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„Winter 2023 könnte noch schlimmer werden“: Wirtschaftsexpertin mit düsteren Aussichten für Deutschland

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Von: Julian Baumann

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Gita Gopinath, Chefvolkswirtin des Internationalen Währungsfonds (IWF), spricht während einer Pressekonferenz.
IWF-Vizechefin Gita Gopinath warnt davor, dass die Energiekrise in Deutschland noch lange nicht überstanden ist. © Liu Jie/dpa/XinHua

Aufgrund der Energiekrise wappnet sich Deutschland derzeit für einen harten Winter. Laut der IWF-Vizechefin könnten die Probleme 2023 sogar noch größer werden.

Stuttgart/Washington - Die Preise für Strom, Wasser und vor allem Gas steigen aktuell immer weiter an und stellen so die Wirtschaft, aber auch die Privathaushalte vor immer größere Probleme. Aufgrund der explodierenden Energiekosten fürchten Kfz-Betriebe um ihre Existenz und auch Bäcker im Südwesten kämpfen mit den hohen Preisen. In Bezug auf den nahenden Winter wappnen sich die Bürger bereits für eine harte Zeit, da viele Haushalte aufgrund der extremen Energiepreise sparen müssen. Die derzeitige Inflation in Deutschland, die auch die Lebensmittel und andere Güter des täglichen Lebens immer teurer werden lässt, tut ihr übriges für eine mehr als angespannte Situation.

Da die derzeitigen wirtschaftlichen und sozialen Probleme Deutschlands und vieler weiterer Staaten unmittelbar mit dem Ukraine-Krieg, den unterbrochenen Lieferketten und den gedrosselten Gaslieferungen zusammenhängen, hoffen viele derzeit auf ein baldiges Ende des Krieges und dass sich die Preise anschließend wieder stabilisieren. Nach Einschätzung von Gita Gopinath, Vizepräsidentin des Internationalen Währungsfonds (IWF), wird Deutschland aber noch lange mit der Krise zu kämpfen haben, wie sie im Interview mit dem Handelsblatt erklärte.

Energiekrise, Inflation, Rezession: „Deutschland bekommt diese Schocks besonders deutlich zu spüren“

Deutschlands Wirtschaft gilt innerhalb der EU als besonders stark, wird derzeit aber massiv durch die Inflation und die Folgen der Energiekrise beeinträchtigt. Selbst Weltkonzerne wie Mercedes-Benz spürten die Auswirkungen, Mercedes will den Gasverbrauch deshalb um 50 Prozent drücken. Eine Rezession scheint in Deutschland bereits unausweichlich zu sein, Kritiker sprechen angesichts der Lage sogar bereits von einer neuen Weltwirtschaftskrise. „Die deutsche Wirtschaft hat sich nach der Corona-Pandemie gut erholt“, erklärte IWF-Vizechefin Gita Gopinath dem Handelsblatt. „Doch Russlands Krieg gegen die Ukraine und die gestiegenen Energiepreise, insbesondere für Erdgas, treffen Deutschland besonders stark.“

Internationaler Währungsfonds (IWF)

Rechtlich, organisatorisch und finanziell eigenständige Sonderorganisation der Vereinten Nationen mit Sitz in Washington D.C. (USA). Hauptaufgabe der Organisation ist die Vergabe von Krediten an Länder ohne ausreichende Währungsreserven, die in Zahlungsbilanzschwierigkeiten geraten sind. Weitere Tätigkeitsfelder sind die Förderung der internationalen Zusammenarbeit in der Währungspolitik, Ausweitung des Welthandels, Stabilisierung von Wechselkursen, Überwachung der Geldpolitik und technische Hilfe.

Gita Gopinath ist eine indisch-amerikanische Ökonomin, die von 2019 bis 2022 als erste Frau Chefökonomin des IWF war. Seit Januar 2022 ist sie Vizepräsidentin der Organisation.

Der Gasmangel trifft die Bundesrepublik derzeit besonders hart, da nicht genug Alternativen vorhanden sind, um die verheerenden Folgen abzufedern. Weil auch die großen Industrieunternehmen nahezu ausschließlich von Erdgas abhängig sind, sind die Folgen auch für die Wirtschaft fatal. Die großen Unternehmen der Autoindustrie hatten beispielsweise bereits in der Corona-Pandemie mit den unterbrochenen Lieferketten und mit Produktionsstillstand zu kämpfen und können nun mitunter wieder nicht produzieren. „Deutschland ist ein Industriestandort und bekommt deshalb diese Schocks derzeit besonders deutlich zu spüren“, machte Expertin Gita Gopinath deutlich.

Wirtschaftsexpertin stimmt Bundesfinanzminister zu: Alles unternehmen, um Inflation zu senken

Dass die aktuelle Krise schnell überstanden sein wird, sieht die Vizedirektorin des IWF nicht. „Dieser Winter wird schwierig, aber der Winter 2023 könnte noch schlimmer werden“, führte Gopinath aus. „Die Energiekrise wird nicht mehr so schnell verschwinden, die Energiepreise werden noch für längere Zeit hoch bleiben.“ Deutschland müsse deshalb reagieren und den Ausbau erneuerbarer Energien schneller vorantreiben. Zudem müsse die Abhängigkeit von Russland in Bezug auf Gaslieferungen gelöst werden. Inzwischen hat beispielsweise Norwegen Russland als wichtigster Gaslieferant überholt und die Bundesregierung sucht weiterhin nach Alternativen zu russischem Erdöl.

Da die Wirtschaftsleistung Deutschlands aufgrund der hohen Energiekosten zunehmend sinkt, ist die Bundesrepublik auch in diesem Punkt zum Handeln verdammt. Bundesfinanzminister Christian Lindner (CDU) will eine expansive Fiskalpolitik, also eine Politik, die die gesamtwirtschaftliche Nachfrage anregen und somit das Wirtschaftswachstum fördern will, beenden und verweist dabei auf die hohe Inflation. „Ich halte den Ansatz des Finanzministers für richtig“, stellte Gopinath gegenüber dem Handelsblatt klar. Die Inflation sei derart hoch, dass alles dafür getan werden müsse, um sie zu senken. „Deshalb lautet unser Rat, auf eine expansive Fiskalpolitik zu verzichten.“

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