Alltagsrassismus

Es ist demütigend, mit türkischem Namen nach einer Wohnung zu suchen

Fotomontage: Links Häuser in Stuttgart, rechts zwei Frauen mit Kopftuch
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Für Menschen mit migrantischem Hintergrund ist es in Deutschland oft schwerer eine Wohnung zu finden.
  • Zülal Acar
    VonZülal Acar
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Menschen mit ausländisch klingendem Namen erhalten statistisch gesehen häufiger Absagen bei der Wohnungssuche. Unsere Autorin hat es selbst erlebt und ist fast verzweifelt.

Stuttgart - Ich erinnere mich noch genau an den Morgen, an dem wir unser Haus an das Feuer verloren. Es war kurz vor neun und wir schliefen noch. Plötzlich hämmerte es stakkatoartig an der Tür und eine panische Stimme rief uns nach draußen. Eine Flammenwand breitete sich vom Nachbargrundstück aus und verschlang alles um sie herum. Der Garten, in dem wir noch am Vorabend gegrillt hatten, hatte sich vom saftigen Grün ins Pechschwarze gefärbt.

Mein Mann und ich standen draußen, in der sengenden Hitze der Sonne, und sahen dem Feuer dabei zu, wie es unser Zuhause zerstörte. Ein Nachbar hatte an seinem Carport herumgewerkelt und dabei den Brand ausgelöst. So schnell wurden wir also zu Wohnungslosen - und hatten keine Ahnung, dass das Martyrium erst noch vor uns lag.

Wohnungssuche: Entscheidend ist der richtige Nachname

In Deutschland ist es schwierig, mit einem türkischen Namen eine Wohnung zu finden. Das wusste ich schon vorher. Wie demütigend und kräftezehrend es tatsächlich ist, erfuhr ich erst, als wir selbst unter Zeitdruck ein neues Zuhause finden mussten. Ich ahnte, dass meine Herkunft bei der Suche ein Hindernis sein könnte. Als ich mich auf die ersten Inserate meldete, war ich dennoch von den vielen Absagen überrascht. „Ist leider schon anderweitig vergeben“, hieß es oft, obwohl das Inserat anschließend noch wochenlang online war.

Nach zig entmutigenden Telefonaten entwickelte ich eine neue Strategie. Ich versuchte, nicht nur besonders freundlich, sondern auch „deutscher“ zu klingen. Also sprach ich meinen Namen auch dementsprechend aus. „Akar“ statt „Adscharrr“ (ˈadʒaɾ ). Möglichst ohne rollendes „R“ und fast schon genuschelt. So untürkisch und unauffällig wie möglich eben. Auf diese Weise wurde ich nicht gleich abgewimmelt. Und irgendwann klappte es dann auch, wir hatten ein paar Wohnungsbesichtigungen in der Region.

Rassismus: Vermieter bevorzugen deutsche Bewerber

Beim ersten Termin begrüßte uns ein älterer weißer Mann in einer recht modernen Wohnung. Er konnte seine Überraschung darüber nicht verbergen, dass wir südländischer aussehen, als ich am Telefon klang. Doch er ließ uns herein, wahrscheinlich pro forma. Denn ich wusste instinktiv, er würde uns beiden seine Wohnung sowieso nicht vermieten.

Es vergingen keine fünf Minuten und er fing an, von unseren „Landsleuten“ zu reden. In seinen Augen waren wir DIE Türken, die im Haus Probleme machen, laut und anstrengend sein würden. So wie er es aus dem Fernsehen oder aus Erzählungen kennt. Als mein Mann und ich uns schließlich auf Türkisch über die Wohnung austauschten, kniff er feindselig die Augen zusammen, musterte uns abschätzig. Dieser Mann wollte keine Türkeistämmigen in seiner Wohnung, das machte er an diesem Nachmittag mehr als deutlich. Also gingen wir.

Ein weiterer Vermieter teilte uns mit, er wolle nicht, dass im Haus, „das Niveau sinkt“. Dann war da ein anderer, der uns während der Besichtigung die ganze Zeit über argwöhnisch im Auge behielt. Sein Blick huschte immer wieder zu meinem Mann, der Vollbart trägt. Wir waren ihm offensichtlich suspekt.

Er konnte sich nicht einmal gekünstelte Höflichkeit abringen. Lustlos schlurfte er durch die einzelnen Räume der renovierungsbedürftigen Wohnung und gab uns nur widerwillig Auskunft. Wir schienen hier nicht reinzupassen und auch nicht gewünscht zu sein. Und so gingen wir.

Nicht nur, dass wir oft den Eindruck hatten, unerwünscht zu sein, wir mussten jedes Mal aufs Neue vom Brand und unserer misslichen Lage erzählen. Es war demütigend. Ich erkannte ein Muster: Egal wie nett das Telefongespräch verlief, spätestens als sie meinen Namen einer Ethnie zuordnen konnten, änderte sich der Tonfall der potenziellen Vermieter. Ganz gleich, wie sehr ich versuchte, sie davon zu überzeugen, dass wir kinderlose, nichtrauchende Akademiker seien, die zuverlässig ihre Miete zahlten - am Ende wog unsere Herkunft schwerer.

Irgendwann kamen mir, genau wie vielen anderen migrantischen Menschen, Zweifel an meiner Wahrnehmung. Möglicherweise war ich ja zu empfindlich, die Einwände der Hauseigentürmer womöglich legitim. „Vielleicht ist unsereins ja wirklich zu laut?“, dachte ich und verinnerlichte rassistische Denkmuster. Ich kenne einige andere migrantische Menschen, die für sich Taktiken entwickelt haben, um schneller an ihre Wohnung zu kommen. Sie melden sich beispielsweise nur mit deutschem Namen zu Wohnungsbesichtigung an. Oder bleiben unter sich „Landsleuten“, bilden Netzwerke, um sich auch bei der Wohnungssuche zu helfen.

Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt: Jeder Dritte betroffen

„Diskriminierung bei der Wohnungssuche erleben viele Menschen. Jeder Dritte mit Migrations- oder Fluchtgeschichte berichtet über solche Erfahrungen“, sagt Remzi Uyguner gegenüber dem Standard. Er ist bei der Berliner Fachstelle gegen Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt tätig. Es seien „wirklich krasse Fälle dabei“, so Uyguner.

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes schätzt, dass sich etwa 70 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund bei der Wohnungssuche diskriminiert fühlen. In vielen Inseraten ist der Zusatz „Nur an Deutsche“ zu lesen. Vermieter bevorzugen also explizit deutsche Mieter. Dabei ist Diskriminierung gesetzlich verboten.

Erst im Frühjahr war durch Recherchen von buten un binnen bekanntgeworden, dass die städtische Bremer Wohnungsbaugesellschaft Brebau Menschen mit Migrationshintergrund systematisch bei der Wohnungssuche diskriminiert hat. Das war für viele marginalisierte Menschen ein weiterer Beweis, schwarz auf weiß, dass das, was sie über Jahre immer wieder erlebt haben, System hat und dass sie diese Form der Ungerechtigkeit nicht hinnehmen müssen.

Doch in der Realität sieht es anders aus. „Viele fühlen sich dem Vermieter hilflos ausgeliefert“, erklärt Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, im Gespräch mit der DW. Auch mein Mann und ich waren nach der wochenlangen Suche verzweifelt. Warum wollte uns niemand? Wo sollten wir denn leben?

Während unserer Suche hatte ich stets das Gefühl, auf die Gnade des Vermieters angewiesen zu sein. Und immer spukte in meinem Hinterkopf die Angst, mein Name oder die Herkunft meiner Vorfahren könnte mir zum Verhängnis werden. Vor allem da wir nach dem Brand so dringend wie eh und je auf eine Wohnung angewiesen waren.

Wir kamen zum Glück bei Freunden und Verwandten unter, solange wir nach einer neuen Bleibe suchten. Erst nach etlichen weiteren Anläufen klappte es und wir konnten endlich in eine neue Wohnung ziehen. Dabei hätte es womöglich viel schneller gehen können - hätten wir eine andere Biografie.

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