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VfB-Jahresrückblick: Vom spannenden Experiment zum gewöhnlichen Bundesligaklub

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Von: Niklas Noack

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Einmal mehr hat der VfB Stuttgart ein turbulentes Jahr hinter sich. Ein Rückblick aus der Sicht eines BW24-Redakteurs.

Stuttgart - 14. Mai 2022, kurz vor 17.30 Uhr: Der Abpfiff in der Mercedes-Benz Arena ertönt und dem VfB Stuttgart ist nach einem 2:1-Last-Minute-Sieg gegen den 1. FC Köln der direkte Klassenerhalt gelungen. Die Zuschauer stürmen den Rasen, tanzen sich die Anspannung aus dem Leib und aus der zunächst langsam einkehrenden Erleichterung entwickelt sich immer mehr eine ausgelassene Party im Rausch der Glückseligkeit.

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Die VfB-Fans lassen nach dem vermiedenen Abstieg den Emotionen freien Lauf.
Die VfB-Fans lassen nach dem vermiedenen Abstieg den Emotionen freien Lauf. © IMAGO/Eibner-Pressefoto/Sascha Walther

VfB Stuttgart: Wohin führt der Weg des Traditionsvereins nach dem Last-Minute-Klassenerhalt?

Momente, die einen auch als Reporter nicht kaltlassen. Minutenlang blicke ich, vom Spannungsbogen des Spiels ausgelaugt, auf das Geschehen auf dem Rasen, auf dem die weiß-rote Menschenmenge längst ihren VfB Stuttgart hochleben lässt. Doch was nun? Ist dieser Klassenerhalt tatsächlich der Wendepunkt für einen Klub, der in der Rückrunde 2021/22 zwischenzeitlich neun Partien am Stück nicht gewonnen und insgesamt eine Saison hingelegt hatte, an dessen Ende ein Abstieg durchaus verdient gewesen wäre?

Das sind die Fragen, die mich neben der Feierstimmung schon Minuten nach dem Abpfiff beschäftigten. Monate später wissen wir: Es war kein Wendepunkt, zumindest hinsichtlich der sportlichen Ergebnisse, die auch in der Folgesaison miserabel blieben. Gewandelt hat sich im Jahr 2022 aber dennoch einiges beim VfB, schon vor diesem Tag im Mai, der vom schwäbischen Glücksrausch geprägt war.

Ex-Sportdirektor des VfB Stuttgart, Sven Mislintat, feierte den Klassenerhalt mit einem Bier.
Als alles gut schien: der einstige VfB-Sportdirektor Sven Mislintat. © Eibner-Pressefoto/Sascha Walther/IMAGO

Mit der Amtszeit von Thomas Hitzlsperger ging beim VfB Stuttgart eine Ära zu Ende

Denn im April verabschiedete sich Vorstandschef Thomas Hitzlsperger vom VfB. Und damit nicht nur eine Identifikationsfigur, die er spätestens seit der Meisterschaft 2007 für die Fans ist. Sondern auch der sportlich Verantwortliche, der gemeinsam mit Ex-Sportdirektor Sven Mislintat die „jung-und-wild-2.0“-Philosophie gegen alle vereinsinternen Widerstände durchboxte. Durch Hitzlspergers Abgang verlor Mislintat zudem seinen Chef sowie Verbündeten, der ihm in Sachen Transfers eine Narrenfreiheit gewährte.

Ab dem Amtsantritt von Neu-Vorstandsboss Alexander Wehrle wehte dann ein anderer Wind. Der Manager, der zuvor jahrelang beim 1. FC Köln arbeitete, machte schnell klar, sich von der Feierei des Last-Minute-Klassenerhalts nicht blenden lassen zu wollen. Wehrle weigerte sich, dem damaligen Trainer Pellegrino Matarazzo sowie Mislintat voreilig eine Jobgarantie auszusprechen. Stattdessen sollte zunächst mithilfe einer Saisonanalyse dem Ganzen auf den Grund gegangen werden, weshalb der VfB bis zum Ende zittern musste.

VfB-Sportdirektor Sven Mislintat hofft auf den ersten Stuttgarter Bundesligasieg dieser Saison.
Hoffte bis zuletzt, seinen Weg beim VfB Stuttgart weitergehen zu können: Ex-Sportdirektor Sven Mislintat. © Eibner-Pressefoto/Wolfgang Frank/IMAGO

Das Ende von Pellegrino Matarazzo als Trainer des VfB Stuttgart

Matarazzo und Mislintat durften vorerst weitermachen, doch die Probleme blieben. Nach erneut neun sieglosen Partien in Folge musste im Oktober Coach Matarazzo schließlich seinen Hut nehmen. Eine Trennung, die trotz einer ordentlichen Leistung gegen den damaligen Tabellenführer Union Berlin (0:1) schon direkt nach dem Abpfiff in der Katakomben-Luft des ehemaligen Neckarstadions lag.

Denn Matarazzo gab sich bei der anschließenden Pressekonferenz ungewöhnlich distanziert und sprach nicht mehr vom „Wir“, sondern stattdessen von „der Mannschaft“. Im Detail sagte er: „Ich bin sehr optimistisch, dass die Mannschaft das Spiel gegen Bochum gewinnen kann und wird, unabhängig davon, wer auf der Bank sitzt.“

An einen VfB ohne Matarazzo musste man sich erstmal gewöhnen. Auch als Journalist, schließlich arbeitete man seit zweieinhalb Jahren mit demselben Trainer zusammen, was in Stuttgart in der Vergangenheit eher unüblich war. Interimsweise übernahm vorerst der bisherige Assistent Michael Wimmer, da sich Mislintat für die Suche nach einem geeigneten Nachfolger Zeit nehmen wollte.

Der Cheftrainer des VfB Stuttgart, Pellegrino Matarazzo, auf der Pressekonferenz nach der Niederlage gegen den 1. FC Union Berlin.
Sein letzter Auftritt: VfB-Chefcoach Pellegrino Matarazzo war auf der Pressekonferenz nach der unglücklichen 0:1-Heimniederlage gegen Union Berlin erschüttert. © IMAGO / Pressefoto Baumann

Auch Sven Mislintat muss beim VfB seine Taschen packen

Im Nachhinein betrachtet war es der letzte Versuch Mislintats, seinen eingeschlagenen Weg zu verteidigen. Erneut hätte der Sportdirektor gerne einen Trainer mit klarem Konzept eingestellt, der die Arbeit Matarazzos fortsetzt. Davon abzuweichen, mit einem sogenannten Feuerwehrmann als Coach, kam für ihn nicht infrage.

Schlussendlich wurde Mislintat die Entscheidung abgenommen. Zu mächtig für einen Sportdirektor, so soll es VfB-Boss Wehrle gesehen haben, war der Grund, den im Sommer auslaufenden Vertrag Mislintats nicht zu verlängern und das Arbeitsverhältnis im Dezember vorzeitig zu beenden. Damit endete das vielversprechende, aber auch risikoreiche „Jugend-forscht“-Projekt, womit Mislintat dem VfB überregional ein modernes Image verpasst hatte.

Er ist noch da: VfB-Boss Alexander Wehrle, der im Mai nach dem Sieg gegen den 1. FC Köln den Stuttgarter Last-Minute-Klassenerhalt feierte.
Er ist noch da: VfB-Boss Alexander Wehrle, der im Mai nach dem Sieg gegen den 1. FC Köln den Stuttgarter Last-Minute-Klassenerhalt feierte. © Eibner-Pressefoto/Sascha Walther/IMAGO

Stattdessen folgte unter Wehrles Leitung ein Schritt zurück und Stuttgart lotste seinen einstigen Erfolgstrainer Bruno Labbadia für eine zweite Amtszeit an den Neckar. Zudem verpflichtete der VfB-Vorstandschef mit Fabian Wohlgemuth einen talentierten Sportdirektor vom SC Paderborn, der sich jetzt beim unruhigen Traditionsverein beweisen muss.

Bruno Labbadia, Alexander Wehrle und Fabian Wohlgemuth auf der Pressekonferenz des VfB Stuttgart
Der neue Cheftrainer Bruno Labbadia, VfB-Vorstandsvorsitzender Alexander Wehrle und der neue Sportdirektor Fabian Wohlgemuth (v.l.n.r.) bei der Pressekonferenz. © IMAGO/Pressefoto Rudel/Robin Rudel

Die Entscheidungen Wehrles sind, so finde ich, alle nachvollziehbar. Dazu zählen ebenfalls die Verpflichtungen von Sami Khedira und Philipp Lahm als Berater, womit sich der Vorstandschef fußballerische Erfahrung an die Seite holte. Dennoch steht unterm Strich, dass sich der VfB weg vom spannenden Projekt hin zu einem normalen Bundesligisten entwickelt, der mit aller Macht versucht, den dritten Abstieg innerhalb von sieben Jahren zu verhindern. Ob es klappt, wird sich im neuen Jahr zeigen.

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