Familienplanung

Kinderlos und glücklich: Lasst Frauen gefälligst selbst über ihr Leben entscheiden

Zwei Frauen sitzen sich auf Schaukeln gegenüber.
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Von Frauen wird in den meisten Gesellschaften erwartet, dass sie Kinder in die Welt setzen. Doch nicht jede Frau will Mutter werden.
  • Zülal Acar
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Kinderlose Frauen werden in unserer Gesellschaft oft kritisch beäugt. Entweder werden sie bemitleidet oder als egoistisch abgestempelt. BW24-Autorin Zülal Acar findet: Lasst Frauen selbst über ihr Leben und ihre Körper entscheiden.

Stuttgart - Sie tickt unentwegt, die biologische Uhr. Für manche Frauen leiser, für andere lauter. Manchen fällt das vorwurfsvolle Ticktack in ihrem Inneren gar nicht auf, andere können ihren Sekundenzeiger förmlich rasen hören - und geraten in die Bredouille. Jetzt doch noch ein Kind bekommen? Oder es lieber für immer sein lassen? Man könnte meinen, jene Frauen, die das Ticken ihrer Uhr ignorieren, hätten es da einfacher. Sie entscheiden sich bewusst gegen Kinder. Ihre Entscheidung. Punkt. Aus.

Doch ganz so einfach ist es leider nicht. Die Zahl derer, die sich bereits in jungen Jahren sterilisieren lassen, wächst. Trotzdem scheint es noch immer ein Tabu zu sein, wenn eine Frau sagt, dass sie keine Kinder haben möchte. Ich sage: Es reicht. Wir sollten dringend öfter und vor allem frei von Urteilen über das Thema reden. Denn viel zu oft scheinen noch antiquierte Rollenbilder und Wertevorstellungen die Ansichten der Menschen zu bestimmen.

Freiwillig kinderlos: „Was ist, wenn du es später bereust?“

Eine Frau sollte früher oder später Mutter werden: Diese Annahme gilt bis heute für viele als selbstverständlich und wird Kindern bereits in jungen Jahren vermittelt - übrigens ganz gleich, in welchem Kulturkreis man sich bewegt. Das fängt bei scheinbar unschuldigen Rollenspielen wie „Mutter-Vater-Kind“ an und findet seinen traurigen Tiefpunkt in dem leidlichen Fakt, dass es ausgerechnet kleine Mädchen sind, deren Eltern es für eine tolle Idee halten, ihren weiblichen Nachwuchs mit Puppen spielen zu lassen - als könnten sie so schon mal für ihr zukünftiges Mutter-Dasein üben.

Mädchen, die hingegen schon im Teenager-Alter wissen, dass sie sich eine Mutterschaft nicht vorstellen können, werden nicht ernst genommen. Im schlimmsten Fall wird ihnen der Gedanke sogar ausgeredet. Es scheint, als ob für Frauen qua natura eine unausgesprochene Bringschuld existiert, Kinder zu bekommen - als wäre es ihr Lebenszweck. Doch nicht jede Frau quietscht vor Entzücken, wenn sie das Neugeborene ihrer Verwandten oder Bekannten in den Armen halten darf. Nicht jede Frau spürt dieses sagenumwobene Mutterglück, von dem viele Mütter in ihrer Gegenwart immer wieder schwärmen.

Ich zum Beispiel: Ich bin Ende 20 und verheiratet. Wenn es nach mir geht, ist meine Familienplanung damit abgeschlossen. Wir sind eine Familie. Zu zweit. Doch in meinem Umfeld scheine ich mit dieser Meinung fast allein dazustehen. Bei dem Satz „Ich möchte keine Kinder“ fühlen sich viele beleidigt, Menschen mit Kindern sogar persönlich angegriffen. Sie sind entsetzt und zweifeln an meiner Urteilsfähigkeit. „Aber warum? Was geht euch das an?“, denke ich mir oft.

Deshalb meine Bitte: Lasst Frauen doch selbst entscheiden, was sie mit ihrem Körper und ihrem Leben machen wollen. Freiwillig auf Nachwuchs zu verzichten, bedeutet nicht, dass man (eure) Kinder automatisch hasst. Im Gegenteil: Viele bleiben sogar kinderlos, weil sie eine zukünftige Generation in keine Welt setzen wollen, die von einer Krise in die nächste stolpert. Ganz zynisch betrachtet, könnte man die bewusste Entscheidung für Kinderlosigkeit also quasi sogar als Akt der Selbstlosigkeit bewerten.

Frauen sollten alles dürfen - auch bereuen

Familienplanung ist ein komplexes Thema, zu dem jede Frau eine eigene Lösung finden sollte. Sie kann sich mit 19 Jahren gegen ein Leben mit Kindern entscheiden, ihre Meinung dann mit 48 ändern und trotzdem immer noch Mutter werden. Sie kann sich aber auch früh sterilisieren lassen - noch bevor sie jemals ein Kind zur Welt gebracht hat. Und: Sie kann es später bereuen. Denn es ist ihre eigene Entscheidung. Jede Zufriedenheit, aber auch jeden Schmerz, der mit dieser Entscheidung einhergeht, muss ausschließlich sie selbst verantworten.

Es gibt viele Möglichkeiten und Lebenslinien. Doch am Ende ist und bleibt es die Angelegenheit der Frau, nicht eure. Wenn sich ein Mann sterilisieren lässt, interessiert es schließlich auch kaum jemanden. Warum mischt man sich also permanent in die Körperangelegenheiten von Frauen ein? Sie schulden euch keine Erklärung - und auch keine Nachkommen. Es sollte möglich sein, zu sagen „Ich will keine Kinder, jetzt nicht und auch später nicht“, ohne betretenes Schweigen oder vorwurfsvolle Blicke kassieren zu müssen.

Dennoch ist es genau das, was bewusst kinderlos lebende Frauen wie ich regelmäßig zu hören bekommen: „Hast du Angst vor der Verantwortung? Was ist, wenn du es später bereust? Was tust du, wenn du alt bist, wer kümmert sich später um dich?“ Es scheint so: Ganz egal, wie glücklich eine Frau mit ihrer Entscheidung leben mag - ihr Umfeld tut es nicht. Gerade andere Mütter wollen einen dann davon überzeugen, wie erfüllend ein Leben mit Kindern sein kann. Dabei sind Menschen mit Kindern laut einer Studie aber gar nicht automatisch glücklicher* (*tz.de berichtete).

Der Gipfel des Frauseins ist nicht die Mutterschaft

Noch dazu ist es auch nicht so, dass Frauen das Muttersein unbedingt leicht gemacht wird. Hat man erst einmal Kinder, wird erwartet, dass man sich völlig selbstlos und hingebungsvoll um diese kümmert. Haushalt, Job und Partner (falls vorhanden) dürfen trotzdem nicht zu kurz kommen. Und selbst wenn eine Frau das Glück hat, in einer Partnerschaft zu leben, kann sie sich nicht einmal sicher sein, dass sie den Nachwuchs am Ende nicht doch allein großziehen muss. Von den Wünschen und Träumen in Bezug auf eine eigene Karriere will ich gar nicht erst anfangen.

Worauf ich hinaus will: Eine Frau muss viele Opfer bringen, um Mutter zu sein. Ja, Kinder können einem unter Umständen viel Glück und vor allem Liebe zurückgeben, aber sie sind auch teuer, kosten Nerven und fordern von ihren Erziehungsberechtigten ab, ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse zurückzustellen. Wie könnt ihr es daher wagen, Frauen zu verurteilen, die beschließen, dass ihnen dieser Preis für die Mutterschaft zu groß ist? Meine Meinung: Den Gipfel des Frauseins erreicht man garantiert nicht, nur weil man Mutter wird.

Wir sollten daher derartige Entscheidungen jeder Frau selbst überlassen und nicht anzweifeln. Jeder - egal ob Frau oder Mann - sollte selbst über den eigenen Körper entscheiden dürfen. In jeglicher Hinsicht. Wir sollten uns daher für Mütter freuen, die es aus Überzeugung sind, und für jene, die es aus Überzeugung nicht sind. Denn am Ende ist es ihr Körper und ihr Leben - nicht eures. Ich persönlich habe mich dafür entschieden, die biologische Uhr zu ignorieren. Und das ist gut so. *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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