Ursache ist nicht nur der Ukraine-Krieg

Getreideverband: Weitere Preissteigerungen sind wahrscheinlich

  • Jason Blaschke
    VonJason Blaschke
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Produkte wie Speiseöl oder Mehl sind im Einzelhandel oft ausverkauft und im Preis erheblich gestiegen. Demnächst könnten noch mehr Lebensmittel betroffen sein, wie neue Zahlen zeigen.

Stuttgart – Seit Wochen toben die Kämpfe in der Ukraine. Und seit Wochen bekommen auch die Verbraucher in Deutschland viele Folgen zu spüren – gerade am Geldbeutel. Seit Kriegsbeginn kennen die Preise für Energie, Sprit oder auch Lebensmittel bloß noch die Richtung nach oben – exemplarisch dafür steht das knappe und mittlerweile teure Speiseöl. Zuletzt hatte ein Liter Öl 4,99 Euro in mehreren Kaufland-Filialen gekostet.

Experten mit düsterer Prognose: Ende der Teuerungswelle nicht in Sicht

Doch auch immer mehr Milchprodukte kosten mittlerweile mehr als noch 2021. Zwei der wichtigsten Gründe für die Teuerungen sind Lieferengpässe und steigende Energiepreise, die immer mehr Produzenten zu schaffen machen. Erst vor wenigen Wochen hatten in Baden-Württemberg zwei Landesverbände mit Blick auf die Erdbeerernte auf die steigenden Ausgaben für die Landwirte und auch die Produzenten hingewiesen.

Ein Ende der Teuerungswellen ist aktuell noch nicht in Sicht, im Gegenteil: Erst vor einigen Wochen hatten Experten teurere Preise für Lebensmittel vorhergesagt. „Der Anstieg der Energiepreise sowie der Logistikkosten wird sich im Alltag der Verbraucher weiter bemerkbar machen“, sagt zum Beispiel Boris Hedde vom Kölner Institut für Handelsforschung (IFH) im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (DPA).

Krieg in der Ukraine beeinflusst Getreidepreis – „400 Euro pro Tonne“

Eine Lebensmittel-Gruppe, die in Zukunft ebenfalls von Preissprüngen betroffen sein könnte, sind Getreideprodukte wie Brötchen, Nudeln oder Mehlsorten. Zwar sei Deutschland zu rund 95 Prozent Selbstversorger, was das Brotgetreide betreffe, der Krieg in der Ukraine beeinflusse aber die Getreidepreise an der Börse stark, erklärt Anne-Kristin Barth vom Verband der Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft (VGMS) auf Anfrage von BW24. 

Schon vor der Krise in der Ukraine sei es aufgrund knapper weltweiter Getreidebilanzen zu Preisanstiegen an der Börse gekommen, sagt sie. Der Krieg habe die Situation noch einmal verschärft. „Eine Tonne Weizen kostete an der Börse in Paris letztes Jahr noch 195 Euro. Aktuell sind die Preise mit über 400 Euro pro Tonne um ein Vielfaches höher.“ Börsenpreise sind immer eine Orientierung. Wie teuer ein Produkt am Ende für die Verbraucher tatsächlich ist, zeigt der Börsenpreis nicht.

Der Begriff „Getreide“ ist vielfältig

Der Begriff Getreide steht nicht bloß für Mehl oder auch Weizen. Auch Hartweizen, Gerste, Hafer, Mais, Reis, Hirse zählen hier dazu. Getreide wird zu Lebensmittel und Futtermittel, zu Malz und Bier, aber auch zu Stärke für technische Anwendungen verarbeitet oder zur Herstellung von Energie genutzt. Für die unterschiedlichen Zwecke werden unterschiedliche Getreidearten eingesetzt und unterschiedliche Sorten einer Getreideart werden für ganz unterschiedliche Einsatzzwecke benötigt. 

Getreide-Expertin ist sich sicher – neue Preissteigerungen „wahrscheinlich“

Barth geht aber davon aus, dass insbesondere Produkte aus Hartweizengrieß und Hafer für die Verbraucher teurer werden könnten. Denn hier spielen schlechte Ernten in Kanada eine wichtige Rolle. Hinzu kommen steigende Energiepreise, die die Produzenten in Deutschland stemmen müssen. Barth zu BW24: „Strom ist inzwischen um das fünf- bis zehnfach teurer. Und der Gaspreis hat sich mindestens verdoppelt.“

Eine zusätzliche finanzielle Belastung sei zudem die CO₂-Steuer bei der Herstellung von Cerealien, Haferflocken und Nudeln. Diese sei kein gutes Signal für die Stärkung regionaler Wirtschaftsstrukturen, so Barth. Auf die Frage von BW24, ob auf die Verbraucher noch weitere Teuerungswellen bei Getreideprodukten zukommen, antwortet die Expertin: „Mit Blick auf die Kostensituation und die Steigerungen in allen relevanten Bereichen, sind weitere Preissteigerungen wahrscheinlich.“

Transportprobleme bereiten Experten Sorgen – „Logistik an Kapazitätsgrenze“

Wie angespannt die Situation auch in der Getreide-Branche ist, zeigt sich auch im Bereich der Logistik. Laut Barth werde allein die Beschaffung von Verpackungsmaterial immer aufwendiger. „Wir reden hier von Preissteigerungen von rund 50 Prozent.“ Fehlende Fahrer und Dieselpreise würden zudem die Transporte teurer machen. „Die gesamte Logistik von der Rohstoffbeschaffung bis zur Auslieferung läuft an der absoluten Kapazitätsgrenze.“

Die gesamte Logistik von der Rohstoffbeschaffung bis zur Auslieferung läuft an der absoluten Kapazitätsgrenze.

Anne-Kristin Barth, Verband der Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft

Ähnliche äußerte sich auch Eckhard Heuser – Geschäftsführer vom Milchindustrie-Verband (MIV) – im Gespräch mit BW24. Er sagt: „Teilweise sind die Lieferanten nicht lieferfähig. Lieferketten insgesamt sind bedroht.“ Zudem würden die weiter teuren Sprit- und Energiepreise auch seiner Branche schwer zu schaffen machen. „Futter- und Düngemittel sind enorm im Preis gestiegen“, sagte er. Sowohl Heuser als auch Barth bereitet Sorgen, dass die aktuelle Situation nicht berechenbar ist.

Lebensmittel-Preise steigen massiv: Expertin mit klarer Forderung an Politik

Barth zu BW24: „Es ist keine Entspannung in Sicht – das verfolgen die Unternehmen der Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft mit großer Sorge.“ Auch deshalb sieht die Expertin hier die Politik am Zug – primär was die Energieversorgung anbelangt. Zuletzt wurde schon über einen Gas-Notfallplan für Deutschland debattiert, sollte es tatsächlich zu Lieferausfällen kommen. Barth: „Aus unserer Sicht braucht es rasch klare politische Signale.“

Eine Forderung an die Politik, die sicher auch viele Verbraucher angesichts weiter steigender Preise haben. Berichten von RUHR24 zufolge knackt der Butter-Preis mittlerweile die 3-Euro-Marke, was Heuser im Gespräch mit BW24 schon prophezeit hatte. Kommt es nicht zu einer Entspannung der Lage, könnten weitere Preissteigerungen die Folge sein. Barth: „Die Märkte benötigen jetzt eine klare Perspektive – auch, um die Inflation eindämmen zu können.“

Rubriklistenbild: © Jens Kalaene/dpa

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