„Verteilte Aktionen im gesamten Stadtgebiet“

IAA-Aktivisten wollen am Freitag Messe lahmlegen – München drohen Staus und Proteste

  • Thomas Schmidtutz
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Die IAA zieht neben Autofans auch Klima-Schützer an. Am Freitag wollen Aktivisten richtig loslegen und die Autoshow komplett lahmlegen. Für Anwohner und Pendler könnte es ungemütlich werden.

München - Beim Kampf ums Klima darf die Grundversorgung nicht auf der Strecke bleiben – schon gar nicht auf der Wiesn: „Trinken ist wichtig für die Revolution“, mahnen A4-Zettel über dem Getränkestand der Aktivisten auf der Theresienwiese in München*. Da, wo um diese Jahreszeit sonst eigentlich die Festzelte den letzten Gaudi-Chic erhalten und das Riesenrad einen Blick über das wohl schönste Volksfest der Welt bietet, laufen die Vorbereitungen für den Protest gegen die IAA Mobility. Es gibt Workshops, Diskussionsforen und jede Menge Arbeit. „Kann jemand noch ein paar Anzüge sprayen?“, fragt ein Aktivist Hilfe suchend, während gegenüber drei junge Klimaschützer ein Riesenbanner bemalen: „Smash IAA“.

Neben dem theoretischen Rüstzeug für Diskussionen zur Klimakrise kriegen die Camp-Bewohner auch handfeste Tipps. Von neun bis zwölf Uhr ist ein Crashkurs eingeplant. Auf dem Stundenplan stehen Hinweise für Blockaden („Hinsetzen, unterhaken und die Hände unter den Beinen verschränken, damit die Polizei Euch leichter wegtragen kann und es keine Verletzungen gibt“), Handzeichen - und die richtige Technik, um Absperrungen zu durchbrechen.

Einen Vorgeschmack darauf gibt’s beim Pressetermin am Donnerstag direkt vor Ort. Auf ein Kommando läuft ein gutes Dutzend Demonstranten in weißen Anzügen eine simulierte Polizeiabsperrung an, teilt sich dann blitzschnell auf, und kommt unter lautem Jubel hinter die Abwehr-Kette.

IAA Mobiity: Fünf-Finger-Taktik soll gegen Absperrungen helfen

Unterhaken zum Klimaprotest: Auf der Münchner Theresienwiese bereiten sich Aktivisten auf Blockaden im Umfeld der IAA vor.

Fünf-Finger-Taktik nennen die Umweltschützer den Ansatz zum „Umfließen von Absperrungen und Polizei-Ketten“. Das funktioniere auch im richtigen Protestleben, versichert Tadzio Müller. Der promovierte Politikwissenschaftler, Jahrgang 1976, gehört zu den erfahrensten Klimaaktivisten im Camp. Die Taktik stamme aus den AKW-Protesten im Wendland Anfang der 80er Jahre und sei „ein deutscher Exporterfolg“, versichert der bekennende Linke.

Früher habe er auch auf „Latschdemos“ protestiert. „Da geht man erst mit und dann nach Hause“. Aber am Ende nehme kaum jemand davon Notiz, worum es eigentlich gegangen sei. Mit Sitzblockaden und anderen Formen des zivilen Ungehorsams würden die Anliegen der Aktivisten aber erheblich besser wahrgenommen, sagt der gebürtige Frankfurter. Daher gibt es für ihn keine Alternative.

Bei vielen Camp-Teilnehmern ist das ähnlich. Er fühle sich „empowered“, sagt ein Aktivist über seine Demo-Erfahrungen. Am Anfang des Protests, verrät eine andere Camp-Aktivistin, sei sie „schon ein bisschen nervös, aber dann ist es voll schön“.

Aktivisten: „Im Kampf gegen den Klimawandel hat die Politik versagt

Nach der Blockade der Autobahnen im Großraum München und dem Training am Donnerstag wollen die Aktivisten nun nachlegen. Am Freitag planen die Aktivisten zahlreiche Proteste gegen die IAA. Der Klimawandel sei „dramatisch“, kritisiert Lou Winters, Pressesprecherin von Sand im Getriebe, einem Bündnis verschiedener Gruppen von Klimaschützern. Erst vor wenigen Wochen hätte es in vielen europäischen Ländern eine schreckliche Hitzewelle gegeben, bei der jüngsten Flutkatastrophe in Deutschland seien 170 Menschen ums Leben gekommen.

Im Kampf gegen den Klimawandel habe die Politik „jahrelang versagt“. Daher wolle man mit „massenhaftem zivilen Ungehorsam“ dagegenhalten. „Wir wollen die Abgas-Ausstellung der Automobil-Industrie lahmlegen und die Inszenierung der Hersteller grundlegend stören.“

Als Blaupause gilt die jüngste IAA in Frankfurt 2019. Damals sei es den Aktivisten sogar gelungen, den Haupteingang an der Friedrich-Ebert-Anlage lahmzulegen, erinnert sich Müller, der damals zu den Initiatoren hinter den Protesten gegen die IAA zählte. Ein ähnlicher Erfolg schwebt den Organisatoren nun auch in der bayerischen Landeshauptstadt vor.

Video: Hintergrund der Proteste - wie nachhaltig sind die „grünen“ Modelle auf der IAA wirklich?

IAA Mobility: Anwohner und Pendlern droht Geduldsprobe

Neben der Messe im Münchner Osten könnte auch die Innenstadt ins Visier der Protestierer geraten. Zwar wollen die Aktivisten mit Blick auf die Polizei auch beim Pressetermin am Donnerstag nicht verraten, was sie genau vorhaben. Aber klar ist eins: „Wir wollen verteilte Aktionen und funktionierende Blockaden im gesamten Stadtgebiet“.

Für die Stadt könnten die Aktionen am Freitag und die beiden für den Samstag angekündigten Demonstrationen damit zur echten Geduldsprobe werden. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © Aaron Karasek via www.imago-images.de

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