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Autoland zu Gast im „Rust Belt“ - Was Kretschmann in Pittsburgh sucht

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US-Reise Kretschmann
Winfried Kretschmann (l, Bündnis 90/Die Grünen), Ministerpräsidnet von Baden-Württemberg, spricht in Pittsburgh. © Nico Pointner/dpa

Stuttgart und Pittsburgh sind 6.700 Kilometer voneinander entfernt. Ministerpräsident Kretschmann sucht vor Ort, was das Ländle von der ehemaligen Industrieregion lernen kann.

Pittsburgh (dpa) - Es klingt, als würde man einen Blick direkt in die Hölle wagen. Rauch und Smog verdunkeln den Himmel, so schlimm, dass die Straßenlaternen tagsüber leuchten müssen. Büroarbeiter wechseln bereits zur Mittagszeit ihre Hemden, weil sie nicht mehr weiß sind, sondern durchtränkt vom giftigen Rauch.

Nein, Pittsburgh war wirklich kein lebenswerter Ort in der Vergangenheit. «Hier hätte es gezischt, gedampft, geraucht und gestunken vor 100 Jahren», sagt David Gill, deutscher Generalkonsul in New York. Er zeigt bei seinem Vortrag im Wyndham Grand Hotel auf die prächtige Kulisse draußen vor dem Fenster, die Morgensonne bestrahlt grüne Hügel über dem Fluss. Gill will den 100 Gästen aus Baden-Württemberg an diesem Montagvormittag zeigen, dass die Hölle der Vergangenheit angehört. Er spricht von einer «dramatisch positiven Entwicklung», die die Stadt Pittsburgh hingelegt habe.

Die Stadt im US-Bundesstaat Pennsylvania hat sich in den vergangenen Jahrzehnten komplett neu erfunden - und prosperiert wie noch nie. Deshalb interessiert sich die Landesregierung so sehr dafür. Gemeinsam mit einer riesigen Delegation reist Ministerpräsident Winfried Kretschmann gerade durch die Vereinigten Staaten, Pittsburgh ist sein allererster Stopp. «Das hat uns alle tief beeindruckt, wie stark Pittsburgh die Transformation hingelegt hat», sagt Kretschmann am Montag selbst. «Chapeau!»

Früher war die US-Stadt für ein Drittel der Stahlproduktion der USA verantwortlich, hier lagen riesige Vorräte an Eisenerz und Kohle. Anfang der 80er Jahre dann kollabierte die Industrie in kürzester Zeit. 150.000 Arbeitsplätze gingen verloren - in nur drei Jahren. Das war keine Krise, es ging ums blanke Überleben der Stadt, das erzählen sie hier. Heute aber wird in Pittsburgh Geld verdient mit Dienstleistungen und Forschung, Hochtechnologie und Bankenwesen. 2006 kam Google, auch Microsoft, Apple und viele andere siedelten sich an. Ein Gebiet in der Stadt nennt sich «Robotics Row», weil sich so viele Roboterfirmen angesiedelt haben.

Für Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) ist das Ländle nicht mit der Lage in Pennsylvania zu vergleichen. Die Strukturen seien hierzulande ganz anders, sagt sie. Die Automobilindustrie sei im Südwesten gut aufgestellt, zudem habe die Wirtschaft im Südwesten noch andere starke Standbeine, etwa die Gesundheitsbranche. Einen Zusammenbruch wie in den 80ern in Pittsburgh hält sie daher für wenig wahrscheinlich. Sie ist aber begeistert von dem Ort. Führende Köpfe hätten hier wahnsinnig viel Geld in die Hand genommen, um in die Zukunft investieren. Das müsse Baden-Württemberg auch tun.

«Wir leben nicht in der Hölle, sondern in Wohlstand», sagt Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne). «Aber der ist gefährdet.» Es gehe darum, wie in Pittsburgh bedingungslos auf neue Technologien zu setzen. Baden-Württemberg kann aus seiner Sicht bei der Vernetzung noch viel lernen. Die Menschen in Pittsburgh hätten alle den Spirit, Teil einer Transformationsregion zu sein. «Die Ansammlung von Wissenschaft an einem Ort ist gewaltig», zeigte er sich beeindruckt. Auch Thomas Hirth, Vizepräsident für Transfer und Internationales am Karlsruher Institut für Technologie, findet, dass es dem Südwesten vor allem an übergreifender Zusammenarbeit mangele. Man sei noch sehr im sektoralen Denken gefangen.

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