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Influencerinnen um Cathy Hummels: Fragwürdige Aktion für „Mental Health“

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Von: Sina Alonso Garcia

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Cathy Hummels spricht auf Instagram über Depressionen
Auf Instagram empfiehlt Cathy Hummels, gegen Depressionen Sonne zu tanken - und verweist auch auf Produkte, die bei der Heilung helfen sollen. © dpa/Lukas Fortkord/Instagram/cathyhummels (Fotomontage BW24)

Dreizehn Influencerinnen um Cathy Hummels machten kürzlich innerhalb eines „Strong Mind Retreats“ auf psychische Krankheiten aufmerksam. Leider ging die Aktion nach hinten los. Ein Kommentar.

München - Eigentlich ist das Ziel, das die Influencerinnen um Cathy Hummels verfolgen, ein sehr löbliches. Dass sie transparent mit psychischen Problemen umgehen und zeigen, dass auch ihr Leben nicht immer so rosig ist, wie es auf Instagram aussieht, ist nicht selbstverständlich. Wenn die Fitness-Bloggerin Sophia Thiel offen über ihre Essstörung spricht oder Unternehmerin Diana zur Löwen über falsche Schönheitsideale, kann man das in der sonst so aalglatten Social-Media-Welt eigentlich nur gutheißen. Problematisch wird es allerdings, wenn eine Gruppe von gut situierten Influencerinnen sich ein Luxus-Retreat leistet, um damit auf mentale Krankheiten aufmerksam zu machen.

Der Shitstorm war vorprogrammiert. Nachdem Cathy Hummels zwölf weitere Influencerinnen nach Rhodos eingeladen hatte, „um Körper und Geist zu entspannen“, führte das zu einer Welle der Empörung. Insbesondere die bekannte Twitter-Nutzerin „Ann Wältin“ spiegelte in einem Tweet wider, was vermutlich viele Menschen dachten. Darin schreibt sie, dass die Influencer auf ihrem Retreat im 5-Sterne-Luxushotel von Make-Up Artists, Personal Trainern, Fotografen und einem RTL-Kamerateam begleitet wurden. Im Gepäck: Zahlreiche Sponsoring-Produkte.

Retreat von Cathy Hummels: Dauerwerbesendung für „Mental Health“

Wie „Ann Wältin“ in ihrem Tweet beschreibt - und durch Screenshots von Instagram-Storys belegt - glich das Retreat offenbar einer Dauerwerbesendung. Proteinriegel zum Selbermachen, eine gesponserte Bücher-Lounge, Rezepte von Hummels Unternehmen, Smoothies und andere Getränke von Sponsoren, Rabattcodes ohne Ende. „Cathy Hummels hat es geschafft, in den nur drei Tagen exakt 20 Werbepartner zu erwähnen, diverse gesponserte Produkte anzuwerben und diese mit Rabattcodes und Links anzupreisen“, resümiert die Twitter-Nutzerin.

Zurecht empört folgert Ann Wältin: „Psychische Erkrankungen lassen sich nicht mit Mädelsurlaub, Luxushotel, Rabattcode, Smoothiemixer und Mandelmilch therapieren.“ Ihr Tweet wurde inzwischen mehr als 300 mal geteilt (Stand: 10. November 2022) und mehr als 2.600 mal mit „Gefällt mir“ markiert. Für Irritationen sorgte indes ein Video, das die Influencer vor einer Werbewand zeigt. Dort posieren die Teilnehmer des Retreats nacheinander, während in den Untertiteln des Clips verschiedene Probleme eingeblendet werden, mit denen sie in ihrem Leben jeweils zu kämpfen hatten: „I suffered from Depression“, heißt es etwa bei Cathy Hummels - „I suffered from Body Image“ bei Diana zur Löwen, „I suffered from Eating Disorder“ bei Sophia Thiel. Warum man sich in diesem Zusammenhang vor einer Werbewand in Szene setzen muss: Fraglich.

„Es gibt kaum etwas Seltsameres als Influencer, die wie Depressions-Powerrangers vor einer Sponsorenwand posieren“, schreibt der Spiegel-Redakteur Anton Rainer auf Twitter treffend. „Mental Health, aber als Panini-Stickeralbum.“

Die Botschaft, die die Influencer hier - wenn auch ungewollt - vermitteln: Gönn dir ein bisschen Selfcare, Zeit mit Freundinnen, leiste dir etwas, nutze tolle Produkte - und deine Probleme werden sich - zumindest für eine Weile - in Luft auflösen. Die Art, wie hier auf ernst zu nehmende Krankheiten aufmerksam gemacht wird, erinnert stark an das Phänomen von „Toxic Positivity“, das uns derzeit auf Social Media infiltriert und schadet. Sorgen weglächeln, Sport machen, sich gesund ernähren, sich eine gute Zeit machen - alles mit Sicherheit förderlich für die Psyche. Ob es aber Menschen, die wirklich schwer krank sind, hilft? Wohl eher nicht.

Cathy Hummels: Betroffene wehren sich gegen Bagatellisierung von Depressionen

Dass Cathy Hummels das Thema Depressionen inflationär in Zusammenhang mit Produktwerbung anspricht, ist auch der Betroffenenorganisation „Deutsche Depressionsliga e.V.“ nicht entgangen. Auf Instagram appelliert der Verein an die Influencerin - und bezieht sich speziell auf ein Posting, in dem sie für eine Sonnenbrille wirbt, mit der man angeblich „Farbe in sein trübseliges Gedankenkarussell“ bekommen soll. Die Depressionsliga hält das für problematisch. „Sehr geehrte Frau Hummels, in Zusammenhang mit der schweren Erkrankung Depression banal auf Sonnenlicht zu verweisen und damit Werbung für Ihr Unternehmen zu machen, halten wir als Betroffenenorganisation nicht nur für fragwürdig, nein, wir sind entsetzt“, schreibt der Verein. „Sie erwecken den Anschein, die Depression für Werbezwecke zu benutzen.“

Ein Gutes hat Cathy Hummels Fehltritt immerhin: Zahlreiche Nutzer in den sozialen Medien wehren sich gegen die Bagatellisierung psychischer Krankheiten und sprechen sich offen gegen die fragwürdige Aktion aus. Immer mehr Menschen scheinen inzwischen sensibilisiert dafür zu sein, dass es Probleme gibt, die eben nicht mit ein bisschen Sonnenlicht, Yoga und Smoothies geheilt werden können. Hier hat sich insbesondere in den vergangenen Jahren ein starkes gesellschaftliches Bewusstsein entwickelt, das auch in Zukunft sicher helfen kann, gegen eine Romantisierung und Verharmlosung von Depressionen vorzugehen.

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