Arbeit auf den Baumwollfeldern

Schwere Vorwürfe bringen Lidl in Bedrängnis „Versklavung“ und „Zwangsarbeit“

Links: Ein Baumwollpflücker arbeitet bei der Ernte auf einem Feld. Rechts: Eine Werbetafel einer Lidl Filiale.
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Der Discounter Lidl soll Beziehungen zu Unternehmen in China gehabt haben, die Zwangsarbeiter einsetzen (Collage/Symbolbild).
  • Julian Baumann
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Menschenrechtsaktivisten erheben schwere Vorwürfe gegen den Discounter Lidl. Der Lebensmittelhändler soll Beziehungen zu Unternehmen in China halten, die Zwangsarbeiter einsetzen.

Bad Wimpfen/Xinjiang - Die Lebensmittelhandelskette Lidl mit Sitz im baden-württembergischen Bad Wimpfen (Kreis Heilbronn) ist mit rund 10.800 Filialen in 32 Ländern der größte Discounter-Konzern der Welt. Das Unternehmen bietet neben Lebensmitteln und Getränken auch sogenannte „Non-Food“-Ware an. Dazu zählt beispielsweise Kleidung. Aufgrund von Beziehungen zu mehreren Textilhandelsunternehmen in der westchinesischen Region Xinjiang sieht sich Lidl aktuell schweren Vorwürfen von Menschenrechtsaktivisten ausgesetzt, berichtet die Süddeutsche Zeitung.

Der Discounter Lidl setzte sich vor wenigen Monaten gegen die Abholzung des Regenwalds ein. Lidl drohte Brasilien mit einem Boykott, dort sollte die Rodung des Regenwalds per Gesetz legalisiert werden. Auch nach den verheerenden Flutkatastrophen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen reagierte das Unternehmen aus Baden-Württemberg. Lidl spendete 10 Millionen Euro an Hochwasser-Opfer. Nun steht Lidl jedoch wegen „Beihilfe zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Form der Versklavung durch Zwangsarbeit“ stark in der Kritik. So lautet der Vorwurf der Menschenrechtsorganisation European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR), die laut der Süddeutschen Zeitung Strafanzeige beim Generalbundesanwalt in Karlsruhe eingereicht hat.

Lidl: Anzeige an mehrere deutsche Unternehmen - Discounter wird namentlich erwähnt

Die ECCHR reichte die Strafanzeige nicht nur gegen Lidl, sondern gegen mehrere deutsche Textil- und Lebensmittelhändler ein. Hintergrund sind die Geschäftsbeziehungen, die diese Unternehmen zur Region Xinjiang in China erhalten. An der westchinesischen Grenze zu Kasachstan werden hunderttausende Uiguren (turksprachige Ethnie, die nahezu vollständig dem islamischen Glauben angehört, Anm.d.Red.) in sogenannten „Umerziehungslagern“ eingesperrt. Auf den Feldern der Region Xinijang pflücken rund eine halbe Million Uiguren in den Monaten September bis November Baumwolle. Größtenteils von Hand und gegen ihren Willen.

Die chinesische Regierung bestreitet die Existenz von Zwangsarbeit in der Region. Die ECCHR geht jedoch der Frage nach, inwieweit sich Unternehmen mitschuldig machen, die trotz der aktuellen Lage noch immer Beziehungen zu Produktionsstätten in Xinjiang haben. In der Anzeige beim Generalbundesanwalt wird der Discounter Lidl von der Menschenrechtsorganisation namentlich genannt. Der baden-württembergische Lebensmittelhändler habe nachweislich Beziehungen zu drei Textilunternehmen mit Sitz in Kaschgar, im Süden von Xinjiang, unterhalten, schreibt die Süddeutsche Zeitung. Mindestens zwei dieser Unternehmen sollen Zwangsarbeiter aus den Umerziehungslagern beschäftigt haben.

Menschenrechtsverletzungen in China: Lidl bestreitet Vorwürfe

Seit dem Jahr 2017 geht die chinesische Regierung gegen die Uiguren und andere ethnische Minderheiten mit islamischem Glauben mit Verfolgung und Umerziehung vor. Durch die Beziehungen zwischen Lidl und den Textilunternehmen in Xinjiang wird dem Discounter vorgeworfen, aktiv die Politik des chinesischen Regimes in Xinjiang unterstützt zu haben. „Wir sehen es als Aufgabe des Justizsystems, diese Frage zu klären“, sagt die Völkerrechtlerin Miriam Saage-Maaß vom ECCHR laut der Süddeutschen Zeitung.

Lidl bestreitet die Vorwürfe jedoch. Man arbeite mit zwei der Firmen seit „über einem Jahr nicht mehr“ zusammen, heißt es aus dem Unternehmen. Mit dem dritten habe man Ende Juni die Zusammenarbeit beendet. Hinweise, dass auf den Feldern in Xinjiang Zwangsarbeiter unter menschenunwürdigen Bedingungen eingesetzt werden, kamen bereits vor mehreren Jahren auf. Im Januar 2021 verhängte die US-Regierung ein generelles Importverbot für Baumwolle aus Xinjiang. Die Discounterkette-Lidl stellte ihre Geschäftsbeziehungen in die Region demnach erst fünf Monate später ein.

Aktuell stellt sich die Frage, ob die Generalbundesanwaltschaft auch in Bezug auf die Strafanzeige der Menschenrechtsorganisation aktiv werde. Es sei schwierig, den Zwang für einzelne Zulieferunternehmen zu belegen, sagt der Sinologe Björn Alpermann von der Universität Würzburg, der die Anzeige analysiert hat. „Ich kann in keinem der angezeigten Fälle glasklare Belege für Zwangsarbeit entdecken“, sagt er, aber es gebe „viele Verdachtsmomente, denen man nachgehen sollte“. Für eine genaue Prüfung der Sachlage wären jedoch Gespräche mit Arbeitnehmern notwendig, die sich frei äußern können, berichtet die Süddeutsche Zeitung. Das sei in Xinjiang derzeit unmöglich.

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