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Twitter unter Elon Musk: Ein Rückschritt in Sachen Hatespeech

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Von: Sina Alonso Garcia

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Elon Musk
Er ist der reichste Mensch der Welt und hat sich den Kurznachrichtendienst Twitter für eine stattliche Summe von 44 Milliarden Euro gekauft: Tech-Genie Elon Musk. © Adrien Fillon/ZUMA Press Wire/dpa

Seit Tech-Milliardär Elon Musk das Ruder bei Twitter übernommen hat, predigt er dort nahezu täglich seine Prinzipien von „Free Speech“. Statt die Meinungsfreiheit zu fördern, gibt er damit allerdings auch Hass und Hetze mehr Raum. Ein Kommentar.

Stuttgart - „The bird is freed“: Seit Tech-Milliardär Elon Musk Twitter gekauft hat, vergeht kein Tag, an dem er nicht in die Welt posaunt, was er damit als Nächstes vorhat. Im Stundentakt lässt Musk die Community an seinen Visionen teilhaben. Sein Credo - „Free Speech“ anstatt „Political Correctness“ - betont der neue Twitter-Chef nachdrücklich und provoziert auch bewusst mit frechen Statements. Für einen Diskurs sorgte zuletzt seine Ankündigung, die blauen Haken, mit denen Profile verifiziert werden, zu monetarisieren. Zu Recht ärgerten sich zahlreiche Nutzer - darunter auch Schriftsteller Stephen King - über diesen Vorschlag. Denn was für einen Sinn und Zweck hat eine Verifizierung, wenn diese lediglich durch Nutzer erkauft werden kann? Niemand wird ab sofort mehr auf den ersten Blick erkennen, welche Profile echt sind und welche nicht.

Neben den geplanten kostenpflichtigen Optionen stoßen auch weitere Änderungen auf Kritik. Insbesondere, dass Musk auf Twitter die „Meinungsfreiheit“ über die Zensur stellt, führt zu Widerstand. Denn wo werden hier die Grenzen gezogen? Natürlich darf man Meinung per se nicht zensieren. Leider sind die Übergänge zwischen Meinungsäußerungen und Hassrede häufig fließend - insbesondere, wenn es um soziale Netzwerke wie Twitter geht. Unmittelbar nach Musks Twitter-Übernahme zeigte sich, wohin sich diese „Meinungsfreiheit“ entwickeln kann: Laut des Network Contagion Research Institute verzeichnete die Nennung des N-Worts auf der Plattform in den Stunden nach Musks Übernahme einen 500-prozentigen Anstieg. Mit Meinungsfreiheit hat das leider nichts mehr zu tun.

Twitter unter Elon Musk: LeBron James warnt vor „verdammt vielen unfähigen Leuten, die Hassrede als freie Meinung bezeichnen“

Worauf wir uns unter Musks Twitter ebenfalls „freuen“ dürfen: Einige gebannte Twitter-Accounts sollen reaktiviert werden. Während der umstrittene Ex-US-Präsident Donald Trump ankündigte, statt einer Rückkehr zu Twitter lieber bei seiner eigenen Plattform Truth Social zu bleiben, werden sicherlich einige andere Accounts zurückkehren, die gerne Unruhe stiften. Der Basketball-Star LeBron James bringt die Problematik in einem Tweet auf den Punkt: „Ich kenne Elon Musk nicht und, ehrlich gesagt, ist es mir auch egal, wem Twitter gehört.“ Die exorbitante Zunahme des N-Worts auf der Plattform seit Musks Übernahme gebe ihm allerdings zu denken: „Wenn es wahr ist, hoffe ich, dass er und seine Leute es ernst nehmen, denn es ist sehr beängstigend.“ Er befürchte, es gebe „so viele verdammt unfähige Leute, die Hassrede als freie Meinungsäußerung bezeichnen.“

Zahlreiche Nutzer sehen die Problematik offenbar ähnlich wie der NBA-Star: Mehr als 123.000 gaben dem Tweet einen Like (Stand 3. November, 15.37 Uhr). Viele befürchten, dass rechte Trolle und Verschwörungstheoretiker in Musks Twitter eine Wohlfühl-Oase sehen und es sich dort gemütlich machen. Apropos Verschwörungstheorien: Der neue Twitter-Boss himself teilte am vergangenen Sonntag eine abstruse Theorie über Paul Pelosi, den Ehemann der demokratischen US-Spitzenpolitikerin Nancy Pelosi. In rechten Kreisen kursierte die Geschichte bereits Tage zuvor. Zu ihren Verbreitern gehörte der frühere Trump-Stratege Steve Bannon, Trumps Vertrauter Roger Stone und der rechtskonservative Autor und Verschwörungstheoretiker Dinesh D‘Souza. Allesamt behaupteten sie, die Demokraten wollten durch erfundene Umstände kurz vor den Kongresswahlen am 8. November Sympathien für Nancy Pelosi wecken. Inzwischen hat Musk seinen Tweet mit dem Verweis auf den „Santa Monica Observer“, der schon zuvor mit erfunden Geschichten auf sich aufmerksam gemacht hatte, gelöscht.

Musk-Twitter: „Ätsch! Jetzt habe ich das Sagen“

Die erste Twitter-Woche unter Musk verheißt leider nichts Gutes, was den Umgang mit Hatespeech betrifft. Ein kleines bisschen wahnsinnig scheint es zudem, dass ausgerechnet der reichste Mensch der Welt (Stand 3. November 2022) nun die Fäden hinter einer von Meinung geprägten Plattform zieht und die Regeln nach Belieben gestalten kann. Viele seiner aktuellen Tweets wirken ein wenig, als ob er sagen wolle: „Ätsch! Jetzt habe ich das Sagen.“ Freier Vogel, schön und gut. Aber was ist mit der Freiheit anderer? Musk sollte jetzt Verantwortung übernehmen und ein bisschen mehr Ernsthaftigkeit an den Tag legen. Seine Ankündigung, dass Twitter „natürlich nicht“ zu einer Plattform werden solle, „wo alles ohne Konsequenzen gesagt werden darf“, ist da schon mal ein Anfang.

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