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Wie uns „Toxic Positivity“ auf Social Media infiltriert und schadet

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Von: Sina Alonso Garcia

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Fröhliche Frau am Strand mit Smartphone
Dauergrinsend versorgen Influencer ihre Fans nonstop mit glücklichen Einblicken in ihr Leben (Symbolbild). © IMAGO/Svetlana Iakusheva

Instagram und Co. zeigen uns ausschließlich dauergrinsende, top-gestylte und offensichtlich perfekte Menschen. Dieser Umstand kann negative Auswirkungen auf Körper und Seele haben - sowohl für Postende als auch für Betrachter. Ein Kommentar.

Stuttgart - Wer hat das schönste Haus, den schönsten Partner, das schönste Baby? Wer trägt nur die angesagtesten Klamotten, hat immer ein Lächeln auf den Lippen und reist um die Welt? Wer ist immer gut drauf und führt exakt das Leben, das für ihn bestimmt ist? Die ernüchternde Antwort: So ziemlich jeder auf Instagram. Glückliche Momentaufnahmen aus dem eigenen Alltag stehen hier auf der Tagesordnung. Ein Selfie hier, ein Foto vom Strandurlaub da. Die gesunde Fitness-Bowl zum Frühstück, eine Ganzkörperaufnahme des perfekt trainierten Körpers - dann noch ein langer Text, wie „happy and grateful“ man ist. Hashtag: #goodvibesonly.

Mit dem Siegeszug von Instagram hat sich auch ein Phänomen entwickelt, das der Psyche von Nutzern extrem schaden kann: „Toxic Positivity“ (zu deutsch: toxische Positivität). Das Problematische daran: Viele Influencer verbreiten ein Mindset, das ihren Followern suggeriert: „Sei glücklich - egal in welcher Situation. Live, Laugh, Love. - Lebe, lache, liebe.“ Was ursprünglich vielleicht als Inspiration gedacht war, kann leider schnell ins Gegenteil umschlagen. Durch den Druck, immer positiv zu denken, passiert es schnell, dass man unangenehme Gefühle so lange unterdrückt, dass man irgendwann förmlich zu platzen droht.

Gefährliches Dauergrinsen und materielle Besitztümer: So infiltriert uns Social Media

Ich finde: Der zwanghafte Optimismus in den sozialen Medien schadet unserer Gesellschaft gewaltig. Denn niemand, wirklich niemand, profitiert davon. Auf der einen Seite leiden Nutzer von Social Media, wenn sie ständig perfekte Leben präsentiert bekommen. Auf der anderen Seite kann der Wunsch nach makellosen Bildern auch bei Influencern selbst zur enormen psychischen Belastung werden - wie etwa das Beispiel der Fitness-Influencerin Sophia Thiel zeigt, die selbst eine Essstörung entwickelte.

Als höchst problematisch empfinde ich insbesondere Influencer, deren Postings sich ausschließlich aus ihrem Alltag und materiellen Themen speisen. Diese Accounts verfolgen häufig kein anderes Ziel, als ein Idealbild von Partnerschaften, Familie, Reisen oder materiellen Besitztümern zu vermitteln. Im Mittelpunkt steht nicht: Was hat derjenige zu sagen? Sondern nur: Wie sieht er aus, welche Klamotten trägt er und strahlt er ein glückliches Mindset aus?

Toxic Positivity: Ein Meer der guten Laune und Glückseligkeit

Das Vorgaukeln ständiger guter Laune und Glückseligkeit führt dazu, dass im Kopf von Social-Media-Nutzern ein völlig verschobenes Bild der Realität entsteht. Bestes Beispiel: Bianca und Julian Claßen. Die Influencer inszenierten sich jahrelang als Traumpaar, dessen Leben ausschließlich aus Glamour, Spaß, Reisen und glücklichen Momenten besteht. Als sie kürzlich ihre Trennung bekanntgaben, fielen Fans aus allen Wolken - und vermuteten hinter der Meldung zunächst sogar einen „Prank“. Durch die über Jahre hinweg aufrechterhaltene, durch Filter geschönte Fassade, zweifelte offenbar niemand an der Beständigkeit dieser Beziehung.

Neben geschönten Bildern halte ich auch gewisse Ratgeber und Weisheiten, die auf Social Media verbreitet werden, für toxisch. Ratschläge wie „halte dich fern von negativen Menschen“, „bleib einfach positiv“, „wachse durch das, was du durchmachst“, sind sicher gut gemeint - führen aber dazu, dass keiner mehr Traurigkeit zulässt und alles immer nur weggelächelt wird. Studien zeigen, dass Emotionen verstärkt werden, wenn wir sie unterdrücken. Im Gegensatz kann es unheimlich befreiend sein, sich schlechte Gefühle zu erlauben, auch mal zu weinen, traurig zu sein.

Weniger toxisch positiv sein: Können wir das überhaupt schaffen?

Weniger toxisch positiv zu sein, bedeutet nicht, dass man gute Tage nicht auch feiern und tolle Fotos schießen darf. Jeder kennt diese Momente, in denen alles schön ist, die Sonne scheint, man von guten Freunden umgeben und einfach im „Flow“ ist. Zudem gibt es Momente, in denen man vielleicht ein besonders schönes Erinnerungsfoto geschossen hat, das man in den sozialen Medien teilen möchte. Dagegen ist nichts einzuwenden. Dennoch wünsche ich mir, dass es neben dem „Dauer-Glücklichsein“ in sozialen Medien noch mehr „wahrhaftige“ Inhalte gibt. Inhalte, die kreativ sind, mich zum nachdenken bringen, informieren, anregen, motivieren, inspirieren.

Im Kampf gegen toxisch positive Inhalte empfiehlt es sich, Accounts, die einem nicht gut tun, einfach zu entfolgen. Wenn ihr also mal wieder ungeschminkt in Jogginghose auf dem Sofa sitzt, ihr traurig seid und euch eine ungesunde Mahlzeit einverleibt, weil ihr keine Zeit zum Kochen hattet: Traut euch und löscht die Kanäle, die euch in dem Moment beim Durchscrollen unglücklich machen. Denn eins sollte euch klar sein: Solche Accounts haben weder Mehrwert, noch sind sie gut für eure mentale Gesundheit, noch ist es „echt“, was hinter den ganzen bunten, shiny Filtern so vermeintlich alles stattfindet.

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