Angst und Misstrauen

Lidl: „Interner Geheimdienst“ machte Mitarbeitern offenbar jahrelang das Leben schwer

Die Lidl-Zentrale in Neckarsulm.
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Was in der Führungsetage bei Lidl über Jahre vor sich ging, empfanden manche Mitarbeiter als nicht angemessen.
  • Sina Alonso Garcia
    VonSina Alonso Garcia
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Nach dem Ausscheiden von „Killerwal“ Klaus Gehrig werden neue Details zu seinem Führungsstil bei Lidl bekannt. Sein Nachfolger Gerd Chrzanowski gilt als deutlich teamorientierter.

Bad Wimpfen - In der Führungsriege von Discounter Lidl hat sich durch den Weggang des langjährigen Patriarchen Klaus Gehrig vieles radikal verändert. Nachdem der Chef der Schwarz-Gruppe das Unternehmen verlassen hat, musste auch die 28-jährige Vorständin Annabel Ehm, die unter Gehrig überraschend schnell Karriere gemacht hatte, gehen. Ehm leitete bei Lidl den Bereich „Interne Prüfung und Beratung“. Unter Mitarbeitern galt der Bereich zum einen als Karriere-Sprungbrett, zum anderen aber auch als höchst problematisch, was Entscheidungsfreiheit betrifft.

Der neue Leiter der Schwarz-Gruppe, Gerd Chrzanowski, krempelt das Unternehmen offenbar grundlegend um. Laut Handelsblatt habe er die umstrittene „Interne Prüfung und Beratung“ endgültig aufgelöst. Von Topmanagern wurde der Bereich als „interner Geheimdienst“ empfunden, der jeden, der einen Fehler machte, vor die Tür setzte.

Klaus Gehrig: Führung des Lidl-Chefs „von Angst und Misstrauen geprägt“

„Die Grundprinzipien der Führung unter Gehrig waren von Angst und Misstrauen geprägt“, sagte eine Führungskraft dem Handelsblatt. Es sei schwer gewesen, neue Ideen einzubringen, da man nicht riskieren wollte, einen Fehler zu begehen. Für jede Entscheidung habe man sich rechtfertigen müssen. Gleichzeitig beförderte Gehrig viele junge Frauen in Führungspositionen, was laut Insidern letztendlich zum Streit mit Lidl-Gründer Dieter Schwarz geführt haben soll.

Über 40 Jahre stand Klaus Gehrig an der Spitze von Lidl - mit dem Ruf eines Alleinherrschers, den die Mitarbeiter „Killerwal“ nannten. Sein Nachfolger Gerd Chrzanowski gilt als deutlich teamorientierter. Wird er den Weg in eine neue Unternehmenskultur und Modernisierung bei Lidl bereiten? Insider trauen es ihm zu. Es heißt, er könne gut zuhören, sei sachorientiert und offen für neue Ideen.

Lidl: Klaus Gehrig bezeichnete Digitalexperten als „Nerds“, die im Keller bleiben sollen

Die Hoffnungen liegen insbesondere darin, dass Chrzanowski die Digitalisierung im Unternehmen gezielter vorantreiben könnte als sein Vorgänger, so das Handelsblatt. Klaus Gehrig hätte Digitalexperten bei Lidl abfällig als „Nerds“ bezeichnet, die man am besten im Keller verstecken müsse, damit sie nicht die restlichen Mitarbeiter mit ihren Ideen anstecken. „Nachher wollen alle einen Kicker im Büro haben“, soll er gesagt haben. Digitale Projekte seien dementsprechend auf der Strecke geblieben - beispielsweise der Abholdienst „Lidl Express“, den Gehrig noch vor dem Start stoppte.

Im Gegensatz zu Gehrig forderte Chrzanowski bereits vor Jahren, es müsse eine klare Vision und Strategie für die Digitalisierung des Unternehmens geben. Nun stehen große Veränderungen in diesem Bereich an: Ab 1. September wird die ehemalige Expertin von Tchibo, Ines Jagemann, die Leitung des Digitalbereichs von Lidl übernehmen.

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