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Deutscher Kaufhausriese Galeria gesteht „existenzbedrohende Notlage“ in Brief an Mitarbeiter ein

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Von: Julian Baumann

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Mitarbeiter von Galeria Kaufhof bei einem Warnstreik vor der Filiale in der Königstraße in Stuttgart.
Kaufhausriese Galeria hat aufgrund einer „existenzbedrohenden Notlage“ die Tarifverträge gekündigt und weitere Staatshilfen angefragt. (Archivfoto) © Arnulf Hettrich/Imago

Es brodelt bei Galeria Karstadt Kaufhof. Der Kaufhausriese, der auch in Baden-Württemberg mehrere Filialen betreibt, ist in einer schlimmeren wirtschaftlichen Lage, als bisher angenommen.

Stuttgart/Essen - Das Bahnhofsviertel in Bad Cannstatt, dem größten Stadtteil der Landeshauptstadt Stuttgart, sieht alles andere als einladend aus, weswegen die Stadt bis 2024 Millionen investieren will. Nicht weit entfernt vom Cannstatter Bahnhof spricht ein heruntergekommenes Gebäude ebenfalls Bände. Durch die Insolvenz von Galeria Kaufhof im Jahr 2020 steht die ehemalige Filiale in Bad Cannstatt seit zwei Jahren leer und verwahrlost immer weiter. Inzwischen fungieren die ehemals eigenständigen Unternehmen Galeria Kaufhof und Karstadt als großer Warenhauskonzern, der auch in Baden-Württemberg mehrere Filialen betreibt.

Wie das Management von Galeria Karstadt Kaufhof, oder kurz Galeria, in einem Schreiben an die Mitarbeiter nun zugab, ist die wirtschaftliche Lage des Konzerns mit Hauptsitz in Essen (Nordrhein-Westfalen) noch schlimmer, als bislang angenommen. Dem Handelsblatt zufolge hatte Galeria den vor rund zwei Jahren geschlossenen Tarifvertrag mit Verdi vergangene Woche gekündigt. Dies ist laut den Vertragsbedingungen nur dann möglich, wenn sich das Unternehmen in einer „existenzbedrohenden wirtschaftlichen Notlage“ befindet. Sollte der zweitgrößte Warenhauskonzern Europas nicht weiteres Kapital erhalten, könnte die Filialen im Südwesten ein ähnliches Schicksal ereilen, wie der ehemaligen Kaufhof-Filiale in Bad Cannstatt.

Galeria kündigt Tarifvertrag und löst bei Mitarbeitern Unsicherheit aus - „Es ist unverantwortlich“

Bei der Kündigung des Tarifvertrags mit Verdi habe Galeria noch mit einer „wirtschaftlich angespannten Situation“ argumentiert. Laut dem Schreiben an die Belegschaft gehen die Probleme der Warenhauskette aber deutlich tiefer. Dem Handelsblatt zufolge bezeichnen Insider die Situation des Konzerns seit langem als sehr kritisch und auch Orhan Akman, Aufsichtsratsmitglied von Galeria und Verhandlungsführer der Gewerkschaft Verdi bei der Fusion von Karstadt und Kaufhof, kritisierte, dass es der Warenhauskette seit langem nicht gelinge, die Krise zu bewältigen. Wie schlimm die wirtschaftliche Lage ist, versucht nun offenbar auch das Management nicht mehr zu verheimlichen.

Die deutschlandweit rund 18.000 Mitarbeiter wurden durch die Kündigung des Tarifvertrages vergangene Woche bereits verunsichert. „Es ist unverantwortlich, Menschen in diesen durch Corona, Krieg und Inflation belasteten Zeiten noch zusätzlich mit den Folgen einer Tarifflucht zu ängstigen“, schrieb Verdi in einer Mitteilung. Das Management von Galeria habe eine soziale Verantwortung und müsse in schwierigen Zeiten für die Beschäftigten einstehen, statt Ängste zu schüren. Vor etwa zwei Jahren standen die beiden ehemals eigenständigen Unternehmen bereits auf der Kippe und mussten in Folge der Insolvenz deutschlandweit mehrere Filialen dauerhaft schließen.

Galeria sieht Sanierungspläne in Gefahr und beantragt erneut Staatshilfen - Politiker skeptisch

Im Zuge der Insolvenz im Jahr 2020 schlossen Galeria Kaufhof und Karstadt neben der ehemaligen Filiale in Bad Cannstatt auch Standorte in Göppingen und in Mannheim. Wie MANNHEIM24 aktuell berichtet, soll nach dem Abriss der Galeria Kaufhof in Mannheim ein Supermarkt-Riese in den Neubau einziehen. Das Schicksal des Gebäudes in Bad Cannstatt ist dagegen aktuell noch ungewiss. Wie die Stuttgarter Nachrichten vor wenigen Monaten berichteten, will Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) den geplanten Abbau stoppen. Der neu gegründete Großkonzern hat sich dagegen zum Ziel gesetzt, das Unternehmen zu sanieren und nachhaltig rentabel zu machen.

Konkret plant die Essener Warenhauskette unter der Bezeichnung „Galeria 2.0“, einen Großteil seiner Filialen grundlegend umzugestalten. Aktuell betreibt der Konzern in Baden-Württemberg die folgenden Standorte (Stand: August 2022):

Das Unternehmen hatte bereits unter den Folgen der Corona-Pandemie massiv zu leiden, die aktuelle Inflation und die extremen Energiepreise bringen die Pläne von Galeria aber noch mehr in Gefahr. „Das hat auch uns schwer getroffen und hat uns auf dem eingeschlagenen Weg, das Unternehmen zu sanieren und nachhaltig erfolgreich zu machen, erneut stark zurückgeworfen“, schrieb Galeria-CEO Miguel Müllenbach in dem Brief an die Mitarbeiter, in dem er auch um Verständnis für die Kündigung des Tarifvertrages bat. Allein für die Energiekosten müsse das Unternehmen in den kommenden zwei Jahren rund 150 Millionen Euro mehr aufwenden.

Nachdem Galeria im Zuge der Corona-Pandemie und deren Folgen für die Wirtschaft bereits eine Summe von 460 Millionen Euro aus dem Corona-Rettungsschirm WSF erhalten hatte, hat das Unternehmen nach Handelsblatt-Informationen bei der Bundesregierung erneut nach staatlichen Hilfen gefragt. Die Anträge für Unterstützungen aus dem Rettungsschirm sind inzwischen zwar ausgelaufen, Unternehmen, die bereits Hilfen daraus erhalten haben, kann der WSF aber Geld nachschießen. Im Fall von Galeria sind viele Haushaltspolitiker aber skeptisch, ob weitere Finanzspritzen überhaupt noch einen Sinn ergeben.

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