Atomkraft an der Grenze

Größte nukleare Müllkippe Europas: An der Grenze zu Frankreich soll ein gruseliges Projekt entstehen

  • Valentin Betz
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Während Deutschland ganz aus der Atomkraft aussteigt, will Frankreich den Anteil am Energiemix nur senken. Der Abbau von Kraftwerken dort hat aber auch Folgen für Baden-Württemberg.

  • Nach der Abschaltung des AKW Fessenheim soll dort ein Reststoffverarbeitungszentrum entstehen.
  • Auf der „größten nuklearen Müllkippe Europas" will der Betreiber Teile alter AKWs einschmelzen.
  • In Deutschland und Baden-Württemberg regt sich Widerstand, Forscher haben einen Gegenvorschlag.

Fessenheim/Freiburg - Spätestens seit der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima ist in Deutschland der Ausstieg aus der Atomenergie beschlossene Sache. Die Risiken eines GAU sind bei Atomkraftwerken einfach zu groß. Das zeigte Mitte Juli das AKW Neckarwestheim II in Baden-Württemberg, an dem Risse in Rohren entdeckt worden waren (BW24* berichtete). Bei anderen Atomkraftwerken in Baden-Württemberg ist man hingegen schon sehr viel weiter. Mitte Mai wurden die Kühltürme des AKW Philippsburg gesprengt. Eine Drohne flogt über das Atomkraftwerk Philippsburg und filmte die Sprengung.*

Im Nachbarland Frankreich geht man einen nicht ganz so radikalen Weg. Anstatt einen kompletten Ausstieg aus der Atomenergie zu vollziehen, werden nur manche Kraftwerke abgeschaltet und damit der Anteil am Energiemix Frankreichs gesenkt. Davon ist auch das Atomkraftwerk in Fessenheim an der Grenze zu Baden-Württemberg betroffen. Das AKW ist etwa 25 Kilometer von Freiburg entfernt und seit 2020 abgeschaltet. Doch über die Zukunft des Standortes ist jetzt eine Diskussion ausgebrochen, bei der sich auch Deutschland kräftig einmischt.

AKW Fessenheim: Nach der Abschaltung könnte es mit nuklearen Stoffen weitergehen - in Form einer Müllkippe

Wie die Badische Zeitung (BZ) berichtet, möchte Electricité de France (EDF) auf dem Gelände des AKW Fessenheim ein nukleares Reststoffverarbeitungszentrum errichten. In dem sogenannten „Technocentre“ soll Metall aus stillgelegten Reaktoren zur Weiterverwertung eingeschmolzen werden - und zwar nicht nur aus Frankreich. Zwar dürften das „Technocentre" keine Teile aus Deutschland einschmelzen, aber durchaus aus anderen europäischen Ländern. Der französische Aktivist und Physiker Jean-Marie Brom spricht laut BZ von „der größten nuklearen Müllkippe Europas“.

Die beiden Reaktorgebäude des Kernkraftwerks Fessenheim. Das Akw im Elsass ging Ende Juni nach mehr als 40 Jahren vom Netz.

Deutschland wäre von solch einer nuklearen Müllkippe allerdings trotzdem betroffen. Denn das Material würde unter anderem über den Wasserweg - also den Rhein - nach Fessenheim gebracht. Dafür soll laut BZ sogar ein eigener Hafen entstehen. Darüber hinaus kann es auch bei einem Reststoffverarbeitungszentrum wie auf dem Gelände des AKW Fessenheim zu Störfällen kommen. Laut Simone Mohr, Senior Researcher für Nukleartechnik und Anlagensicherheit am Ökoinstitut Darmstadt, sei das Gefahrenpotenzial einer Anlage zur nuklearen Reststoffverarbeitung immerhin nicht mit demjenigen eines Kernkraftwerks vergleichbar, so die BZ.

Beim Einschmelzen der Metallteile alter AKWs fällt jedoch auch radioaktive Schlacke an, die wiederum endgelagert werden muss. Außerdem kann es auch bei solchen nuklearen Müllkippen zu Explosionen kommen, die erhöhte Strahlung freisetzen - das war laut BZ 1989 in Krefeld passiert.

Gelände des AKW Fessenheim: Nukleare Müllkippe oder Innovations- und Ökoindustriepark

Baden-Württemberg wäre es wohl am liebsten, der Betreiber EDF würde das Reststoffverarbeitungszentrum nach Tricastin verlagern. Dort wird ebenfalls ein Atomkraftwerk abgebaut und EDF überlegt, die radioaktiven Teile dort einzuschmelzen. Der Ort im Département Drôme wäre jedenfalls deutlich weiter von der deutschen Grenze entfernt. Denn „eine solche Anlage ist in Frankreich früher oder später erforderlich“, so Simone Mohr zur BZ.

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Das elsässische Atomkraftwerk #Fessenheim, das seit Jahrzehnten als Sicherheitsrisiko gilt, ist endgültig abgeschaltet worden. Der zweite Druckwasserreaktor des betriebsältesten Atomkraftwerks in Frankreich ist am späten Montagabend um 23 Uhr vom Stromnetz getrennt worden, wie der französische Energiekonzern EDF mitteilte. Der Vorgang hatte am Montagnachmittag etliche Stunden früher als geplant begonnen. Der erste Reaktorblock des seit Ende 1977 Strom produzierenden Kraftwerks am Rhein war bereits Ende Februar vom Netz genommen worden. Kritikern galt das AKW an der Grenze zu Baden-Württemberg schon seit Jahrzehnten als Sicherheitsrisiko. Atomkraftgegner vor allem in Deutschland und der Schweiz hatten sich lange ohne Erfolg für ein Abschalten der beiden Reaktoren eingesetzt. Deutsche Politiker und Umweltaktivisten begrüßten die Stilllegung. Beschäftigte und Anwohner kritisierten die Abschaltung hingegen scharf. Die Region um die Gemeinde Fessenheim im südelsässischen Département Haut-Rhin soll nun zu einem grünen und grenzübergreifenden Vorzeigeprojekt werden. In einem deutsch-französischen Innovationspark sollen Projekte zu nachhaltiger Energiegewinnung umgesetzt werden. Bis das Gelände des Kernkraftwerks selbst genutzt werden kann, werden jedoch noch Jahrzehnte vergehen. Nach Betreiberangaben sind für die Vorbereitungen der Demontage fünf Jahre veranschlagt, der Abbau selbst dauert dann nochmals 15 Jahre.

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Sollte das Zentrum nach Tricastin ziehen, hätten Wissenschaftler der oberrheinischen Universitäten (EUCOR) und das Freiburger Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme einen alternativen Bebauungsplan für das Gelände des AKW Fessenheim. Sie wollen, dass dort die „Innovationsregion Fessenheim“ entsteht. Wie die BZ berichtet, beinhaltet das einen Innovations- und Ökoindustriepark, ein europäisches Forschungsinstitut für Sozial- und Umweltwissenschaften und einen Besucherpark, der Innovationsthemen vermitteln soll. In dem Innovationspark soll es um Themen wie Gigawattspeicher, Batterie-Produktion, intelligente Stromnetze und Wasserstoff-Speichertechnologie gehen.

„Wir hoffen, dass wir die französische Seite im Sinne einer deutsch-französischen Gemeinschaftslösung davon überzeugen können, dass dieses Konzept nachhaltiger ist“, sagte Klaus Schüle, Leiter der Stabsstelle für grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Regierungspräsidium Freiburg gegenüber der BZ.

Um den AKW-Betreiber EDF und die französische Regierung zu überzeugen, sollte der Innovationspark mehr als 150 Arbeitsplätze schaffen - so viele erhofft man sich von dem „Technocentre“. Ob EDF an Themen wie Umweltwissenschaften interessiert ist, bleibt allerdings fraglich. Auf dem Gelände, das zusätzlich für das „Technocentre“ benötigt wird, wächst inzwischen ein Auwald. Der müsste erst einmal abgeholzt werden - wenn auch nur mit ökologischer Gegenleistung. (*BW24 ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks)

Rubriklistenbild: © Philipp von Ditfurth/dpa

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