Bauteile in russischen Militärfahrzeugen

„Hat mich sehr betroffen gemacht“: Bosch-Chef erfuhr per SMS über Vorwürfe des ukrainischen Außenministers

  • Julian Baumann
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In einem Talkformat warf der ukrainische Außenminister Bosch vor, Bauteile für russische Panzer geliefert zu haben. Bosch-Chef Stefan Hartung erfuhr das per SMS.

Stuttgart - Die wichtigen großen Industrieunternehmen aus Deutschland liefern ihre Produkte in den meisten Fällen in alle Länder der Welt aus. Das gilt beispielsweise für den Autobauer Mercedes-Benz, aber auch für den weltgrößten Autozulieferer Bosch. Seit Beginn des Ukraine-Krieges geraten zunehmen auch deutsche Konzerne in die Kritik. Mercedes hatte beispielsweise mit einem russischen Panzerwagenbauer zusammengearbeitet. In einer Ausgabe der Talksendung „Anne Will“ sagte der ukrainische Außenminister: Bosch hat Komponenten geliefert, „damit Fahrzeuge unsere Städte zerstören können.“

Der Mischkonzern Bosch mit Hauptsitz in Stuttgart widersprach den Vorwürfen nach der Ausstrahlung der Sendung in der vergangenen Woche. Der neue Konzern-Chef Stefan Hartung habe die Nachricht, dass Bosch Thema bei Anne Will ist, nach eigenen Angaben per SMS mitgeteilt bekommen, sagte er im Interview mit der Stuttgarter Zeitung. Hartung sagte, es gebe bereits umfassende Nachforschungen darüber, wie die Bosch-Bauteile in die russischen Militärfahrzeuge gelangt seien. Lieferbeziehungen zwischen Bosch und Rüstungsunternehmen verneinte der Vorstandsvorsitzende allerdings nicht.

Bosch hat nach Vorwürfen des ukrainischen Außenministers Ermittlungen eingeleitet

In der Ausgabe von „Anne Will“ erklärte der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba vergangene Woche, dass man in der Ukraine russische Infanteriefahrzeuge untersucht habe und dort auf Bauteile mit dem Namenszug von Bosch gestoßen sei. „Ich habe eine SMS bekommen, dass ich Anne Will einschalten soll, weil dort über Bosch gesprochen wird“, sagte Stefan Hartung, der zum 1. Januar 2022 den Bosch-Chefposten von Vorgänger Volkmar Denner übernommen hatte, der Stuttgarter Zeitung. „Die Hinweise haben mich sehr betroffen gemacht.“ Es sei sofort klar gewesen, dass man nachprüfen müsse, welchen Weg die Bauteile genommen hatten. „Damit haben wir direkt am nächsten Morgen begonnen“, so Hartung.

Laut Bosch-Chef Stefan Hartung habe der Konzern nach den Vorwürfen des ukrainischen Außenministers umfassende Ermittlungen zu den Bauteilen eingeleitet.

In einem Statement nach der Ausstrahlung der Talkshow erklärte der Konzern, dass die genannten Komponenten nicht von Bosch an den Fahrzeughersteller geliefert worden seien, auch wenn es sich dabei um einen Teil aus der eigenen Produktion handele. „Generell kann ich sagen, dass wir unter anderem Entwickler und Lieferant für Getriebe- und Motorkomponenten sind“, erklärte Stefan Hartung. „Diese Komponenten finden sich in Lkw für die zivile Logistik oder in schwerem Gerät wie Kränen, aber auch in militärischen Fahrzeugen.“ Ob solche Komponenten auch an Hersteller wie Kamaz, der sowohl zivile als auch militärische Fahrzeuge baut, ausgeliefert wurden, ließ der Bosch-Chef offen. „Unsere Untersuchungen dazu laufen intensiv, werden aber aufgrund der Komplexität vermutlich einige Zeit in Anspruch nehmen.“

Bosch als Lieferant für Rüstungsunternehmen: „Solche Lieferbeziehungen bestehen durchaus“

Durch den Ukraine-Krieg rüsten auch die Nato-Staaten ihre Verteidigung auf und investieren in die Rüstungsindustrie. Waffenhersteller Heckler & Koch profitiert dadurch vom Ukraine-Krieg. Gegenüber der Stuttgarter Zeitung bestätigte Bosch-Chef Stefan Hartung, dass es auch Lieferbeziehungen zwischen Bosch und Rüstungsfirmen gebe. „Solche Lieferbeziehungen bestehen grundsätzlich durchaus“, sagte er. In dem Bosch-Statement vom Montag, 14. März, hieß es aber auch, dass „Bosch-Produkte ausschließlich für zivile Anwendungen eingesetzt werden.“ Das sei in den Verträgen für die Belieferung russischer Automobilkunden grundsätzlich geregelt.

Stefan Hartung bestätigte eine solche vertragliche Regelung für russische Kunden. „Die Regelungen gibt es bei uns“, sagte er. „Wie gesagt schauen wir uns den Fall jetzt ganz genau an, auch diese Frage.“ Demnach muss bei Bosch auch nachgeprüft werden, ob die vom ukrainischen Außenminister genannten Fahrzeugkomponenten unrechtmäßig in die russischen Militärfahrzeuge verbaut worden sind. „Es ist uns ein Anliegen, dass wir diesen Fall gründlich aufarbeiten“, erklärte der Bosch-Chef. „Gemeinsam mit juristischen Experten schauen wir uns ausgewählte Kundenbeziehungen und entsprechende Verträge mit russischen Kunden an.“ Zudem wolle der Konzern auch mit den zuständigen Behörden zusammenarbeiten.

Rubriklistenbild: © Sebastian Gollnow/dpa & Gleb Garanich/dpa/Pool Reuters/AP (Fotomontage: BW24)

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