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„Schock im Einzelhandel“ – viele Produkte werden bald wohl noch teurer

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Von: Jason Blaschke

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Von Milch über Weizen und Sonnenblumenöl – weltweit verschärft sich die Lage auf den Agrarmärkten. Für die Verbraucher hat das Folgen, sagt ein Experte.

Berlin – Je länger der Krieg in der Ukraine tobt, desto spürbarer werden auch die Folgen für die Verbraucher in Deutschland. Immer mehr Nahrungsmittel sind von Lieferengpässen und Preissprüngen betroffen. Zu Kriegsbeginn war es zunächst das Speiseöl, das in vielen Läden plötzlich ausverkauft war. Auch die Speiseöl-Regale der großen Einzelhändler wie Kaufland oder Lidl waren über viele Wochen hinweg leer. Überall wurde primär das Sonnenblumenöl knapp und teuer – auch in der Gastronomie.

Enorme Preissprünge im Einzelhandel – Kaufland-Kunde schockt Speiseöl-Preis

Ende März spitze sich die Lage dermaßen zu, dass sogar die großen Pommes- und Chips-Produzenten Alarm schlagen mussten und vor Versorgungsengpässen warnten. „Uns ist das Lachen vergangen“, erzählte damals ein Gastronom aus Köln, der die Gerichte mit Pommes von seiner Speisekarte entfernen musste. Mittlerweile hat sich das Problem wieder etwas entschärft – allerdings nur mit Blick auf die Lieferengpässe.

Erst vor wenigen Wochen machte ein Kaufland-Kunde eine Entdeckung. Zwar war das Speiseöl-Regal wieder voll, doch der Preis in der Kaufland-Filiale schockte die Nutzer auf Facebook. „Kaufland zockt die Leute aber auch ab, wo es nur geht“, schrieb ein Nutzer zum stolzen Preis von fast fünf Euro pro Flasche. Kein Einzelfall – auch viele andere Einzelhändler mussten ihre Preise für Speiseöle und einige weitere Produkte anpassen.

Experte ist sich sicher: Milch und Milchprodukte wohl bald noch teurer

Berichten von HEIDELBERG24 zufolge reagierte etwa ein Aldi-Kunde sehr emotional auf einige Speiseöl-Paletten im Ausland, die zum Billig-Preis angeboten wurden. Zum Vergleich: In mehreren deutschen Filialen von Aldi kostet eine Flasche Sonnenblumenöl ebenfalls fast fünf Euro. Längst ist aber nicht nur das Speiseöl betroffen. Auch viele Milch- und Milchprodukte sind teurer geworden. Hier sind es primär die steigenden Mehrkosten für die Produzenten, die die Preise nach oben treiben.

Ware wird beim Einkauf auf dem Markt mit Bargeld bezahlt.
Die Preissteigerungen bei vielen Lebensmitteln haben Einschätzungen von Experten zufolge noch nicht ihren vorläufigen Höchststand erreicht. © Christoph Schmidt/dpa

„Futter- und Düngemittel sind enorm im Preis gestiegen“, erklärte Eckhard Heuser vom Milchindustrie-Verband (MIV) vor wenigen Wochen im Gespräch mit BW24 zur aktuellen Situation. Hinzu kommen gestörte Lieferketten und ein akuter Fahrermangel, der die Preise ebenfalls beeinflusst. Heuser: „In Europa herrscht Fahrermangel, die sind alle an der Front!“ Er geht davon aus, dass die Preise für Milch und Milchprodukte noch einmal anziehen werden, „spätestens zum 1. Juli 2022.“

„Inflationärer Schock“ – Experte warnt vor weiteren Preissprüngen

Ähnlich äußerte sich der Verband der Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft (VGMS) in Deutschland. Auf die Anfrage von BW24 antwortete eine Sprecherin, dass steigende Energie-, Sprit- und Logistik-Preise auch die Getreide-Branche belasten. „Mit Blick auf die Kostensituation und die Steigerungen in allen relevanten Bereichen, sind weitere Preissteigerungen wahrscheinlich.“ Das heißt: Die Verbraucher müssen sich auch in Zukunft auf weitere Preissprünge einstellen.

Die Verbraucher hat aktuell erst ein Teil der Preiserhöhungen erreicht.

Eckhard Heuser, Milchindustrie-Verband (MIV)

„Wir erleben einen inflationären Schock im Lebensmitteleinzelhandel“, sagte Chehab Wahby, Konsumexperte der Beratung EY-Parthenon, auf Anfrage des Handelsblatts zur Gesamtsituation auf den weltweiten Agrarmärkten. Der Experte ist sich sicher, dass längst noch nicht alle höheren Kosten der Erzeuger im Supermarkt angekommen seien. „Die Verbraucher hat aktuell erst ein Teil der Preiserhöhungen erreicht“, sagte Eckhard Heuser vom MIV dazu.

Preisvergleich zeigt: Viele Produkte sind schon heute deutlich teurer

Für das Handelsblatt hatte der Preisvergleich Smhaggle exklusiv Regal-Preise ausgewertet. Das Ergebnis: Ein Liter frische Vollmilch kostet als Handelsmarke derzeit fast elf Prozent mehr als am Jahresanfang. Ein halbes Pfund Butter (Handelsmarke) ist um etwa 40 Prozent teurer, ein Kilo Marken-Weizenmehl 20 Prozent. Der Krieg in der Ukraine ist aber nicht der einzige Grund für die drohenden Teuerungswellen. Folgende weitere Faktoren beeinflussen die Preisbildung ebenfalls:

Sowohl Heuser als auch die VGMS-Sprecherin nannten auf Anfrage von BW24 die Knappheit und die Kosten von Düngemitteln als einen wesentlichen Faktor. Eine Knappheit herrscht in Deutschland nach Informationen vom Industrieverband Agrar nicht. Die Landwirte müssten jedoch rund drei- bis viermal so viel bezahlen, wie noch vor drei Jahren. Ein Gasstopp in Deutschland könnte die Preise noch einmal nach oben treiben, denn Gas wird für die Herstellung von Düngemitteln benötigt.

Von Dünger über Trockenheit: Mehrere Faktoren kündigen neue Preissprünge an

Gleiches gilt auch für Pflanzenschutzmittel, die mit Blick auf die Energie-, Sprit- und Logistikkosten ebenfalls im Preis sehr gestiegen sind. Ein weiteres Problem sind führende Agrarländer wie Brasilien, die ebenfalls ihren Dünger zu Teilen aus Russland beziehen und aktuell mit den Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine kämpfen. Hinzu kommen Missernten und Trockenheit, die wichtige Agrar-Länder weltweit bedrohen.

„Indien und Pakistan erleben momentan extreme Hitzewellen, was sich auf die dortige Weizenernte negativ auswirken wird“, sagte der Bonner Agrarökonom Quaim dem Handelsblatt. In Europa seien die kommenden Ernten noch nicht absehbar – doch auch hier hätten einige Regionen schon heute mit anhaltender Trockenheit zu kämpfen. Dass Meteorologen schon vom Mai-Sommer mit Temperaturen von über 30 Grad sprechen, ist mit Blick auf die Trockenheit kein gutes Omen.

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