wie Amazon Prime Video, Sky Ticket oder Disney Plus wählen können. Viele Nutzer haben auch bei mehreren Anbietern Abonnements und können wahrscheinlich auf eines davon gut verzichten - gerade in Zeiten einer Inflation und einer unsicheren Wirtschaftslage.

Netflix führt Übertragung von Profildaten ein: Gute Idee, ihr werdet aber trotzdem Kunden verlieren

Würde Netflix seinen Streaming-Dienst im Jahr 2022 starten, würde das Unternehmen wahrscheinlich vieles anders machen und beispielsweise auch von Beginn an das Account-Teilen unterbinden oder eben die Nutzer extra dafür zahlen lassen. 15 Jahre nach dem Start des Video-on-Demand-Dienstes ist es dafür aber deutlich zu spät. Netflix bietet mit Erfolgsserien wie „Stranger Things“ oder „Bridgerton“ oder dem mit mehreren Filmpreisen ausgezeichneten „The Irishman“ durchaus hoch angesehene Eigenproduktionen, die man nirgendwo sonst sehen kann. Der Dienstleister ist aber auch dafür bekannt, Serien gnadenlos abzusägen, wenn sie nicht die erhoffte Resonanz erzielen.

Aktuell geht es bei Netflix wieder deutlich bergauf. Der Streaming-Dienst konnte seine Nutzerzahlen um 2,4 Millionen erhöhen und den Kundenschwund dadurch stoppen. Da Netflix offenbar selber weiß, dass das Vorhaben, rund 100 Millionen Haushalte weltweit zur Kasse zu bitten, schnell nach hinten losgehen kann, hat sich das Unternehmen etwas überlegt. Bereits ab dem 24. Oktober will der Streaming-Riese weltweit das Übertragen von Profilen freischalten, berichtet T3N.

Wer aktuell mit einem „geschnorrten“ Zugang mitten in einer Serie steckt, muss nicht von vorne anfangen, wenn er sich dazu entscheidet, ein eigenes Netflix-Abo abzuschließen. Stattdessen können die Daten von einem Account in den nächsten übernommen werden. Grundsätzlich ist diese Möglichkeit eine gute Idee, aus den angesprochenen Gründen bin ich aber der Überzeugung, dass Netflix dennoch einige Nutzer an die Konkurrenz verlieren wird.

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