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„Müssen sofort anfangen, Gas zu sparen, nicht erst im Winter“: Experte warnt vor Krisenzustand

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Von: Julian Baumann

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Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur, steht vor dem Haus der Bundesnetzagentur.
Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur, ruft angesichts eines möglichen Gaslieferstopps zum Sparen auf. © Oliver Berg/dpa

Russland hat vor einigen Tagen die Gaslieferungen nach Deutschland gedrosselt. Im Falle eines vollständigen Lieferstopps müsse bereits jetzt gehandelt, sprich gespart werden, sagte der Chef der Bundesnetzagentur.

Stuttgart/Bonn - Seit Beginn des Angriffskrieges auf die Ukraine haben die westlichen Länder Russland mit weitreichenden Sanktionen belegt. Auch ein Gasembargo, also eine Lösung der Abhängigkeit von russischem Gas, war in Deutschland lange im Gespräch. Das hätte für die Wirtschaft aber drastische Folgen, weswegen unter anderem auch Mercedes-Chef Ola Källenius deutlich vor einem Gaslieferstopp warnte. Vor wenigen Tagen hat Russland allerdings selbst die Gaslieferungen nach Deutschland gedrosselt. Der Autoindustrie droht im Falle eines vollständigen Lieferstopps der Worst Case. „Wenn man uns das Gas abstellt, wird kein Auto mehr gebaut“, hieß es bereits.

Die unsichere Versorgung mit Erdgas betrifft allerdings nicht nur die Wirtschaft und die Industrie, sondern auch die Verbraucher. Durch die Drosselung der Gaslieferungen über die Ostsee-Pipeline Nord Stream 1 hat Deutschland die Versorgung jedoch nicht mehr in der eigenen Hand. „Ab dem 11. Juli wird die Pipeline plangemäß gewartet“, erklärte Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur, der WirtschaftsWoche. „Da fällt der Gasfluss auf null.“ Entscheidend sei dann die Frage, wie es danach weitergehe. Um auf den Ernstfall vorbereitet zu sein, müsse bereits jetzt Gas und Energie gespart werden, so Müller.

Bundesnetzagentur warnt vor Gasmangellage: „Wenn wir die vermeiden wollen, müssen wir jetzt etwas tun“

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hatte vor einigen Tagen die sogenannte „Alarmstufe Gas“ ausgerufen. „Wir sind in einer Gaskrise. Diese Belastung ist ein externer Schock“, sagte er. Laut einem Bericht von merkur.de rechnet Habeck bereits im Juli mit einem kompletten Gasstopp durch Putin. Klaus Müller zufolge arbeitet die Bundesnetzagentur derzeit mit mehreren möglichen Szenarien. „Werden die Lieferungen nach der Wartung wieder fortgesetzt, ist das Ziel, die deutschen Gasspeicher zu füllen, erreichbar“, sagte er der WirtschaftsWoche. Dennoch sollte auch in diesem Szenario Gas gespart werden, für das CO2-Bugdet und den eigenen Geldbeutel.

Allerdings sind nach der Wartung der Ostsee-Pipeline auch deutlich fatalere Szenarien möglich. Laut Klaus Müller habe Wladimir Putin in Sankt Petersburg eine Rede gehalten, die nahe legt, dass die Lieferungen durch Nord Stream 1 auch nach der Wartung bei Null bleiben könnte. „Wenn danach durch Nord Stream 1 kein Gas mehr fließt, kann es im Herbst, im Winter, Anfang des Frühlings in Deutschland eine Gasmangellage geben“, erklärte der Chef der Bundesnetzagentur. „Wenn wir die vermeiden wollen, müssen wir etwas tun. Und zwar jetzt. Wir müssen sofort anfangen, Gas zu sparen, nicht erst im Winter.“

Hohe Gaspreise machen sich in Industrie bemerkbar, bei den Verbrauchern noch nicht

Der größte Energieversorger im Südwesten, die EnBW, machte bereits Anfang März eine düstere Gasprognose wegen des Kriegs in der Ukraine. Vor wenigen Wochen hieß es vom Wirtschaftsministerium, dass die Gaspreise in den kommenden Monaten zwei- bis dreimal so hoch ausfallen könnten. „Angst ist kein guter Motivator“, machte Klaus Müller gegenüber der WirtschaftsWoche deutlich. „Aber es ist wichtig, ehrlich und deutlich zu sagen, wie es kommen kann.“ Gasexporteure müssten aufgrund des Gasmangels derzeit bereits extrem hohe Preise zahlen. Ohne russisches Gas drohe ein Produktionstopp bei den Unternehmen, warnte die Gewerkschaft IG Metall.

In der Industrie, sowohl bei Herstellern als auch bei Zulieferern, machen sich die hohen Gaspreise bereits mehr als deutlich bemerkbar. Bei den Verbrauchern seien die Folgen bislang noch nicht angekommen, sagte der Chef der Bundesnetzagentur. Der Aufsichtsratschef von E.ON und der Lufthansa machte diesbezüglich allerdings einen kontroversen Vorschlag. Man solle das „Gas erst bei den Privaten abschalten, dann bei der Industrie“, forderte Karl Ludwig Kley.

Dass die hohen Preise eine harte Knappheit signalisieren und die Verbraucher deshalb ihr Verhalten ändern, sprich sparen, wirke bislang noch nicht, erklärte Klaus Müller. Der Chef der Bundesnetzagentur ruft deshalb zum Handeln auf. „So muss es nicht kommen, weil die Politik mit allen Mitteln die Energiequellen diversifiziert und jede und jeder selbst handeln kann und sollte.“

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