Kommentar

Liebe Männer, spart euch euer „Lach doch mal“ - es ist übergriffig und unverschämt

Eine Frau schaut traurig auf Bahngleise.
+
Warum sollen Frauen immer lachen? Unsere Autorin erklärt, warum sie den Satz „Lach doch mal“ nicht mehr hören kann. (Symbolbild)
  • Ines Alberti
    VonInes Alberti
    schließen

Nichtsahnend schlendert man als Frau durch die Stadt und denkt sich nichts Böses – da schreit es von irgendwo „Lach doch mal“. Warum, zur Hölle?

Ein gewöhnlicher Tag in einem Vor-Corona-Sommer. Ich, damals Studentin, stehe hinter der Theke in einem Festzelt und verdiene mir ein paar Euros als Kellnerin dazu. Spüle dreckige Gläser, zapfe Bier, schleppe Kisten, fege Glasscherben auf. Kein glamouröser Job, aber er macht mir Spaß. Die Kollegen sind auch lustig und wir haben eine gute Zeit. „Ich krieg zehn Bier“, ruft es von vor der Theke. Ich zapfe den goldenen Gerstensaft. Und gerade als ich mich dem Gast wieder zuwende, um ihm sein Glas hinzustellen – „das macht 13 Euro bitte“ – kommt es plötzlich ohne Vorwarnung: „Lach doch mal!“

Ach, die alte Leier wieder, denke ich mir. Ein „Danke“ und die 13 Euro hätten mir als Antwort locker gereicht. Aber nein, dieser Klassiker von Hinweisen, die die Welt nicht braucht, scheint im Wortschatz der meisten Zelt-Besucher fest verankert zu sein. Warum, frage ich mich. Was hat der Gast davon, wenn er mich zum Lächeln auffordert, ich mir aus Freundlichkeit ein aufgesetztes Grinsen abringe und augenrollend mit dem Kopf schüttle, sobald er die Theke wieder verlassen hat?

Zwischen Unverschämtheit und Belästigung

Ich würde lügen, würde ich sagen, die Festzelttheke wäre der einzige Ort, an dem ich diesen überflüssigen Ratschlag bereits zu hören bekommen habe. Oder dass ich nicht zig andere Frauen kenne, die ihn sich nicht ebenfalls immer wieder anhören müssen. Meistens übrigens von Männern - und nein, nicht zwingend von jenen aus dem eigenen Bekanntenkreis. Auch quer über die Straße rufend oder abends im Club können sich mitunter wildfremde Herren ausgerechnet diese drei Wörter oft nicht verkneifen.

Wer darauf hofft, damit das Eis bei mir zu brechen, dem sei jedoch gesagt: Ihr erreicht damit das genaue Gegenteil. Denn „Lach doch mal“ ist eine grenzüberschreitende Unverschämtheit - die Psychologie-Professorin Marianne LaFrance spricht sogar von Belästigung. Also streicht sie doch bitte endlich aus eurem Wortschatz. Tut es für mich. Und tut es vor allem für euch selbst. Denn ich versichere euch: Egal wie ich mich fühle, egal wie gut oder schlecht ich drauf bin - meine Laune wird sich nicht steigern, wenn ihr mir sagt, dass ich doch mal lachen soll. Wirklich. Nie.

Es ist ein Schlag ins Gesicht. Gerade noch habe ich eine tolle Zeit, mache mir keine Gedanken - und aus dem Nichts kommt dieser Kommentar, der mir suggeriert, dass ich schlecht gelaunt aussehe. Und das anscheinend sogar so sehr, dass andere (fremde) Menschen sich genötigt fühlen, mich darauf hinzuweisen. Dabei hat am Ende niemand etwas davon. Ich nicht, weil es mich verunsichert und ich mich fühle, als sei mein Äußeres unzulänglich (noch dazu werde ich wütend, weil ich mich frage, weshalb ausgerechnet du Fremder dir überhaupt herausnimmst, darüber zu urteilen). Und ihr ebenfalls nicht, weil ihr auf diese Art und Weise nie ein aufrichtiges Lächeln von mir bekommen werdet (warum auch immer ihr das überhaupt wollt) – höchstens einen blöden Spruch zurück.

„Ist doch nur nett gemeint“ - nein, ist es nicht

Und jetzt nehmen wir einmal an, ich habe tatsächlich gar keinen Spaß, bin traurig oder verletzt. Vielleicht habe ich Streit mit jemandem, Stress auf der Arbeit oder meine Katze ist gestorben. Wie übergriffig ist es bitte, da mein Lächeln einzufordern - wenn ihr mich gerade erst kennengelernt und überhaupt keine Ahnung habt, wer ich bin oder was in meinem Innersten vorgeht?

Woher kommt dieser Drang, anderen Menschen zu sagen, wie sie sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren haben? Woher die vermeintliche Berechtigung, über andere Leute zu urteilen und es ihnen auch noch ins Gesicht zu sagen? Es so zu präsentieren, als sei das eine offenbar so belastende Information, dass sie unbedingt ausgesprochen werden muss? Es ist etwas anderes, als wenn ich jemanden darauf hinweise, dass er etwas zwischen den Zähnen hat. Ich gehe ja auch nicht durch die Welt und sage „Jürgen, werd‘ doch mal deinen Bierbauch los!“ oder „Max, zupf dir doch mal die Augenbrauen!“ Sind das Dinge, die mir auffallen, wenn ich Menschen anschaue? Ja. Stören sie mich so sehr, dass ich es wagen würde, fremde Menschen damit zu konfrontieren, dass sie aufgrund derartiger Merkmale möglicherweise nicht meinen Ansprüchen genügen? Zur Hölle, nein.

„Du bist eben hübscher, wenn du lachst“

Jetzt kann man natürlich sagen „Ist doch nur nett gemeint“, „Der will halt flirten“, „Du bist eben hübscher, wenn du lachst“. Die Wahrheit aber ist, dass keine dieser Erklärungen akzeptabel ist - insbesondere in einer Zeit, in der wir derart antiquiertes und sexistisches Verhalten vermeintlich hinter uns gelassen haben. Denn um nichts anderes handelt es sich meistens bei „Lach doch mal“: Sexismus. Wie kommt es sonst, dass es in der absoluten Mehrheit Frauen sind, die sich diese drei Worte regelmäßig anhören müssen?

Nicht nur habe ich nie eine Frau einen fremden Mann zum Lächeln auffordern hören - nein. Mir ist grundsätzlich nicht bekannt, dass sich jemand großartig an grimmig dreinblickenden Herren stört. Es scheint sogar okay zu sein, nicht einmal erwähnenswert, wenn Männer nicht lächeln. Ein strenger Blick etwa im Bewerbungsfoto wirkt ja sogar irgendwie kompetent. Von Frauen hingegen scheint die Gesellschaft zu erwarten, dass sie stets hübsch, freundlich und gut gelaunt sind.

Und genau das ist nach Auffassung vieler Betrachter offenbar nicht der Fall, wenn frau kein Dauerlächeln im Gesicht mit sich herumträgt. Denn warum sonst fühlen sie sich wohl berechtigt, einzuschreiten? „Lach doch mal“ suggeriert schließlich nichts anderes als „Du siehst mir gerade nicht gut genug aus. Mit einem Lächeln wärst du schöner anzusehen.“ (Denn ich wage zu bezweifeln, dass sich fremde Männer auf der anderen Seite der Theke tatsächlich darum scheren, was mich möglicherweise bedrücken könnte.)

Akzeptiert endlich neutrale Gesichtsausdrücke bei Frauen

Niemand ist rund um die Uhr gut gelaunt und strahlt – vor allem nicht bei anstrengenden Arbeiten. Es gibt tatsächlich Gesichtsausdrücke zwischen himmelhochjauchzend und wütend. Was bei mir und vielen anderen Frauen als „schlecht gelaunt“ empfunden und mit „Resting Bitch Face“ betitelt wird, ist nichts anderes als mein normaler, neutraler Gesichtsausdruck. Den trage ich für gewöhnlich immer dann, wenn ich mir keine Gedanken mache, was ich mit meinen Gesichtsmuskeln anstellen soll - wenn mir gerade niemand einen guten Witz erzählt hat oder ich einen süßen Hund auf der Straße sehe. Die Liste lässt sich beliebig weiterführen, aber ich kürze es ab, denn es läuft – Überraschung – auf „meistens“ hinaus.

Vor allem bei speziellen Tätigkeiten, wie Gläser-Spülen im Festzelt oder Einkäufe im Regen heimtragen, erschließt sich mir nicht, weshalb ich sie mit einem aufgesetzten Grinsen ausführen sollte. Denn ich muss euch enttäuschen: So viel Spaß macht das nicht. Und bloß damit eure Welt vermeintlich ansehnlicher wird, muss ich mir garantiert kein Lächeln abringen, wenn mir nicht danach ist. Lachen ist zwar gesund und kann selbst die eigene Laune steigern. Aber auch ein neutraler Gesichtsausdruck muss seine Daseinsberechtigung haben - auch bei Frauen.

Wir alle sollten daher ein paar Dinge im Hinterkopf behalten:

  • Der Kommentar „Lach doch mal“ ist übergriffig und überschreitet Grenzen.
  • Frauen sind nicht dazu da, Männer lächelnd zu unterhalten und ihr Blickfeld optisch ansprechender zu machen.
  • Wenn jemand nicht lächelt, heißt das nicht automatisch, dass er oder sie schlecht gelaunt ist – es gibt neutrale Gesichtsausdrücke.
  • Der Gesichtsausdruck einer Person ist Privatsache und geht niemanden etwas an – erst recht nicht fremde Menschen auf der anderen Straßenseite.
  • Niemand sollte sich für seinen Gesichtsausdruck rechtfertigen müssen.
  • Auf ein „Lach doch mal“ wird niemals ein aufrichtiges Lächeln folgen. Punkt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare