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Abtreibungsverbote in den USA sind ein fataler Fehler

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Von: Sina Alonso Garcia

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Der oberste Gerichtshof in den USA hat das Grundrecht auf Abtreibung gekippt. Einige Bundesstaaten verbieten Frauen jetzt den Schwangerschaftsabbruch - ein schwarzer Tag für Amerika.

Kommentar Wut, Verzweiflung und Entsetzen in den USA: Nach knapp fünfzig Jahren haben Richter am obersten Gerichtshof das Grundrecht auf Abtreibung abgeschafft. Am 24. Juni 2022 kippte der Supreme Court das historische „Roe v. Wade“-Urteil aus dem Jahr 1973. Zwar sind Abtreibungen in den USA dadurch nicht generell verboten. Einzelne Bundesstaaten können sich jedoch dafür entscheiden, Schwangerschaftsabbrüche zu verbieten. Tatsächlich machen schon jetzt verschiedene Staaten davon Gebrauch. In elf US-Staaten wie Arkansas, Kentucky, Oklahoma, Texas, Missouri oder Louisiana sind Abtreibungen von nun an nicht mehr erlaubt - auch nicht bei Vergewaltigungen oder Fällen von Inzest.

Während die Entscheidung des Supreme Courts von vielen Republikanern gefeiert wird, regt sich auf den Straßen Protest - und das absolut zurecht. Das Urteil macht den jahrzehntelangen Kampf von Frauen um Selbstbestimmung zunichte und versetzt Amerika gefühlt zurück ins Mittelalter. Ich frage mich: Wie können Richter mit gesundem Menschenverstand ein so folgenschweres Urteil fällen? Wer psychisch oder finanziell überhaupt nicht in der Lage dazu ist, vielleicht sogar vergewaltigt wurde, muss trotzdem ein Kind austragen. Ernsthaft? Natürlich verstehe ich das Argument, dass Leben im Zweifel schützenswert ist und eine Begrenzung für den Zeitraum des Schwangerschaftsabbruchs muss es ohne Frage geben. Aber Frauen einfach vorzuschreiben, ein Kind auszutragen - egal, welche Umstände zur Schwangerschaft führten oder in welcher Lebenslage sie sich befinden - ist im Jahr 2022 schlichtweg eine Katastrophe.

Abtreibungsverbot in den USA: Situation der Betroffenen sollte niemals unterschätzt werden

Wer bis jetzt noch nicht verstanden hat, wie belastend eine ungewollte Schwangerschaft für Frauen sein kann, dem empfehle ich den Film „Das Ereignis“ (Audrey Diwan, 2021). Die Verfilmung des gleichnamigen autobiografischen Bestsellers von Annie Ernaux handelt von einer jungen Literaturstudentin im Frankreich der 1960er Jahre. Der Film gibt Einblicke in die Gefühlswelt der jungen Frau, die, psychisch mehr und mehr am Ende ihrer Kräfte, auf eigene Faust versucht, ihre ungewollte Schwangerschaft zu beenden. Der Film geht an die Nieren und zeigt auf schockierende Weise, wie insbesondere junge Frauen in einer solchen Situation häufig komplett alleine dastehen. Die Entscheidung in den USA führt zwangsweise dazu, dass Frauen in den entsprechenden US-Bundesstaaten - ähnlich wie damals Annie Ernaux - vor einem emotionalen Trümmerhaufen stehen und sich, falls sie eine Abtreibung erzwingen - sogar strafbar machen. Ganz nebenbei gefährden sie ihr eigenes Leben, wenn sie zu nicht-herkömmlichen Abtreibungsmethoden greifen.

Durch das Abtreibungsverbot nehmen die Richter in Kauf, dass ein ungewolltes Kind geboren wird und später vielleicht vollkommen verwahrlost, in Armut oder mit einem Vergewaltiger als Vater aufwächst. So absurd und an der Lebensrealität von Betroffenen vorbei die Entscheidung daherkommt, vermute ich, dass sie von nicht-Betroffenen gefällt wurde. Ein älterer, gut situierter Richter kann sich vielleicht nicht direkt in eine junge, mittellose, ungewollt Schwangere hineinversetzen. Ein Mindestmaß an Empathie wäre doch aber durchaus möglich, wenn man ein Stück weit über seinen eigenen Horizont hinausdenkt.

Abtreibungsverbot in den USA: Bei Verstoß droht Frauen bis zu 15 Jahre Gefängnis

Wer in Arkansas, Louisiana und Oklahoma eine Abtreibung vornimmt, dem drohen zehn Jahre Gefängnis - es sei denn, der Eingriff dient der Rettung des Lebens der Schwangeren. In Missouri droht jeder Person, die eine Abtreibung vornimmt, eine Gefängnisstrafe von bis zu 15 Jahren - es sei denn, der Eingriff erfolgt im Falle eines medizinischen Notfalls. Frauen, die sowieso schon in einer extremen Ausnahmesituation stecken, müssen also damit rechnen, bei einem Gesetzesbruch im Knast zu landen. Ich frage mich: Sind Menschen, die das entschieden haben, eigentlich des Wahnsinns? Ihr haltet zehn oder mehr Jahre Gefängnis als Abschreckung wirklich für den richtigen Weg, um Frauen in einer ohnehin schon schwierigen Situation „zur Vernunft“ zu bringen? In Louisiana macht sich bereits strafbar, wer Medikamente für einen Schwangerschaftsabbruch weitergibt. Mögliche Unterstützer sind also auch fein raus, die Frau steht am Ende wieder alleine da.

Abtreibungsrecht in den USA: Diese Regel galt seit 1973 (gekippt 24. Juni 2022)

In einem Grundsatzurteil hatte der Supreme Court 1973 im Fall „Roe v. Wade“ landesweit Abtreibungen bis zur Lebensfähigkeit des Fötus ermöglicht. Sprich: Etwa bis zur 24. Schwangerschaftswoche. Damals leitete das Gericht ein bundesweites Recht auf Abtreibung aus dem Recht von Frauen auf Privatsphäre ab. Diese Entscheidung war mehrmals bestätigt worden.

„Es ist ein Schlag ins Gesicht aller Frauen“, sagte Nancy Pelosi, demokratische Sprecherin des Repräsentantenhauses. Auch Ex-Präsident Barack Obama meldete sich zu Wort und warf dem Supreme Court vor, „die persönlichste Entscheidung, die jemand treffen kann, den Launen von Politikern und Ideologen zu überlassen.“ Treffender hätte man das Urteil aus meiner Sicht nicht kommentieren können. Von dem Mittelalter-Gebot, das in den USA entschieden wurde, ist Deutschland zum Glück weit entfernt. Ich finde es richtig, dass hierzulande bis zur 14. Woche ein Schwangerschaftsabbruch möglich ist und der Paragraf 219a - der ein Werbeverbot für Abtreibungen vorsah - endlich gestrichen wurde.

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