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Gewerkschafter über die WM in Katar: „Beim Thema Menschenrechte darf es keine Kompromisse geben“

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Von: Julian Baumann

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Bauarbeiter arbeiten am Lusail-Stadion, einem der Stadien der WM 2022.
Die Arbeitsbedingungen auf den Baustellen der WM 2022 in Katar werden weltweit stark kritisiert. Laut einem Gewerkschafter hat sich aber „vieles zum Positiven geändert“. © Hassan Ammar/dpa

Am 20. November beginnt die wohl umstrittenste Fußball-Weltmeisterschaft der Geschichte in Katar. Laut einem Gewerkschafter haben sich die Bedingungen bereits gebessert.

Stuttgart/Doha - Mit dem Eröffnungsspiel Katar gegen Ecuador im al-Bayt-Stadion in der Küstenstadt al-Chaur beginnt am 20. November die wohl umstrittenste Fußball-Weltmeisterschaft in der Geschichte des Wettbewerbs. Das besagte Stadion bietet Platz für 60.000 Menschen und wurde von 2015 bis Ende 2021 extra für die Weltmeisterschaft errichtet. Dasselbe gilt für sechs der insgesamt acht Austragungsorte, die laut Medienberichten unter teilweise menschenunwürdigen Bedingungen speziell für die „Wüsten-WM“ errichtet wurden.

Das Emirat Katar steht bereits seit langem wegen der Ausbeutung von Gastarbeitern und Niedriglohnmigranten in der Kritik. Die Menschenrechtslage in dem Land gilt als äußerst kritisch, weswegen die Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft nicht nur in der Fußballwelt einen regelrechten Aufschrei nach sich zog. Auch wenige Tage vor dem Beginn des Wettbewerbs, bei dem in Borna Sosa (Kroatien) und Wataru Endo (Japan) auch zwei Spieler des VfB Stuttgart teilnehmen, reißt die Kritik am Gastgeber nicht ab. VfB-Torwartlegende Timo Hildebrand erklärte, man könne die WM in Katar boykottieren.

WM-Baustellen in Katar: Gewerkschaft hatte positiven Einfluss auf die Lage

Laut einem Bericht der britischen Zeitung The Guardian habe es beim Bau der Stadien für die Weltmeisterschaft in den Jahren 2010 und 2020 mindestens 6.000 Todesfälle und unzählige Verletzungsfälle gegeben. Der deutsche Gewerkschafter Dietmar Schäfers besuchte das Emirat im Jahr 2013 zum ersten Mal und sprach von „moderner Sklaverei“ und rief, wie auch aktuell noch immer viele Institutionen, zum Boykott der WM auf. Im Gespräch mit dem Manager Magazin zeigte sich der Vizepräsident der globalen Gewerkschaftsförderation Bau- und Holzarbeiter Internationale (BHI) nun etwas weniger kritisch.

„2013 fanden wir in der Tat eine prekäre Situation vor: Bis zu zwölf Arbeiter in einem kleinen Raum eingepfercht, schlechte Essensversorgung, schlechte hygienische Verhältnisse, quasi kein Arbeits- und Gesundheitsschutz“, erklärte Dietmar Schäfers. Die Gewerkschaft habe das Gespräch mit dem Supreme Court gesucht und eine Vereinbarung getroffen, die ihnen erlaubte, das WM-Land offiziell zu bereisen und auch Kontakt mit den Arbeitern aufzunehmen. „Wir haben gelernt, dass wir mit Kooperation und Diplomatie in dem autokratisch geführten Staat mehr erreichen können“, sagte er. „Und es hat sich auf den WM-Baustellen vieles zum Positiven verändert.“

Gewerkschafter relativiert Menschenrechtsverletzungen: „Die Katarer leben in einer anderen Welt“

Obwohl das Emirat Katar nicht erst seit der Vergabe der Weltmeisterschaft 2022 stark kritisiert wird, hat die Bundesrepublik Deutschland im Mai eine Energiepartnerschaft mit dem Land unterzeichnet. Weil aus Deutschland in Bezug auf die Menschenrechtsverletzungen und unwürdigen Zustände ebenfalls kritische Stimmen erklingen, hatte der Außenminister des Emirats Deutschland eine Doppelmoral vorgeworfen. „Beim Thema Menschenrechte darf es keine Kompromisse geben“, sagte Dietmar Schäfers, verwies aber auch auf die aktuell ebenfalls stark kritisierten Wirtschaftsverbindungen zwischen Deutschland und China. „Wirtschaft und Menschenrechte sind nicht zwei verschiedene Paar“, erklärte der Gewerkschafter. „Das gehört genauso zusammen wie Politik und Menschenrechte.“

Im Interview mit dem Manager Magazin nahm Dietmar Schäfers allerdings auch eine umstrittene Aussage auf, die nach Meinung vieler die Menschenrechtsverletzungen in Katar relativieren soll. „Die Katarer leben in einer anderen Welt, in einer anderen Kultur, mit einer ganz anderen Politik“, erklärte er und führte aus, dass die westliche Welt ein Jahrhundert für die Entwicklung von Menschen- und Arbeitsrechten benötigt habe, und man eine solche Entwicklung von Katar nicht in wenigen Jahren erwarten könne. „Das ist ein Prozess, ein sehr langer Weg. Dabei ist es wichtig, nicht nachzulassen, mit autokratisch herrschenden Staaten und Clans im Gespräch zu bleiben, sodass sich mit der Zeit auch etwas positiv verändert.“

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