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„Kostenexplosion“ bei Süßwaren: Insiderin schließt Versorgungsengpässe nicht aus

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Von: Jason Blaschke

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Die deutsche Süßwarenindustrie berichtet von finanziellen Belastungen in „existenzbedrohendem“ Ausmaß. Es ist von Engpässen und „Kostenexplosion“ die Rede.

Stuttgart - Teure Lebensmittel-, Energie- und Spritpreise, Lieferengpässe oder auch Hamsterkäufe sind zum Teil Folgen des tobenden Kriegs in der Ukraine, die die Verbraucher und die Wirtschaft in Deutschland aktuell massiv zu spüren bekommen. „Strom ist inzwischen fast fünf- bis zehnfach teurer. Und der Gaspreis hat sich mindestens verdoppelt“, sagte Anne-Kristin Barth vom Verband der Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft (VGMS) vor wenigen Wochen im Gespräch mit BW24.

Süßwarenindustrie kämpft mit Kostenexplosion: „Noch nie dagewesene Belastungen“

Die Brancheninsiderin geht davon aus, dass auf die Verbraucher weitere Teuerungswellen zukommen, sollte sich an der aktuell sehr angespannten Lage nichts ändern. Die derzeitige „Kostensituation und die Verteuerungen in allen relevanten Bereichen“ würden Preisanpassungen mit Blick auf Getreideprodukte wahrscheinlich machen. Ebenso angespannt ist die Lage in der Süßwarenbranche. Dort erreichen die finanziellen Belastungen infolge von Corona und Ukraine-Krieg „existenzbedrohende“ Ausmaße.

„Schon mit der Corona-Pandemie haben sich Energie, Agrarrohstoffe, Verpackungen, aber auch Transport sowie Logistik massiv verteuert“, heißt es in einer Mitteilung des Bundesverbands der Deutschen Süßwarenindustrie (BDSI). Der Krieg in der Ukraine hätte die ohnehin bestehenden Probleme noch verschärft. In der Mitteilung ist von „noch nie dagewesenen Belastungen“ die Rede. Diese würden die Betriebe in „existenzbedrohendem Maße“ treffen.

Süßwaren-Rohstoffe kosten immer mehr – Teuerungsraten von über 150 Prozent

Ganz besonders belastend seien derzeit die Kosten der Rohstoffe, die in der Süßwarenindustrie benötigt werden. Im Vergleich zum April 2021 seien die Preise enorm nach oben geklettert. Die folgenden Lebensmittel sind von den Preissteigerungen betroffen:

Die extremen Verteuerungen mit Blick auf das Speiseöl lassen sich auf die beiden wichtigsten Importländer Russland und Ukraine zurückführen, aber auch die Hamsterkäufe in Deutschland machen das Speiseöl-Angebot knapp und teuer. Die mehr als 70-prozentige Preissteigerung beim Palmöl lässt sich wiederum auf den Palmöl-Exportstopp in Indonesien zurückführen. Das Land ist noch vor Thailand und Malaysia das weltweit wichtigste Importland für Palmöl überhaupt.

Die Grafik zeigt die Menge an Sonnenblumenöl, die Deutschland aus anderen Ländern importiert.
Deutschland deckt seinen Sonnenblumenöl-Bedarf zu 94 Prozent aus Importen. Russland und die Ukraine spielen dabei eine wichtige Rolle. © Oil World/Pressegrafik

Mehr als 70 Prozent der Produzenten besorgt – „ernsthafte Versorgungsprobleme“

Für die Unternehmen in der Süßwarenbranche sind die Verteuerungen, aber auch die steigenden Ausgaben für Logistik und Energie fatal. Laut BDSI melden 72 Prozent der Unternehmen „ernsthafte Versorgungsprobleme“ mit agrarischen Rohstoffen wie Milchpulver, Pflanzenölen, Glukose, Eiern und Weizen. Die dramatische Entwicklung sei aus Sicht der Branche in der öffentlichen Wahrnehmung noch nicht angekommen.

Auch deshalb fordert Bastian Fassin, der Vorsitzende des BDSI, die Ampel-Koalition in Berlin zur konsequenten Stärkung der heimischen Wirtschaft auf. „Denn nur dann können Arbeitsplätze und Investitionen am Standort Deutschland langfristig gesichert werden.“ Mit Blick auf immer wieder neue regulatorische Auflagen für die Branche kritisiert Fassin, dass gerade die kleineren sowie mittleren Unternehmen der deutschen Süßwarenindustrie diese nicht mehr zusätzlich stemmen können.

Branchenexpertin ist alarmiert – „Verlust der mittelständischen Wirtschaftsstruktur droht“

Jetzt sei die Politik gefordert, insbesondere die vielen mittelständischen Unternehmen in Deutschland vor weiteren „kostspieligen und bürokratischen Belastungen“ zu schützen, erklärt Branchenexpertin Solveig Schneider vom BDSI auf Anfrage von BW24 dazu.

„Ansonsten droht mittelfristig der Verlust der sich bislang als robust erwiesenen mittelständischen Wirtschaftsstruktur in Deutschland.“ Allein auf europäischer Ebene seien aktuell fast 50 Gesetzesvorhaben in Planung, die die Unternehmen in der Branche zusätzlich belasten würden.

Die Politik ist jetzt gefordert, insbesondere mittelständische Unternehmen vor weiteren kostspieligen und bürokratischen Belastungen zu schützen.

Solveig Schneider, Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie

Verteuerungen extrem – Insiderin schließt Versorgungsengpässe nicht mehr aus

Die derzeit größten Herausforderungen für die Süßwarenproduzenten seien die teuren Rohstoffe, gefolgt von den weiter sehr stark steigenden Energiekosten und der Sorge vor einer ausbleibenden Gasversorgung. In der BDSI-Mitteilung heißt es noch, dass neben diesen wirtschaftlichen Folgen auch Covid-19-bedingt hohe Krankenstände und Long-Covid-Erkrankungen unter Mitarbeitern die Unternehmen in der Branche vor große Herausforderungen stellen.

Mit Blick auf aktuelle Kostensituation und die weiteren großen Herausforderungen, vor denen die Süßwarenbranche steht, können Versorgungsengpässe nicht mehr ausgeschlossen werden. Schneider auf die Frage von BW24: „Nach Einschätzung des BDSI ist das für einzelne Produkte des Süßwarensortiments nicht auszuschließen.“ Dass es bisher nicht zu massiven Preissteigerungen im Handel gekommen ist, begründet die Expertin mit der schwierigen Marktsituation.

Einzelhandel setzt Unternehmen in der Süßwarenindustrie „massiv unter Druck“

„Die Unternehmen der deutschen Süßwarenindustrie befinden sich in einer schwierigen ‚Sandwich-Position‘ und stehen gleich von zwei Seiten unter massivem Druck.“ Da seien einerseits die rasant steigenden Kosten für Energie und Rohstoffe sowie der zugleich stark konzentrierten Lebensmitteleinzelhandel in Deutschland, der nur bedingt Preissteigerungen auf Verbraucherseite zulasse. In mehreren Branchen kämpfen Unternehmen mit diesen Schwierigkeiten.

Erst vor wenigen Wochen hatte ein Milchlandwirt aus Deutschland enthüllt, wie extrem das Preispoker zwischen Produzenten und Einzelhandel ist und mit was für harten Bandagen sich Händler und Hersteller in Deutschland bekämpfen. „Wenn Sie unseren Preis nicht akzeptieren, gefährden Sie den Deal“, sollen die Handelsvertreter gedroht haben, als der Landwirt einen besseren Milchpreis aushandeln wollte.

Handel und Produzenten kämpfen mit harten Bandagen – „nicht immer fair“

In einem Interview mit Spiegel Online hatte erst vor einigen Wochen der Top­-Manager einer großen Handelskette zugegeben, dass gerade kleinere Unternehmen „nicht immer fair“ vom Lebensmitteleinzelhandel behandelt werden. Dem Insider zufolge würden höhere Preisforderungen vonseiten der Produzenten oft „reflexartig“ abgelehnt, auch wenn dies für den Lieferanten das wirtschaftliche Aus bedeuten würde.

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