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Chef-Gasversorger rechnet mit dem Schlimmsten: „für Szenario wappnen, dass gar nichts mehr geht“

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Von: Julian Baumann

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Rohrsysteme und Absperrvorrichtungen in der Gasempfangsstation der Ostseepipeline Nord Stream 1 und der Übernahmestation der Ferngasleitung OPAL (Ostsee-Pipeline-Anbindungsleitung).
Wenn Russland die Gasversorgung über die Ostsee-Pipeline Nord Stream 1 vollständig einstellt, droht Deutschland im Winter der Worst Case. © Jens Büttner/dpa

In Deutschland wächst die Sorge vor einer Gasnotlage im Winter. Ein Experte, der dieses Szenario nach Möglichkeit abwenden soll, rechnet mit dem Schlimmsten.

Stuttgart/Berlin - Im Rahmen des Ukraine-Krieges wurde lange Zeit über ein mögliches Gasembargo diskutiert, das sowohl für die Wirtschaft als auch für die Verbraucher fatale Folgen hätte. Inzwischen hat Russland die Gaslieferungen über die Ostsee-Pipeline Nord Stream 1 nach Deutschland selbstständig gedrosselt. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) rief bereits vor Wochen die „Alarmstufe Gas“ aus. Ein Experte sagte, man müsse bereits jetzt anfangen, Gas zu sparen.

Ein vollkommener Gaslieferstopp würde für die Autoindustrie den Worst Case bedeuten. Auch Großkonzerne wie Autobauer Mercedes-Benz oder Zulieferer wie Bosch sind von einer ausreichenden Gasversorgung abhängig, gerade kleinere Betriebe würde das Szenario aber noch viel härter treffen. Egbert Laege, Geschäftsführer der neuen Firma Securing Energy for Europe (Sefe), ehemals bekannt als Gazprom Germania, soll eigentlich dafür sorgen, dass Fabriken und Menschen auch im kommenden Winter genug Gas haben. Im Gespräch mit dem Manager Magazin mahnte er jedoch, sich auf das schlimmste Szenario einzustellen.

Gaslieferstopp durch Russland hätte fatale Folgen für Verbraucher und Wirtschaft

Die PAO Gazprom mit Sitz in Sankt Petersburg ist das größte Erdgasförderunternehmen der Welt. Dementsprechend fatal wäre auch ein vollständiger Lieferstopp vonseiten Russlands für die Gasversorgung in Europa. Falls Russland den Hahn der Nord Stream 1 nach der aktuellen Wartungsarbeit tatsächlich ganz zudreht, rechnet die Ampel-Koalition mit dem Worst Case, berichtet Merkur.de. Auch Egbert Laege sieht den Fall eines Gaslieferstopps für Deutschland kritisch. „Wenn Russland die Gaslieferungen komplett stoppt, ist es sehr ambitioniert, die Gasspeicher bis zum 1. November noch zu 90 Prozent zu befüllen“, sagte er dem Manager Magazin. „Wir müssen uns in jedem Fall für das Szenario wappnen, dass gar nichts mehr geht.“

Gazprom Germania war jahrzehntelang für die Gaslieferungen von Russland nach Deutschland zuständig. Im März, im zweiten Monat des Ukraine-Krieges, stieß PAO Gazprom die Tochter allerdings unvermittelt ab. Dem Manager Magazin zufolge musste die Bundesregierung das Unternehmen mit einem Darlehen vor der Insolvenz bewahren und setzte mit Egbert Laege einen Experten für die Krisenlage ein. Um die Liquidität der Firma zu gewährleisten, musste Gazprom Germania von den US-Sanktionen gegen Russland ausgenommen werden. „Im Normalfall würde solch ein Verwaltungsakt sechs Monate dauern. In diesem Fall reichte ein einziger Anruf der Bundesregierung im US-Finanzministerium“, so der Sefe-Chef.

Gasversorgung im Winter: Ob es für Haushalte und Industrie reicht, wird erst im Frühjahr klar sein

Angesichts einer drohenden Gasnotlage im kommenden Winter machte der Aufsichtsratschef von E.ON und der Lufthansa einen kontroversen Vorschlag. Man solle das „Gas erst bei den Privaten abschalten, dann bei der Industrie“, sagte Karl Ludwig Kley. Auch Egbert Laege ist der Meinung, die privaten Haushalte hätten das größte Energiesparpotenzial. Die wirklich entscheidende Lage sei allerdings die kommende Heizperiode. Man werde versuchen, die fehlenden Gasmengen auf Spot- und Terminmärkten einzukaufen, Flüssiggas zu beschaffen und nach Europa umzuleiten. Ob diese Mengen ausreichen, könne man jedoch erst nachfolgend im kommenden April sehen. „Dann weiß man, wie kalt der Winter war und wie viel Gas tatsächlich verbraucht wurde“, so Laege.

Aktuell suchen Länder und Bundesländer fieberhaft nach Möglichkeiten, einen drohenden Gaslieferstopp im Winter zu kompensieren. Auch in Baden-Württemberg klopft das Ministerium die kritische Infrastruktur nach dem Gasverbrauch ab. Die Behörden haben den Winter im Blick und fragen sich, ob das Gas für alle Haushalte und die Industrie reichen wird. Sefe-Chef Laege zeigt sich bislang allerdings noch zuversichtlich. „Ich bin überzeugt, dass es gut gehen wird. Denn nur mit Zuversicht und Mut kommt die Kreativität, die wir brauchen, um aus dieser Krise herauszukommen.“

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