Nach verheerenden Unwettern

Meteorologe: Flut wurde durch „totales Versagen“ der Behörden zur Katastrophe

  • Franziska Vystrcil
    VonFranziska Vystrcil
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Die Überflutungen in Deutschland waren ein Schock. Viele fragen sich nun: Haben die Behörden bei der Warnung versagt? Ein Wetterexperte findet klare Worte.

Stuttgart - Seit Wochen spielt das Wetter in Deutschland verrückt. Erst sengende Hitze, dann folgten extreme Unwetter mit Starkregen. Viele Teile des Landes versanken in den Wassermassen, die Tief Bernd über Deutschland brachte. Besonders betroffen von den Unwettern und seinen Folgen sind die Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Auch in Bayern und Sachsen haben viele Ortschaften mit den Überflutungen zu kämpfen. Die Zahl der Todesopfer steigt weiter, noch immer werden in den betroffenen Regionen zahlreiche Menschen vermisst. Die Bergungsarbeiten sind momentan im vollen Gange. Doch eine Frage bleibt nach der Flutkatastrophe: Hätte das Unglück verhindert werden können?

„Die Flut kam überraschend in der Nacht. Und sie kam so überraschend, dass man nur sehr spät warnen konnte“, zitiert
Dominik Jung, Wetterexperte bei wetter.net ein Statement vom Innenministerium von Rheinland-Pfalz. Für den Wetterexperten sind das Ausreden. „Das mag wohl richtig sein, dass die Flut von Mittwoch bis Donnerstag gekommen ist. Aber hätte man nicht früher warnen können?“, stellt er die Frage in den Raum. „War nicht in den Wettermodellen drei bis vier Tage vorher absehbar, was da auf Nordrhein-Westfalen und auf den Norden von Rheinland-Pfalz zu rauscht? Ich bin der Meinung: Ja!“, sagt Dominik Jung. „Da haben die Behörden total versagt“.

Meteorologen warnten schon Tage zuvor vor extremen Regenmengen

Um seinen Standpunkt zu untermauern, verweist der Diplom-Meteorologe auf eine Wetterkarte vom 11. Juli. Darauf zu sehen: Der Schwerpunkt der Regenmassen lag schon damals über dem Süden von Nordrhein-Westfalen und auch über dem Norden von Rheinland-Pfalz. „Bis zu 190 Liter pro Quadratmeter wurden da schon vorhergesagt, für den Zeitraum von Mittwoch auf Donnerstag“, so Dominik Jung. Am Montag, dem 12. Juli, zeigte sich ein ähnliches Bild. Die Regensummen hatten erneut ihren Schwerpunkt über dem nördlichen Teil von Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. 130 bis 200 Liter pro Quadratmeter wurden angekündigt. Auf der Wetterkarte vom 13. Juli ebenfalls: Auch hier waren es bis zu 170 Liter Regen pro Quadratmeter.

Noch einen Tag später, am Tag der Hochwasserkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen, waren die Regensummen erneut hoch vorhergesagt. Mit bis zu 160 Litern pro Quadratmeter war am 14. Juli zu rechnen. Und die Prognosen behielten Recht: In Köln-Stammheim etwa fielen von Mittwoch bis Donnerstag bis zu 153 Liter pro Quadratmeter vom Himmel. „Es sind tatsächlich die Regenmengen runtergekommen, die seit Tagen von uns Meteorologen angekündigt worden sind“, sagt Dominik Jung.

Die Schäden der Überflutungen sind immens.

Wetterexperte erhebt schwere Vorwürfe: „Das ganze Ding wurde komplett verschlafen“

Auch der Deutsche Wetterdienst habe bereits am Dienstag Warnungen vor schweren Unwettern herausgegeben. „Aber scheinbar hat es bei den Behörden überhaupt niemanden interessiert“, beschwert sich der Wetterexperte. „Es gab überhaupt keine Vorwarnungen, es gab noch nicht mal Evakuierungen“, regt er sich weiter auf. Auch Campingplätze in Ufernähe seien nicht geräumt worden, wirft er den Behörden vor. „Das ganze Ding wurde komplett verschlafen.“

Auch dem Argument der Behörden, die Flut sei in der Nacht gekommen, widerspricht der Meteorologe. „Auch das ist eine glatte Lüge gewesen“, sagt er. In Kordel im Landkreis Trier-Saarburg in Rheinland-Pfalz etwa sei der Pegel bereits zwischen zwölf und 18 Uhr stark angestiegen - also bereits lang vor der Nacht. Allerdings wurden erst kurz vor Mitternacht die Sirenen aktiviert. „Da war es eigentlich schon viel zu spät“, ist sich Dominik Jung sicher. Am Tag der Flutkatastrophe hätte man seiner Meinung nach viel früher warnen können.

Bundesinnenminister Horst Seehofer verteidigt Katastrophenschutz

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) verschaffte sich bei einem Besuch an der Steinbachtalbrücke in Euskirchen (NRW) einen Eindruck von der aktuellen Lage. Der Politiker wies die Kritik am Katastrophenschutz zurück. Dieser sein in Deutschland gut aufgestellt, sagte er. Horst Seehofer kündigte zudem an, dass nach der Bewältigung der Krisenlage die Abläufe im Katastrophenschutz aufgearbeitet werden und Bund, Länder und Kommunen Lehren aus dem Krisenmanagement ziehen würden.

Das Innenministerium hat eingeräumt, dass die Menschen in den Flutgebieten nicht überall gewarnt wurden. Das lag laut Seehofer daran, dass es vielerorts gar keine oder nur noch wenige funktionsfähige Sirenen gebe. Die Kosten für den Wiederaufbau schätzt der Bundesinnenminister auf mehrere Milliarden Euro.

Rubriklistenbild: © Oliver Berg

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