Sollte Gasmangel herrschen

„Gas erst bei den Privaten abschalten, dann bei der Industrie“: Top-Manager macht kontroversen Vorschlag

Eine Frau sitzt mit Jacke, Mütze und Handschuhen vor einer Heizung. Rechts: E.ON- und Lufthansa Aufsichtsratschef Karl Ludwig Kley (Archivbilder).
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Der Aufsichtsratschef von E.ON und der Lufthansa, Karl Ludwig Kley, fordert, Unternehmen bei einem Gasmangel Vorrang vor privaten Haushalten einzuräumen.
  • Julian Baumann
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Im Falle eines Gasmangels durch den Ukraine-Krieg schlägt der E.ON- und Lufthansa-Aufsichtsratschef vor, den Unternehmen Vorrang vor den privaten Haushalten zu gewähren.

Stuttgart/Köln - Als Reaktion auf den russischen Angriffskrieg in der Ukraine haben die EU-Mitgliedstaaten Russland mit scharfen Sanktionen belegt. Seitdem wächst in der deutschen Wirtschaft und auch bei den Verbrauchern die Sorge, dass Wladimir Putin die Gaslieferungen nach Europa vollständig einstellen könnte. Im Falle eines Gasembargos wären Zehntausende Arbeitsplätze in Gefahr, Baden-Württemberg wäre besonders betroffen.

Gasmangel: Unternehmen sollten laut Aufsichtsratschef von E.ON und Lufthansa priorisiert werden

Die großen Unternehmen der Wirtschaft in Baden-Württemberg warnten bereits vor einer Einstellung der Gaslieferungen aus Russland. Sowohl Ola Källenius, Chef des Autokonzerns Mercedes-Benz, als auch Stefan Hartung, Chef des Technologiekonzerns Bosch, sprachen sich vorläufig gegen einen Lieferstopp aus. Källenius sagte, man könne der Ukraine nicht helfen, wenn man sich durch einen Gasmangel selber schwäche. Genau das würde laut dem Mercedes-CEO aber im Falle eines Lieferstopps eintreffen. Der Aufsichtsratschef des Energiekonzerns E.ON und der Airline Lufthansa, Karl Ludwig Kley, sprach sich im Interview mit dem Manager Magazin dafür aus, den Unternehmen Vorrang vor den privaten Haushalten zu gewähren.

Dem Bundeswirtschaftsministerium zufolge sei eine Versorgung mit Gas in Deutschland derzeit gesichert. Minister Robert Habeck (Grüne) lehnt ein Gasembargo als Reaktion auf den russischen Angriffskrieg aber bislang ab. Karl Ludwig Kley befürwortet diese Entscheidung. „Ja, ich halte das für richtig“, sagte der mächtige Aufsichtsratschef, der zuvor unter anderem auch beim Münchner Autokonzern BMW tätig war, dem Manager Magazin. „Denn ein Embargo würde unser Land empfindlicher treffen, als viele sich das vorstellen können.“ Eben weil die deutsche Wirtschaft so stark vernetzt sei, wären die Folgen für die Bundesrepublik enorm.

Bei Gasmangel sieht Reihenfolge der Bundesnetzagentur erst Abklemmung der Industrie vor

Im Zuge eines drohenden Gasmangels sind nicht nur die Unternehmen in Deutschland betroffen, sondern auch die privaten Haushalte. Der größte Energiekonzern im Südwesten, die EnBW, zog eine düstere Gaspreis-Prognose wegen des Kriegs in der Ukraine. Sollte Russland als wichtigster Lieferant von Erdgas für den europäischen Kontinent die Lieferungen vollständig einstellen, hätte das fatale Folgen für ganz Deutschland. Die Bundesnetzagentur hat im Falle eines Gasmangels eine Reihenfolge festgelegt. Demnach werden zunächst einzelne Zweige der Industrie abgeklemmt, bevor die privaten Haushalte ohne Gas auskommen müssen.

Der E.ON- und Lufthansa Aufsichtsratschef spricht sich aufgrund der aktuellen Situation für eine Änderung der Reihenfolge aus. „Die Politik sollte sehr ernsthaft darüber nachdenken, ob sie die Reihenfolge nicht umdreht und erst bei Privaten abschaltet und dann bei der Industrie“, sagte Karl Ludwig Kley. „Denn unsere gesamte Volkswirtschaft und damit auch die Einkommen der Menschen hängen daran, dass die Industrie arbeitsfähig bleibt.“ Lebensnotwendige Infrastrukturen, wie beispielsweise Krankenhäuser, seien davon aber ausgenommen.

Frieren oder Jobverlust? Drohendes Gasembargo stellt Politik vor Dilemma

Durch das drohende Gasembargo und den dadurch entstehenden Mangel an Erdgas sowohl für die Industrie, als auch für die Beheizung privater Immobilien, ergibt sich derzeit ein Dilemma. Der frühere Bundespräsident Joachim Gauck sagte in der ARD, man könne „auch mal frieren für die Freiheit.“ Das könnte durch den Vorschlag von Karl Ludwig Kley im kommenden Winter für viele Haushalte zur Realität werden. „Aber wäre es besser, wenn Firmen die Produktion einstellen müssen und Menschen dadurch ihren Arbeitsplatz verlieren?“, fragte der Aufsichtsratschef im Gespräch mit dem Manager Magazin.

Dass viele Arbeitnehmer in der Industrie durch einen Mangel an Gas ihre Anstellungen verlieren könnten, ergab auch eine Studie des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH). Demnach wären Städte mit einer besonders starken Wirtschaft, wie beispielsweise Wolfsburg oder Stuttgart, besonders betroffen. Selbst Weltkonzerne wie Mercedes-Benz könnten einen kompletten Stopp von russischen Gaslieferungen nicht ohne weiteres verkraften. „Meine Schlussfolgerung ist, dass Politik und Wirtschaft ein Höchstmaß an Flexibilität ermöglichen und ausüben müssen“, erklärte Karl Ludwig Kley.

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