Gastronomie

Liebe Eisdielen, warum wollt ihr uns mit euren Servietten demütigen?

In der Eisdiele bekommt man zum Eis eine dünne Serviette - zum Kleckereien Aufwischen ist diese aber nicht geeignet. (Symbolbild)
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In der Eisdiele bekommt man zum Eis eine dünne Serviette - zum Kleckereien Aufwischen ist diese aber nicht geeignet. (Symbolbild)
  • Ines Alberti
    VonInes Alberti
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Servietten helfen uns, wenn wir mit unserem Essen in missliche Lagen geraten. Sie nehmen alles auf, was wir da verteilen, wo es nicht hingehört. Mit einer Ausnahme.

Es gibt Speisen, die können auch die ungeschicktesten Menschen zu sich nehmen, ohne sich großartig zu bekleckern. Zum Beispiel das gute alte Butterbrot, eine Portion Pommes oder auch ein Handkäs. Und dann gibt es Speisen, bei denen es sehr wahrscheinlich ist, dass etwas daneben geht. Zum Beispiel Tomatensuppe, Spaghetti Bolognese oder Döner. Wenn man sich für eine solche Mahlzeit entscheidet, ist eines meist sicherheitshalber in Reichweite: die Serviette, dein Freund und Helfer im Kampf gegen das Besudeln.

Doch nicht überall weiß man offenbar die weichen, saugfähigen Papiertücher zu schätzen. Ausgerechnet in einer bestimmten Art von Lokal, in der massenhaft Klecker-Gefahren lauern, versucht man seit jeher, die Gäste um ihre sauberen Hände und ihre unbefleckte Kleidung zu bringen. Die Rede ist von Eisdielen. Wer schon einmal in Bullenhitze den Wettlauf gegen die Verflüssigung des Eises verloren hat, der weiß, wovon ich spreche. Schmelzendes Schokoladeneis, klebrige Erdbeersoße, übergeschwappte Kaffeetassen - mir fällt kein Ort ein, an dem die Gefahrenlage für weiße T-Shirts größer sein könnte. Ganz zu schweigen davon, wenn auch noch Kinder anwesend sind.

Servietten in Eisdielen beim Kleckern keine große Hilfe

Und wie gehen die Eisdielen mit dieser prekären Situation, mit der omnipräsenten Klecker-Gefahr um? Sie reichen zum Eisbecher ein kleines Papier - handflächengroß und man könnte meinen, Druckerpapier sei dicker. Von der Saugfähigkeit muss ich gar nicht erst anfangen. „Wischfetzchen“ nennt ein Kollege der österreichischen Zeitung Der Standard die „Servietten“ und ich muss sagen, treffender hätte ich es auch nicht formulieren können.

Feststeht: Die Fetzchen sind einem keine Hilfe, wenn man in der misslichen Lage ist, dass sich die Kugel Stracciatella über Gesicht, Hände und Körper ergießt. Gleichermaßen könnte man versuchen, Schadensbegrenzung mit dem Smartphone oder der Geldbörse zu betreiben - das Ergebnis wäre wohl ähnlich, mit dem Unterschied, dass die Geldbörse im Gegensatz zu dem Hybrid aus gefühltem Plastik und Papier zumindest noch Flüssigkeit aufnähme.

Servietten in Eisdielen: Haben sie hygienische Gründe?

Nun muss man sich fragen: Warum ist das so? Gehen wir einmal davon aus, die Eisdielen führen nichts Böses im Schilde. Wofür könnten die Wischfetzchen sinnvoll sein - abgesehen von „Zierde“ oder „für‘s Feeling“? Man könnte argumentieren, dass sie gar nicht zum Schlabbereien Aufwischen gedacht sind, sondern unterwegs bei einer Kugel in der Waffel die Finger vor dem schmelzenden, heruntertropfenden Eis bewahren sollen. Nähme die Serviette Flüssigkeit auf, würde sie auch eher reißen und die Finger wären trotzdem nass. Dennoch habe ich persönlich es auch noch nicht erlebt, dass dieser Hauch einer Serviette sich als Schutzschild behaupten konnte.

Oder haben sie hygienische Zwecke? Damit das Personal beim Befüllen der Waffel diese nicht die ganze Zeit in der nackten Hand halten muss? Möglich. Doch seit dank Corona* Handhygiene ohnehin das Gebot der Stunde ist, müssten die Hände der Bedienungen eigentlich so sauber sein, dass man das Eis auch bedenkenlos aus ihnen verspeisen könnte. Und dann wäre auch immer noch nicht geklärt, warum ich auch eine solche Serviette bekomme, wenn ich ein Spaghettieis, einen Erdbeerbecher oder ein Tiramisu am Tisch bestelle. (Letzteres hat im Übrigen kürzlich für mich den Servietten-Spender zum Überlaufen gebracht: Bei der klebrigen Soße, die darüber verteilt war und ihre Fäden vom Teller in mein Gesicht, auf meine Jacke und wahrscheinlich auch noch den Nachbartisch zog, war das Papierchen nämlich auch keine Hilfe!)

Servietten in Eisdielen: Spott muss das Motiv sein

Es bleibt also nur eine Möglichkeit: Eisdielen wollen uns verspotten. Ihnen muss bewusst sein, wie viele Klecker-Gefahren dort lauern. Mit der „Wischfetzchen“-Serviette schaffen sie eine Illusion: „Hier könnt ihr euch sicher fühlen. Es ist nicht schlimm, wenn einmal etwas danebengeht. Das passiert doch jedem einmal. Hier habt ihr etwas zum Aufwischen.“ Doch was diese Pseudo-Serviette tatsächlich aussagt, ist schlichtweg Hohn: „Na, zu langsam, dein Eis bei 30 Grad aufzuschlecken, bevor es zerrinnt? Pech gehabt, benutze am besten noch diese Serviette, um dein Malheur nur noch mehr zu verteilen, sodass es auch jeder sieht!“ Dann folgt ein dämonisches Lachen.

Klingt nicht plausibel? Nun gut - auf was wir uns aber sicher einigen können: Eisdielen-Servietten sind eine Schande für den Rest ihrer Spezies! (Ines Alberti) *fr.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Auflösung

Als Journalistin konnte ich es mir natürlich nicht nehmen lassen, den wahren Beweggründen der Eisdielen auf den Grund zu gehen. Laut Annalisa Carnio von der Union der italienischen Speiseeishersteller (Uniteis e.V.) werden die dünnen Servietten aus Zellulose und Velinpapier aus zwei Gründen in Eisdielen benutzt: einerseits der Hygiene wegen. Somit müssen Eisverkäufer die Waffeln nicht mit der bloßen Hand anfassen. Wenn die Serviette bereits um den unteren Teil der Waffel gewickelt ist, hat das den positiven Nebeneffekt, dass das Eis nicht unten heraustropft. Andererseits verschwende man durch die kleine Größe der Servietten nicht viel Papier. Carnio tippt, dass auch deshalb oft diese Art von Serviette zu Eisbechern gereicht wird, obwohl hier gar nicht der Beweggrund der Hygiene verfolgt wird. Denn viele Betriebe bestellten schlichtweg nur eine Sorte Servietten.

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