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Eklat bei Porsche: Klimaaktivisten sprechen von schlimmer Schikane – „alles falsch“, sagt die Autostadt

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Von: Patrick Freiwah

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Klimaschützer statten Volkswagen einen Besuch ab, um den Konzern mit den Konsequenzen seines Geschäftsmodells zu konfrontieren. Es kommt zum Eklat und gegenseitigen Vorwürfen.

Wolfsburg/München – Wie weit darf und sollte Protest gehen? Ein Vorfall in Wolfsburg vor wenigen Tagen beschäftigt Klimaschützer und den Volkswagen-Konzern. Mitglieder der Protestbewegung „Scientist Rebellion“ – ein Zusammenschluss von Wissenschaftlern – hatten sich in einem Showroom mit Porsche-Luxusschlitten am Boden festgeklebt, um für die Dekarbonisierung im Verkehrssektor zu demonstrieren, wie Merkur.de berichtet.

Mehrere Aktivisten klebten sich im „Porsche-Pavillion“ der Autostadt Wolfsburg am Boden fest und verharrten dort längere Zeit als geplant. Erst am übernächsten Morgen (Freitag) beendete die Polizei die Aktion in Abstimmung mit dem Hersteller, weil die Protestler an ihre körperlichen Grenzen gerieten. Nach Ansicht der Umweltschützer hätten Mitarbeiter des Konzerns die Anwesenden zudem schikaniert und auch Schüsseln für die menschliche Notdurft verweigert.

„Das ist falsch“, sagte Armin Maus, Pressesprecher der Autostadt, auf Nachfrage des Münchner Merkurs von IPPEN.MEDIA. Er habe das Gespräch mit den Aktivisten gesucht und sich rund eine Stunde mit ihnen unterhalten. Die Protestler hätten einen Eimer und ein Sichtschutzzelt gefordert. So ein Zelt habe man aber gar nicht. „Wir haben ihnen keinen Eimer gegeben, weil es im Gebäude genug Toiletten gibt“, so Maus. Man habe den Klimaaktivisten angeboten, diese zu nutzen – bis auf eine Person hätten das auch alle getan. Auch, dass Mitarbeiter die Aktivisten schikaniert hätten, sei „schlichtweg falsch.“

Wolfsburg: Klimaschützer protestieren bei VW – „Urinieren und Defäkieren verweigert“

In sozialen Netzwerken wie Twitter konnte der Klimaprotest verfolgt werden, was zu hitzigen Reaktionen führte – sowohl zu positiven als auch hämischen. So sei in dem Pavillon abends etwa das Licht als auch die Heizung ausgestellt, Türen abgeschlossen und die Klimaschützer ohne Essen ihrem Schicksal überlassen worden. „Wir haben, wenn kein Gast im Raum ist – normalerweise ab 18 Uhr – ein normales Energiesparregime“, erklärte die Autostadt dazu auf Nachfrage unserer Redaktion, die Heizung werde dann beispielsweise gedrosselt. Aber: „Es war weder stockfinster noch eiskalt.“ Auch Essen aus den Autostadt-Restaurants habe man den Aktivisten gebracht. 

Der Wunsch, mit VW-Chef Oliver Blume zu sprechen, blieb den Protestierenden jedoch verwehrt. Wissenschaftler Gianluca Grimalda, der sonst für das Kieler Weltwirtschaftsinstitut arbeitet, nahm per Twitter zu dem Eklat in Wolfsburg Stellung.

„Sie haben unsere Bitte um eine Schüssel zum Urinieren und Defäkieren verweigert“, erklärte er darin und erläuterte die Hintergründe der Protestaktion. Ein Anliegen von ihm und seiner Mitstreiter: Volkswagen dazu bewegen, sich für ein Tempolimit auf Autobahnen von 100 km/h einzusetzen. Laut der Forscher sei diese Umsetzung notwendig, um langfristig die „Dekarbonisierung“ des Planeten erreichen zu können. Über Dinge wie ein Tempolimit könne die Autostadt aber gar nicht entscheiden, erklärt deren Pressesprecher auf Nachfrage. Denn: gesetzliche Regelungen könne man nicht machen, verweist er auf die Politik. Jedoch verweigert die deutsche Politik bislang selbst ein Tempolimit von 130 km/h.

Sicherheitsmitarbeiter hätten die Protestgruppe zudem nicht schlafen lassen, nach der ersten Nacht klagte Grimalda über eine Schwellung an der festgeklebten Hand. Zunächst habe Volkswagen keine Ärzte hereingelassen, es aber später erlaubt. Laut Grimalda stellten diese ein „lebensbedrohliches“ Blutgerinnsel fest. Während der Klimaschützer aus medizinischen Gründen früher die Gruppe verließ, verharrte der Rest der Klimaschutzbewegung neben den Luxuskarossen und wurde nach 42 Stunden und zwei Nächten letztlich von der Polizei entfernt und verhaftet.

Solche Vorwürfe weist die Autostadt zurück. Man habe regelmäßig nach den Aktivisten gesehen, so Pressesprecher Maus. Am zweiten Tag hätten zwei Personen gesundheitliche Probleme bekommen, beide habe man „in medizinische Versorgung gebracht.“

Fast zeitgleich kam es auch beim Pariser Autosalon zu Protesten, bei denen Umweltschützer vor Luxusfahrzeugen protestierten.

Wolfsburg: Klimaschützer besetzen VW-Pavillon – „Greenwashing und Lobbyarbeit“

Nach Ende der Aktion hatte der Klimaschützer Stellung zu den Geschehnissen genommen und dem VW-Konzern Vorwürfe gemacht: „Mir ist klar, dass man nicht das Gebäude eines anderen bewohnen darf und erwarten kann, nett behandelt zu werden. Ich wollte einfach die Heuchelei des Autostadt-Direktors hervorheben, indem er zuerst sagte, dass sie unser Recht auf Protest unterstützen wollen und dann eine Reihe von Aktionen durchführten, um unsere körperliche Ausdauer zu erschöpfen.“

Die Motive der Protestler respektiere man, heißt es aus der Autostadt, aber nicht deren Methoden. Man sei sich völlig einig, dass der Klimawandel ein „riesen Thema“ sei. In dem Gespräch mit den Aktivisten, das er als „gut“ bezeichnete, sei aber auch klar geworden, dass dort eine andere Meinung vertreten würde und Forderungen (zum Beispiel Tempolimit) gestellt wurden, die die Autostadt gar nicht entscheiden und erfüllen könne.

Für die Mitarbeiter sei die Protestaktion belastend gewesen, so Maus weiter. Bei der Aktion sei außerdem wohl ein Schaden in fünfstelliger Höhe entstanden. Unter anderem müsse möglicherweise der komplette Boden im Pavillon ausgetauscht werden, bei einer Kunstblutaktion auf Sandstein vor dem Gebäude wurde außerdem der Sandstein beschädigt.

Bei der Forderung nach einer Tempo-100-Begrenzung handelt es sich um einen flächendeckenderen Protest

Wie Grimalda in einer Mitteilung erklärte, gibt es „ein kurzes und schnell schließendes Fenster, um eine lebenswerte und nachhaltige Zukunft für alle zu sichern“. Das würde der jüngste IPCC-Bericht verdeutlichen. „Wir können nicht zulassen, dass Greenwashing und Lobbyarbeit multinationaler Konzerne wie VW dringende Klimaschutzmaßnahmen verzögern. Unser Leben hängt davon ab“, führt Grimalda aus. (PF)

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