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Wem heute noch das N-Wort „rausrutscht“: Der Shitstorm geschieht euch recht

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Von: Sina Alonso Garcia

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Moderatorin Sarah Kuttner, Heidelbergs Oberbürgermeister Eckart Würzner und der Tübinger OB Boris Palmer.
Haben sich inzwischen für ihren N-Wort-“Patzer“ entschuldigt: Moderatorin Sarah Kuttner, Heidelbergs Oberbürgermeister Eckart Würzner und der Tübinger OB Boris Palmer. © dpa/ Oliver Berg/Sebastian Gollnow/Bernd Weißbrod (Fotomontage BW24)

Manche Personen in Deutschland sind der Meinung, die „Sprachpolizei“ verbiete ihnen den Mund. Doch wer heute noch „versehentlich“ das N-Wort verwendet, hat die Schelte absolut verdient. Ein Kommentar.

Stuttgart - „Was darf ich überhaupt noch sagen?“ Die Frage beschäftigt einige Deutsche zurzeit recht häufig. Gendern hier, Political Correctness dort. Jeden Tag tritt die „Sprachpolizei“ von Neuem auf den Plan und schreibt uns vor, wie wir was auszudrücken haben. So oder so ähnlich sehen es zumindest diejenigen, die sich durch das Verschwinden bestimmter Begrifflichkeiten aus dem Sprachgebrauch persönlich in ihrer Freiheit eingeschränkt sehen.

Ich persönlich finde: Sprache übt ganz klar eine Macht aus und darf sich auch ständig weiterentwickeln. Dabei gibt es durchaus berechtigte Debatten über die Sinnhaftigkeit von bestimmten Veränderungen. Ich für mich habe beispielsweise beschlossen, nicht zu gendern, da ich es für zu umständlich halte und in der Deklination der Wörter ein Problem sehe. Gleichzeitig kann ich auch Argumente von Befürwortern nachvollziehen, die durch das Gendern für eine geschlechtergerechte Sprache sorgen wollen.

Boris Palmer, Sarah Kuttner, Eckart Würzner: N-Wort-“Patzer“ dürfen nicht mehr passieren

Während man über Themen wie das Gendern geteilter Meinung sein darf, gibt es Begrifflichkeiten, über die man nun wirklich nicht mehr streiten sollte. Dass heutzutage immer noch prominente Personen wie der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne), die Moderatorin Sarah Kuttner oder zuletzt der Heidelberger OB Eckart Würzner völlig unbedarft mit dem N-Wort um sich werfen, ist erbärmlich. Hinter dem Wort stehen 400 Jahre Versklavung. Weiße Menschen haben es Jahrhunderte lang genutzt, um schwarze Menschen global zu dehumanisieren. Es steht für Rassentrennung, Kolonialismus und Sklaverei.

Im Podcast „Hotel Matze“ sagte Sarah Kuttner Ende Juli: „Ich bin nicht Fan von Worten, die man nicht mehr sagen darf. Ich finde generell, dass man jedes Wort auf der Welt sagen sollen dürfte.“ Man müsse natürlich aufpassen, um „nicht aktiv“ Leute zu verletzen. „Und zwar alleine bei sowas wie dem N-Wort. Ich finde das super schwierig, dass keiner mehr das... Ich weiß noch nicht einmal, ob ich es jetzt sagen darf oder nicht.“ Sie tat es - und zwar gleich mehrmals.

Weiße, die unbedarft das N-Wort aussprechen: Sie schüren Ressentiments und stärken rechte Populisten

Der Shitstorm gegen Kuttner war - genau wie der bei Palmer und Würzner - vorprogrammiert. Und das absolut berechtigt. Warum haben weiße Menschen im Jahr 2022 noch immer ein so starkes Bedürfnis, dieses nachweislich rassistische Wort zu verwenden? Die Unbedarftheit, mit der Weiße wie Kuttner, Palmer und Würzner das Wort aussprechen, ist gefährlich. Denn sie suggeriert: Wir tun hier etwas für die Freiheit. Indem wir uns nicht alles vorschreiben lassen. Von wegen Freiheit: Sie schüren Ressentiments, stärken rechte Populisten und reißen Narben auf bei denjenigen, die von Rassismus betroffen sind.

Die drei genannten Prominenten haben sich inzwischen entschuldigt. Boris Palmer etwa räumte Fehler ein und beteuerte, er „hätte das Handy lieber weglegen sollen“. Auch der Heidelberger OB schrieb in den sozialen Netzwerken, dass ihm der Fauxpas leid tue. Sarah Kuttner unternahm immerhin den Versuch einer Entschuldigung auf Instagram - der allerdings etwas wirr und nicht wirklich geläutert schien. „Ich wollte sehr wohl darüber reden dürfen: Geht das? Kann man ein Wort verbieten dürfen? Wie könnte man es besser machen? Ich will, dass niemand das N-Wort hören muss und da kommt der Punkt, den ich falsch gemacht habe. Ich habe, um den Punkt klarzumachen, das Wort benutzt, weil ich dachte: Guck es ist nur ein Wort, jeder weiß sowieso, was hinter dem N-Wort steht, es macht gar nichts besser. Ich habe Angst, es macht Sachen schlechter.“

Freiheits-Kämpfer der Sprache: Selbstreflexion scheint nicht jedem gegeben

Während Palmer und Würzner Reue zeigen, versucht Kuttner, ihre Aussage zu rechtfertigen. Ich finde, sie hätte auch einfach sagen können, dass es ein Fehler war. Punkt, fertig aus. Doch die Fähigkeit zur Selbstreflexion scheint nicht jedem gegeben. Auch Twitter-Trolle zeigen regelmäßig, dass sie nichts dazu gelernt haben. Wer ernsthaft Spaß daran hat, Bilder von Schokoküssen - „wie man sie früher nannte“ - zu posten und nostalgisch in der Vergangenheit zu schwelgen, sollte sich bewusst machen, dass sein Verhalten andere Menschen verletzt.

Wie würden solche Leute reagieren, wenn man zum Beispiel Bilder von Deutschen posten und sie allesamt als „Nazis“ betiteln würde - „wie man sie früher nannte“. Mein Rat an die selbsternannten „Freiheits-Kämpfer“ der Sprache: Steckt eure Energie doch mal lieber in Themen, die die Gesellschaft weiterbringen und hört auf mit euren „Sticheleien“ und Provokationen - denn letztendlich werden die Gräben zwischen euch und der von euch so verhassten „woken“ Szene so nur noch größer.

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