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Wetter-Phänomen in der Arktis könnte zu extremen Ereignissen im Winter 2022/23 führen

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Von: Franziska Vystrcil

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Mann befreit Autoscheibe von Schnee
Der Polarwirbel bestimmt, wie kalt und schneereich der Winter in Deutschland wird. © Lino Mirgeler/dpa

Der Polarwirbel ist entscheidend dafür, wie der Winter in Deutschland verläuft. Für 2022/2023 sieht es ganz danach aus, als würden uns erneut Extreme bevorstehen.

Arktis - Das Wetter in Deutschland wird von vielen Faktoren und Ereignissen geprägt und beeinflusst. Das wurde vor allem diesen Sommer deutlich: Eine anhaltende Hochdruckwetterlage sorgte dafür, dass beinahe ununterbrochen Heißluft aus Nordafrika über Spanien und Frankreich zu uns strömen konnte. Das wiederum brachte uns eine Hitzewelle nach der anderen - und einen Sommer, der in die Geschichte als sonnigster und trockenster Sommer eingegangen ist.

Im Herbst sorgen unter anderem Medicanes rund um das Mittelmeer dafür, dass bei uns sowohl Tiefdruckwetterlagen samt Unwettern und Sturm herrschen können, als auch spätsommerliche Hochs, die uns noch einmal viel Sonne und angenehme Temperaturen bringen.

Während sich in unseren Breiten das Wetter auf den Herbst einstellt, schalten in der Nordhalbkugel die Steuermechanismen von Sommer direkt auf Winter um. Was dort geschieht, ist maßgeblich für unser Wetter im kommenden Winter 2022/2023. Besonders ein Ereignis, hat einen großen Einfluss auf den Verlauf unseres Winters: der sogenannte Polarwirbel, der derzeit schon an Fahrt aufnimmt. In diesem Jahr könnte er erneut für extremes Winterwetter sorgen.

Polarwirbel bestimmt, wie kalt und schneereich der Winter in Deutschland wird

Der Winter ist die Jahreszeit mit der größten Temperaturspanne und der größten Variabilität. In manchen Jahren herrscht hierzulande ein Eiswinter, in anderen fällt kaum eine Schneeflocke vom Himmel. Ausschlaggebend für den Verlauf unseres Winters ist der Polarwirbel, ein Starkwindband in etwa 30 Kilometern Höhe. Anders als der Jetstream besteht der Polarwirbel nur etwa sechs Monate im Jahr. Der Wirbel über der Arktis bildet sich bereits im Herbst und löst sich dann im Frühjahr wieder auf.

Doch wie entsteht der Polarwirbel überhaupt? Im Herbst werden die Tage am Nordpol schnell kürzer, die Nächte länger. In den Polargebieten verliert die Luft dadurch in den Wintermonaten mehr Wärme, als ihr zugeführt wird. Dadurch sinkt die Temperatur enorm. Kalte Luft ist schwer und sinkt ab, drückt auf den Boden und dadurch bildet sich dort ein Hochdruck. In der Höhe fehlt unterdessen die abgesunkene kalte Luft - in dieses „Loch“ wird Luft aus südlichen Regionen gesaugt. Bei diesem Ansaugen der Luft entsteht in Kombination mit der Erdrotation, also der Corioliskraft, ein Luftwirbel. In Spitzen ist dieser bis zu 300 Kilometer pro Stunde schnell. Dieses Starkwindband ist wie eine Windmauer und hält die eisige Kälte dort oben fest.

Der Polarwirbel ist immer in Bewegung und Schwingung und kann sich auch oval ausdehnen. Dadurch kann die kalte Luft bis weit in den Süden gedrückt werden. Im Extremfall teilt sich der Polarwirbel in extremen Höhenschichten komplett - ein Polarwirbelsplit findet statt. Dabei steigen in der Höhe die Temperaturen um bis zu 60 Grad, teilweise sogar bis 80 Grad an, es wird einiges durcheinander gewirbelt. Und das wirkt sich auf das Wetter auf der gesamten Nordhalbkugel aus.

Ist der Polarwirbel stabil, ist es auch der Jetstream, der die Tiefs von West nach Ost ziehen lässt. Dadurch herrschen bei uns in Deutschland milde Temperaturen. Findet ein Polarwirbelsplit statt, bringt das auch den Jetstream ins Schlingern - das sorgt für kräftige Hochdruckgebiete und blockierende Wetterlagen. Meistens bildet sich das Hoch dabei so aus, dass kalter Nordost- und Ostwind nach Deutschland gelangt. Je nachdem, ob dann Tiefdruckgebiete in der Nähe liegen, kann es viel Frost und Schnee geben.

Winter 2022/2023: Temperaturen könnten extrem werden

In der Zukunft könnte der Polarwirbel für immer extremeres Winterwetter in Deutschland sorgen, wie Wissenschaftler in einer Studie herausfanden. Schuld daran ist der Klimawandel. Denn wie Forscher herausfanden, wirkt sich das durch die steigenden Temperaturen schmelzende Eis in der Arktis auf den Polarwirbel aus. „Wir argumentieren, dass schmelzendes Meereseis in Nordwest-Asien, gepaart mit verstärktem Schneefall in Sibirien, zu einer Erhöhung des Temperaturunterschiedes zwischen dem Westen und Osten des eurasischen Kontinents führt“, schreibt Studienleiter Judah Cohen vom Massachusetts Institute of Technology (MIT). Ein höherer Temperaturunterschied hat unterdessen mehr Störungen des Polarwirbels zufolge. „Und wenn er geschwächt ist, wird das Wetter im Winter extremer“, so der Studienleiter weiter.

Dass sich das auch auf das Wetter in Deutschland bemerkbar macht, zeigte der vergangene Winter. Zunächst war das Wetter in Deutschland zur Jahreswende viel zu warm - im Februar 2022 setzte plötzlich eisige Kälte mit viel Schneefall ein. Auch in Baden-Württemberg gab es so viel Schnee wie schon lange nicht mehr. Der Winter 2022/2023 soll erneut zu warm ausfallen. Vor allem für die ersten Wintermonate Dezember und Januar sagen die Wettermodelle eine deutliche Temperaturabweichung nach oben voraus. Im Februar könnte dann ein Kälteeinbruch kommen, die Chancen für Schnee stehen gut. Es stehen sich somit wieder zwei Extreme gegenüber.

Für die Forscher ein eindeutiges Zeichen, dass beim Klimaschutz mehr getan werden muss. Sie hoffen, mit neuen Erkenntnissen und Studien selbst Klimaleugner überzeugen zu können, dass ein Wandel vonnöten ist. „In der Vergangenheit wurden Kälteextreme in den USA und Russland genutzt, um zu rechtfertigen, dass der Kohlenstoff-Ausstoß nicht reduziert wird. Aber es gibt jetzt keine Ausrede mehr, die Emissionen sofort zu senken“, sagt Judah Cohen.

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